Holocaust-Überlebende bangt in Kiew um ihr Leben

Kiewerin hat Auschwitz überlebt – und will nun trotz Krieg in der Ukraine bleiben

Die Kiewerin Anna Strishkowa ist mit dem Mannheimer Fotografen Luigi Toscano befreundet. Sie hat die Experimente von KZ-Arzt Josef Mengele in Auschwitz überlebt. Jetzt will sie auch Putin widerstehen, sagt sie.

Die Kiewerin Anna Strishkowa ist mit dem Mannheimer Fotografen Luigi Toscano befreundet. Sie hat die Experimente von KZ-Arzt Josef Mengele in Auschwitz überlebt. Jetzt will sie auch Putin widerstehen, sagt sie.

Berlin. Das Handy vibriert. Eine SMS ist eingetroffen. Anna Strishkowa sitzt am Tisch ihrer Küche und schaut auf das Display. „Good morning dear Annischka, are you and your Daughter ok?“ Sie lächelt.

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Seit Tagen jeden Morgen die gleiche Frage ihres Freundes Luigi aus Deutschland. „We will win!“, antwortet sie. Wir werden gewinnen.

Ein Plattenbaublock in Kiew

Anna wohnt in Kiew, in einem Plattenbaublock in der Nähe des Präsidentenpalastes. Ihre Wohnung ist voller Pflanzen, die sie liebevoll pflegt. Annas Tochter Olga lebt jetzt bei ihr. Sie macht sich Sorgen um die Mutter. Sie hören Sirenen, sie hasten immer mal wieder in den Luftschutzkeller. Doch Anna bleibt zuversichtlich.

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Die alte Dame hat schon Schlimmeres erlebt und überlebt. Anna Strishkowa gehörte zu den Kindern, an denen der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele im Vernichtungslager Auschwitz grausame Experimente durchführte.

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Etwa eineinhalb Jahre lang, schätzt sie, dauerte die Tortur – bis die Rote Armee 1945 das Lager befreite. Genaueres weiß sie nicht, nicht einmal ihr Alter oder ihren richtigen Namen. Ihre Identität ist die in ihren linken Arm eintätowierte Häftlingsnummer.

Sie muss noch als Kleinkind nach Auschwitz gekommen sein, wahrscheinlich mit einem Transport aus Minsk, ihre Eltern sind vermutlich gleich nach der Ankunft getötet worden. Nach der Befreiung wurde sie von einem ukrainischen Paar adoptiert, ihr Geburtsdatum seitdem: 9. Mai – der Tag der Befreiung.

Täglich chattet der Mannheimer Fotograf Luigi Toscano mit der Holocaust-Überlebenden Anna Strishkowa in Kiew.

Täglich chattet der Mannheimer Fotograf Luigi Toscano mit der Holocaust-Überlebenden Anna Strishkowa in Kiew.

Den Mannheimer Fotografen Luigi Toscano lernte Anna Strishkowa vor acht Jahren in Kiew kennen. Er porträtierte damals für sein weltumspannendes, inzwischen mehrfach ausgezeichnetes Projekt „Lest we forget“ (Gegen das Vergessen) Holocaust-Überlebende in der Ukraine. Beide verstanden sich auf Anhieb, erzählt er. „Anna ist so lieb, sie nennt mich Brüderchen, sie ist sehr bescheiden.“

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Behutsam erzählte sie ihm ihre Geschichte, sie wollte nicht, dass er so geschockt war. Sie sprach davon, wie viel Angst sie in ihrer Kindheit und Jugend vor Ärzten gehabt hätte. „‚Weißt Du, Luigi, wie ich diese Angst überwunden habe‘, fragte sie mich einmal“, erinnert sich Toscano. „Ich bin Ärztin geworden, sagte sie und strahlte mich an. So eine Frau ist Anna. Stark.“

Seit Beginn des Kriegs der Russen in der Ukraine versucht der 49-Jährige, der vergangenes Jahr von der UN-Kulturorganisation Unesco zum „Artist of Peace“ berufen wurde, Anna Strishkowa zur Flucht zu überreden. „Annischka, komm zu mir nach Deutschland“, hat er sie schon mehrmals angefleht. „Doch sie ist so stur.“

Toscano hat schon alles organisiert, Transport, Wohnung in Mannheim, Sponsoren für ihren Aufenthalt. Anna glaubt jedoch ganz fest an den Sieg der Ukrainer gegen den „Agressor“. Sie sagt ganz bestimmt: „Wenn ich Hitler überlebt habe, warum sollte ich dann nicht auch Putin widerstehen? Ich bleibe.“

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Anna Strishkowa hat das KZ Auschwitz überlebt, jetzt will sie auch Putin überleben.

Anna Strishkowa hat das KZ Auschwitz überlebt, jetzt will sie auch Putin überleben.

Der Fotograf, den der Krieg gegen seine Freundin und ihre Mitbürger seelisch stark zu schaffen macht, schöpft selbst Kraft aus Annas Widerstandsvermögen. „Sie ist so überzeugt davon, dass sie gewinnen und die Russen Kiew nicht bekommen werden. Warum soll ich dieser Frau nicht glauben?“, fragt Toscano.

So simst er nun weiter jeden Morgen mit Anna und ihrer Tochter Olga. Das Band zwischen Mannheim und Kiew ist stark. „Es ist wichtig, im Kontakt zu bleiben“, sagt Toscano. „Die Ukrainer müssen wissen, dass wir hinter ihnen stehen. Und wenn Anna ein Zeichen gibt, dann hole ich sie da raus.“

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