Konsequenz des Krieges?

Warum Speiseöl in Deutschland knapp ist – und in anderen EU‑Ländern nicht

Eine Kassiererin eines Supermarktes im russischen Sotschi zieht Flaschen Speiseöl über den Scanner.

Eine Kassiererin eines Supermarktes im russischen Sotschi zieht Flaschen Speiseöl über den Scanner.

Wo im Supermarkt oder beim Discounter sonst das Speiseöl steht, herrscht jetzt Leere. In vielen deutschen Lebensmittelgeschäften sind Sonnenblumen‑ und Rapsöl ausverkauft – und das schon seit einigen Wochen. Grund dafür sei unter anderem der Krieg gegen die Ukraine, hieß es zu Beginn der russischen Invasion.

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Denn die Ukraine gilt als die Kornkammer der Welt und ist einer der wichtigsten Exporteure von Sonnenblumen‑ und Rapssaaten. Gut drei Viertel der weltweiten Exporte an Sonnenblumenöl kommen aus der Ukraine und Russland. Allein die Ukraine macht die Hälfte aller Exporte aus. „Mit dem Kriegsbeginn ist der gesamte Agrarexport aus der Ukraine zum Erliegen gekommen“, sagte die Agrarexpertin Linde Götz in einem Interview bei „ZDF heute“. „Wir beobachten einen dramatischen Angebotseinbruch, den wir so noch nicht erlebt haben.“

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In diesen Ländern gibt es noch Speiseöl

Kein Wunder also, möchte man meinen, dass hierzulande das Speiseöl in den Supermarktregalen fehlt. Doch schaut man in einige deutsche Nachbarländer, scheint es das Problem dort überhaupt nicht zu geben. Sonnenblumenöl und Rapsöl sind in einigen EU-Ländern weiterhin nach belieben verfügbar. In Polen beispielsweise sind die Regale prall gefüllt, wie zuletzt ein Reporter der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ (MAZ) bei einem Testkauf in der deutsch-polnischen Grenzstadt Slubice festgestellt hat.

Das gleiche Bild ergibt sich in Dänemark. Dort stiegen die Preise in letzter Zeit vor allem für Speiseöl – auch inflationsbedingt – zwar kräftig, von einem Mangel kann aber keine Rede sein. Auch in Österreich und Tschechien ist Speiseöl nach wie vor verfügbar. Lediglich Frankreich und die Niederlande erleben laut Medienberichten einen ähnlichen Engpass.

Wie kann es also sein, dass unter anderem nach Deutschland anscheinend die Lieferketten unterbrochen sind, nach Polen, Tschechien, Österreich und Dänemark aber nicht?

Wie ist die unterschiedliche Verfügbarkeit zu erklären?

Florian Block, Pressesprecher des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), sieht vor allem das veränderte Kaufverhalten als Grund für den Mangel in Deutschland. „Als Russland seinen Angriff auf die Ukraine startete, begann ein starker Run der Verbraucherinnen und Verbraucher auf Sonnenblumenöl, weil berichtet wurde, dass die Ukraine einer der größten Produzenten von Sonnenblumen ist“, erklärt er auf Anfrage des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Es gebe kein grundsätzliches Speiseölproblem. Die Lagerhaltung sei für den normalen Konsum vorhanden. Durch Hamsterkäufe müsse es jetzt aber nachbestellt werden. Grundsätzlich sei die Rohware da. „Das Problem ist zum einen das Verpackungsmaterial“, so Block. Es müssten ausreichend Flaschen hergestellt werden, „zum anderen sind die Abfüllkapazitäten komplett ausgebucht“.

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Die Situation in Deutschland sei laut Block also im Wesentlichen hausgemacht. In Polen beispielsweise hätten die Menschen schlicht ein besonneneres Kaufverhalten an den Tag gelegt. Auch Maik Heunsch, Pressesprecher des Verbands der Ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID), bestätigt auf RND-Anfrage, dass Hamsterkäufe die Hauptursache für die Engpässe beim Speiseöl in Deutschland sind. Christian Böttcher, Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittel­handels, erklärte dazu kürzlich im Gespräch mit dem RND: „Hamstern wirkt verstärkend auf den Mangel an bestimmten Produkten.“

Nach Daten des Statistischen Bundesamtes war der Absatz von Speiseöl im Lebensmitteleinzelhandel in der Woche vom 7. bis 13. März mehr als doppelt so hoch (plus 123 Prozent) wie im September 2021. Bei Mehl wurde im selben Zeitraum sogar eine Verdreifachung der Nachfrage festgestellt (plus 206 Prozent).

Zum Ölhamstern ins Ausland

Die Knappheit von Speiseöl in Deutschland einerseits und die Verfügbarkeit in anderen EU-Ländern andererseits führen zu zweifelhaften Importgeschäften. Einige Menschen wittern offenbar ein Geschäft. In sozialen Medien und auf Verkaufsplattformen tummeln sich Anzeigen von Privatpersonen, die Speiseöl zu überhöhten Preisen anbieten – eingekauft aus dem Ausland.

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„Mehl und Rapsöl aus einem tschechischen Lidl. Wer noch etwas braucht, kann sich gerne melden. Abzuholen in Gütersloh“, heißt es in einer Verkaufsanzeige auf Facebook, über die die „Neue Westfälische“ berichtet. Dazu ein Bild eines vollbepackten Einkaufswagens mit mehreren Kartons Speiseöl und Mehl. Auf Ebay wirbt ein Nutzer aus Berlin mit polnischem Rapsöl: „Wir haben insgesamt über 5000 Liter aktuell und können immer schnell liefern.“ Ein Liter soll vier Euro kosten.

Es wird also nicht mehr nur im eigenen Land gehamstert, sondern auch im Ausland.

Sind Hamsterkäufe ein rein deutsches Phänomen?

Wie der Professor für Sozialpsychologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Jan Häusser, in einem Aufsatz schreibt, prallen beim Thema Hamsterkäufe zwei Motive aufeinander. Einerseits das Motiv, sich kooperativ zu verhalten und so gemeinsame Ressourcen für alle verfügbar zu halten. Andererseits das „nachvollziehbare persönliche Motiv, das eigene Wohlbefinden und die eigene Sicherheit zu gewährleisten“.

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In diesen Situationen komme es zu einer Tragik, die darin liege, dass persönliche Motive dazu führen, dass die kollektiven Motive untergraben würden. Dies wiederum führe dazu, „dass irgendwann auch die persönlichen Motive nicht mehr bedient werden können“. Der Anreiz, sich egoistisch zu verhalten, sei dann besonders stark.

Laut Häusser seien Hamsterkäufe allerdings – „anders als teilweise dargestellt – kein exklusiv deutsches Phänomen“. Es sei zu beobachten, dass „in unterschiedlichen Ländern teilweise sehr unterschiedliche Produkte gehamstert werden“ (zum Beispiel Waffen in den USA und Kosmetika in Frankreich). Die Auswahl der Produkte beim Hamstern würden wahrscheinlich eher etwas über kulturelle Unterschiede in den Grundlagen für das eigene Wohlbefinden aussagen.

Die Schlussfolgerung daraus: Mit einem Keller voller Speiseöl fühlen sich die Deutschen sicher. Nur leider reicht es dann nicht für alle.

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