Wenn die Zuversicht schwindet

Die deutsche Gesellschaft im psychischen Ausnahmezustand

Gemeinsam darüber reden: Die Selbsthilfegruppe „Windhunde“ trifft sich jeden Montag im Quartierstreff Wiesenau. Dort sprechen die Betroffenen über ihre Depression.

Zukunftsangst, Schwermut und Depressionen in Deutschland nehmen angesichts der Vielzahl von Krisen zu.

Den Deutschen kommen mit zunehmender Zahl und Dauer der Krisen Zuversicht und Gelassenheit abhanden.

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Zukunftsängste breiten sich aus, weil es der Politik bisher an beruhigenden Signalen, die Zuversicht verbreiten, mangelt.

Zukunftsforscher Horst Opaschowski

„Zukunftsängste breiten sich aus, weil es der Politik bisher an beruhigenden Signalen, die Zuversicht verbreiten, mangelt“, sagte Zukunftsforscher Horst Opaschowski. „Es dominieren eher alarmistische Meldungen, die kaum Zukunftshoffnungen aufkommen lassen.“

Eine Studie des Opaschowski-Instituts für Zukunftsforschung belegt diese Einschätzung. Das hatte im November 2019, also noch vor der Corona-Pandemie, und in diesem Jahr im März kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine jeweils 1000 Menschen zu ihren Zukunftserwartungen befragt.

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Das Vertrauen in Stabilität und Sicherheit geht zusehends verloren

Ergebnis: Das Vertrauen in die Stabilität und Sicherheit von Wirtschaft und Gesellschaft geht in der Bevölkerung zusehends verloren.

Schleppen wir uns also gramgebeugt von einem stetig wachsenden Packen an Problemen durchs Leben? „Wir sind gar nicht mehr in der Lage, diese Vielzahl von Krisen gleichzeitig im Blick zu behalten. Also konzentrieren wir uns, je nach persönlicher Befindlichkeit und sozialem Umfeld, auf einzelne Krisen – und blenden andere aus“, äußert Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Uni Marburg, gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

Was bedeutet: Jeder konzentriert sich also, je nach Betroffenheit oder persönlicher Wahrnehmung, auf die Krise, die ihm die größten Sorgen bereitet: Wer mit seiner alten Mutter jenseits der 80 zusammenlebt, der hat eher schlaflose Nächte, weil er die Pandemie für nicht ausgestanden hält und eine neue Welle im Herbst befürchtet.

Andere leiden unter der Tatsache, dass Russland die Ukraine überfallen hat, und befürchten den Triumph der Diktatur über die Demokratie.

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„Indem wir unsere Aufmerksamkeit individuell auf unterschiedliche Krisen fokussieren, kommt es vor, dass zwei Menschen einen ähnlichen Grad an Beunruhigung empfinden, dabei aber auf zwei unterschiedliche Bedrohungsszenarien verweisen“, erklärt Wagner weiter. Was dazu führt, dass die Stimmung, wie oben untersucht, allgemein als schlecht wahrgenommen wird, jeder dafür aber eine andere Erklärung hat.

Fast unüberwindbare Gräben

Was das gesellschaftliche Klima besonders vergiftet, sind die tiefen Gräben, welche die Gesellschaft spalten. Doch diese betreffen nicht jede der vielen Herausforderungen: „Ich habe das Gefühl, dass sich bei der Frage des Umgangs mit Corona oder beim Thema Ukraine – rüsten wir das angegriffene Land weiter auf oder nicht? – in der Gesellschaft zwei fast gleich große Lager gebildet haben mit fast unüberwindbaren Gräben dazwischen. Bei der Frage der Energieversorgung gibt es in der Gesellschaft noch weniger drastische Gegensätze“, so Wagner.

„Querdenker“ demonstrieren gegen die Corona-Politik der Bundesregierung vor dem Reichstagsgebäude. Bei diesem Thema, auch wenn es um Flüchtlinge oder um den Umgang mit Kriegstreiber Putin geht, ist die deutsche Gesellschaft besonders tief gespalten.

„Querdenker“ demonstrieren gegen die Corona-Politik der Bundesregierung vor dem Reichstagsgebäude. Bei diesem Thema, auch wenn es um Flüchtlinge oder um den Umgang mit Kriegstreiber Putin geht, ist die deutsche Gesellschaft besonders tief gespalten.

In einem Beitrag für die „Neue Zürcher Zeitung“ attestierte der amerikanische Publizist Michael D. Shellenberger den Deutschen jüngst eine Neigung zu „apokalyptischem Denken“ – gespeist aus Zukunftsangst, Technologie­feindlichkeit, einem Hang zu Schwarzmalerei. Während es zum Beispiel in den baltischen Staaten, in Osteuropa, in Großbritannien und den USA sehr früh schon eine in der Gesellschaft breit verankerte Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine gab, bis hin zur Versorgung mit schweren Waffen, weissagten deutsche Politiker eine schnelle Niederlage Kiews.

German Angst? Unter methodischen Gesichtspunkten nicht ganz ernst zu nehmen.

Ulrich Wagner,

Professor für Sozialpsychologie

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Das oft verbreitete Schlagwort von der „German Angst“ – Wagner hält nicht viel davon. „Es gibt keine empirische Methode, die so etwas wie eine besondere Neigung der Deutschen zu Pessimismus oder Skepsis belegt“, so der Sozialpsychologe, „unter methodischen Gesichtspunkten ist das nicht ganz ernst zu nehmen.“

Sehr wohl gebe es aber das Phänomen von Gesellschaften mit viel fundamentaleren Problemen, afrikanische Staaten zum Beispiel, die angesichts von Krisen wie Corona oder regionalen Konflikten vorgeblich gelassener reagieren. „Dort haben die Menschen gelernt, sich viel größeren Problemen zu stellen, da fallen dann etwas schwächere Probleme nicht mehr so ins Gewicht“, so Wagner.

War im Deutschland nach dem Weltkrieg nicht anders

Das war im Deutschland nach dem Weltkrieg nicht anders: Nach dem erlebten Grauen schienen die Menschen viel zuversichtlicher zu sein, „obwohl ihre Probleme im Vergleich mit unseren heutigen viel gravierender waren“, so Wagner. Allerdings sei das äußere Erscheinungsbild, wie Gesellschaften mit Krisen umgehen, kein Indikator für die wirkliche Wahrnehmung der Menschen.

Besser aber, man engagiert sich und wird aktiv.

Ulrich Wagner,

Professor für Sozialpsychologie

Was also tun, gegen so viel Schwermut? Viele blicken zurück, verklären den Blick auf das Gestern. Für Wagner ein übliches Mittel – aber wenig heilsam, mitunter sogar gefährlich: Weil es politisch von jenen ausgenutzt wird, die versprechen, das „Rad der Geschichte zurückzudrehen“ (Trump: „Make America great again“) - natürlich bleibt es beim Versprechen.

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All jenen, die beim Blick auf die Nachrichtenseiten oder dem Hören der Radio-News morgens den Tag schon verfluchen, gibt er mit auf den Weg: „In demokratischen Gesellschaften gibt es zwei Möglichkeiten, sich dem ‚Krisen-Blues‘ zu stellen: Man resigniert und zieht sich ins Private zurück. Besser aber, man engagiert sich und wird aktiv: diskutieren, Lösungen suchen, Vorsorge betreiben, zum Beispiel für das Heizproblem im Winter. Es geht um das Gefühl, sich der Krise nicht passiv auszuliefern – sondern aktiv Lösungen zu gestalten und die Realität zu verändern.“

 

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