Kommentar zur Wahl in Kolumbien

Herkulesaufgabe und historische Chance

Gustavo Petro (vorn), Präsidentschaftskandidat der Koalition des Historischen Paktes, und seine Frau Veronica Alcocer (r.) feiern vor Anhängern, nachdem Petro die Stichwahl bei den Präsidentschaftswahlen gewonnen hat.

Gustavo Petro (vorn), Präsidentschaftskandidat der Koalition des Historischen Paktes, und seine Frau Veronica Alcocer (r.) feiern vor Anhängern, nachdem Petro die Stichwahl bei den Präsidentschaftswahlen gewonnen hat.

Bogotá. So ein gut organisierter Urnengang wie die Stichwahl am Sonntag in Kolumbien verdient Anerkennung. Innerhalb einer Stunde lagen die Ergebnisse der Schnellauszählung vor, lösten sich alle gestreuten Spekulationen, Fake News und Gerüchte über eine Wahlmanipulation in Luft auf. Angesichts der reibungslosen Ergebnisübermittlung wird selbst die deutsche Hauptstadt Berlin ein bisschen neidisch.

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Ex-Guerillero Gustavo Petro wird Präsident

Der Linkspopulist Gustavo Petro wird nach den landesweiten Wahlen der nächste Präsident Kolumbiens.

Die Sieger heißen Gustavo Petro und Francia Marquez (50,4 Prozent). Der Ex-Guerillero und die afrokolumbianische Umweltaktivistin haben damit einen historischen Sieg für die kolumbianische Linke eingefahren. Respekt verdiente auch die Anerkennung der Niederlage durch den Verlierer Rodolfo Hernandez (47,3 Prozent). Der parteilose Unternehmer gratulierte umgehend. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich.

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Nun wartet auf das strahlende Duo eine Herkulesaufgabe, aber auch eine historische Chance. Zunächst einmal kann Petro, seit Jahrzehnten ein Dauerkritiker der rechten Regierungen, beweisen, dass er eben nicht nur kritisieren, sondern auch in der Verantwortung erfolgreich gestalten kann. Das Gleiche gilt für seine weltweit beachtete künftige Vizepräsidentin Marquez, die als Goldman-Umweltpreisträgerin vom Aktivismus direkt ins Zentrum der Macht wechselt.

Wie geht es mit den deutschen Kohleimporten aus Kolumbien weiter?

Das ist beileibe kein einfacher Schritt, denn nun wird sie entscheiden und damit eben auch manchmal bitter enttäuschen müssen. Eine konkrete Frage ist zum Beispiel, ob – trotz des im Wahlprogramm angekündigten Beginns einer Dekarbonisierung der Wirtschaft – mehr Kohle gefördert und nach Deutschland geliefert werden soll oder nicht. Klimaschutzminister Robert Habeck hat ja wegen des Energieengpasses das vorübergehende Comeback des Klimakillers Kohle eingeläutet. Umweltschützer in Kolumbien wie in Deutschland werden da genau hinschauen.

Die Aufgaben, die auf Petro und Marquez warten, sind enorm: Rund 19,6 Millionen Menschen der 50 Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer gelten als arm. Besonders an der Pazifikküste und in den von der Gewalt und Armut betroffenen Unruheprovinzen sammelten die Sieger die Stimmen ein. Dort erwarten die Menschen nun Investitionen in die Infrastruktur, die Bildung, den Kampf gegen die organisierte Kriminalität und Korruption, den Schutz vor Gewalt für Menschenrechtler und Aktivisten. Die junge Generation, die die Sozialproteste in den letzten Jahren trug, erwartet eine neue Perspektive und ein friedlicheres Land. Nicht mehr und nicht weniger.

Die neue rechte Opposition ist schwer geschlagen. Ihr großer Fehler: Trotz des 2016 beendeten Krieges mit der Farc weiter in einer Kriegsrhetorik zu verharren, als würde die Farc immer noch mit Attentaten statt mit Argumenten kämpfen. Sie muss sich nun inhaltlich und personell neu aufstellen.

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Linke Guerillas verlieren mit einem sozialistischen Präsidenten ihre Daseinsberechtigung

Besonders spannend ist nun die Zukunft der immer noch aktiven marxistischen ELN-Guerilla sowie der ehemaligen Kämpferinnen und Kämpfer der sogenannten Farc-Dissidenten, die sich dem 2016 abgeschlossenen Friedensvertrag mit dem damaligen Präsidenten und späteren Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos bis heute widersetzen. Im Grunde ist mit dem Wahlsieg des linken Duos Petro/Marquez ihre Daseinsberechtigung hinfällig.

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Das Land wird nun von einem Sozialisten regiert, der den „Kapitalismus weiterentwickeln“ will, und einer Aktivistin, die dem Neoliberalismus die Rote Karte zeigt. Ein sozialistisch regiertes Kolumbien war aber eben immer stets das Ziel der Guerilla, warum und gegen wen also weiterkämpfen? Für Petro und Marquez ist diese Situation deswegen eine einmalige, historische Chance. Ein Fenster der Gelegenheit, wie es die Geschichte eben nur selten anbietet. Sie müssen nun ein überzeugendes Friedensangebot vorlegen und Friedensgespräche organisieren. Gelingt Petro das, wäre das für das Land eine einmalige Chance, aus dem ewigen Teufelskreis der Gewalt herauszukommen – und für ihn die Chance, wie Santos in die Geschichts­bücher zu gelangen.

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