Ukraine-Krise

„Wir wollen leben!“ Die unsichere Zukunft der SOS-Kinderdörfer in der Ostukraine

Leben in einer Welt, die nichts für Kinder bereithält: SOS Kinderdörfer Ukraine hat am Freitag (18. Februar) eine Evakuierung des Kinderdorfs in Luhansk begonnen, nachdem die Gefechte an Intensität zugenommen hatten.

An das laute Knallen der Artilleriefeuer hatten sie sich schon lange gewöhnt. Seit immerhin acht Jahren schon wird dort, im Osten der Ukraine, immer wieder geschossen. Auf der einen Seite stehen prorussische Separatisten, die mit Hilfe Russlands „Volksrepubliken“ in Teilen der ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk ausgerufen haben, auf der anderen Seite der sogenannten „Kontaktlinie“ die ukrainische Armee.

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Doch etwas hat sich in den vergangenen Tagen zum Schlechten verändert, erklärt Serhii Lukashov, der Nationale Direktor der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine: Der Beschuss aus den prorussischen Gebieten, die nun von Russland als Volksrepubliken anerkannt wurden, hörte bislang meistens schnell wieder auf - und das normale Leben ging weiter. Zuletzt jedoch habe das Schießen nicht mehr aufgehört. „Die Region Luhansk ist jetzt wieder Frontlinie“, erklärt er am Telefon und fügt hinzu: „Dort arbeiten wir. Und die Kinder dort brauchen jede Hilfe, die sie bekommen können.“

Selbst hält Lukashov sich derzeit im Südosten des Landes auf, sei aber erst vor wenigen Tagen in Luhansk gewesen und in ständigem Kontakt mit den dortigen Kollegen.

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Der Artilleriebeschuss wurde mit jeder Stunde schlimmer

Der verstärkte Beschuss auf die ukrainisch kontrollierte Seite habe schon am vergangenen Donnerstag begonnen – lange bevor am Montag die Anerkennung der besetzten Teile von Donezk und Luhansk als Volksrepubliken durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin erfolgte. Am 17. Februar hätte es über die gesamte Frontlinie Artilleriebeschuss gegeben.

Ukraine, Stanytsia Luhanska: Ein Loch (r) in der Wand ist vor dem Kindergarten zu sehen, der am 17. Februar  angeblich unter Beschuss der russischen Besatzungstruppen geriet.

Ukraine, Stanytsia Luhanska: Ein Loch (r) in der Wand ist vor dem Kindergarten zu sehen, der am 17. Februar angeblich unter Beschuss der russischen Besatzungstruppen geriet.

An dem Tag wurde der Kindergarten von Stanyzia-Luhanska getroffen, in Popasna eine Schule. „Wir waren alle ziemlich verstört über die dramatische Zunahme“, so der 49-Jährige. „Es wurde mit jeder Stunde schlimmer. Und inzwischen herrscht große Not. Viele Dörfer sind zerstört, Elektrizitätswerke wurden getroffen, die Wasserversorgung wurde lahmgelegt.“ Im ukrainisch kontrollierten Teil der Region gebe es viele Verwundete. „Die Leute haben jetzt Angst.“

Lukashovs Aufgabe ist es nun, die Kinder, die in der Region auf beiden Seiten der Frontlinie von SOS Kinderdorf betreut werden, möglichst schnell in Sicherheit zu bringen – zumal eine weitere Eskalation immer wahrscheinlicher zu werden scheint. Und so sei es die richtige Entscheidung gewesen, das SOS-Kinderdorf Luhansk (der Name bezieht sich nicht auf die Stadt, die unter Kontrolle der prorussischen Rebellen steht, sondern auf die gleichnamige Region) zu evakuieren. Nicht erst, als das Trommelfeuer kein Ende mehr nahm. Schon am Dienstag vergangener Woche habe man beschlossen zu gehen, sagt Lukashov. „Es wurde ja ziemlich massiv in unseren Medien darüber berichtet, als die Führer der westlichen Länder verkündet hatten, die große Invasion Russlands werde am Mittwoch erfolgen. Wir haben das ernst genommen.“

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Nun sei man froh, dass 40 Schützlinge des SOS-Kinderdorfs – nicht nur Waisen sondern auch Kinder von Eltern, die aus den verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, ihre Kinder allein großzuziehen – und ihre Pflegeeltern heil davongekommen sind. Dabei wurde nicht etwa ein klassisches Kinderdorf geräumt. In Luhansk wird das modernere Kinderdorf-Konzept der Desinstutionalisierung verwirklicht, wo die Kinder und ihre (Pflege-)Eltern in den Gemeinden leben, dort vom SOS-Team betreut und unterstützt werden.

Lukashov: „Ein paar Familien weigerten sich“

„In Zügen wurden sie in Richtung Westen gefahren“, sagt Lukashov. Zunächst bleiben die Evakuierten nun für zwei Wochen in Lemberg im Westen der Ukraine, um dann dauerhaft im SOS-Kinderdorf Browary in der Nähe von Kiew unterzukommen.

Doch längst nicht alle wollen ausreisen. „Ein paar Familien weigerten sich“, sagt Lukashov. Vielen sei offenbar die Dramatik nicht bewusst, die der Konflikt in den vergangenen Tagen bekommen hat. Manche hätten auf private Verpflichtungen verwiesen, die nicht aufschiebbar seien. Die lange Dauer des Konflikts habe die Menschen abgestumpft, erklärt Lukashov. „Manche ziehen es vor, erst mal abzuwarten, im Vertrauen darauf, dass es bisher nach ein paar Tagen ja immer wieder ruhiger geworden ist.“ Diesmal vielleicht nicht. „Die Situation ist gefährlich“, betont Lukashov. Man versuche deshalb, die Zögerlichen zu überzeugen.

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Tausende Kinder sind noch zu evakuieren

Noch immer sind viele der Kinder in Gefahr. Tausende seien noch zu evakuieren, bei Weitem nicht alle Pflegekinder im Osten der Ukraine seien in der Obhut der SOS-Kinderdörfer, erklärt Lukashov. Gemeinsam mit den örtlichen Behörden suche man nach Möglichkeiten, auch sie aus der Gefahrenzone in den Westen des Landes zu bringen. Oberstes Gebot ist es für Lukashov dabei, dass die Familien zusammenbleiben, dass es Familienunterkünfte gebe. Die internationale Hilfe, die geleistet würde, um dies zu ermöglichen, sei „großartig“, sagt er.

Um möglichst vielen ein Entkommen aus den umkämpften Gebieten zu ermöglichen, bedürfe es vor allem eins: „Geld“. Die Kosten und Folgekosten für die noch anstehenden Evakuierungen seien hoch. Außer den Transporten selbst müsste der Wohnraum angemietet werden, müssten Sicherheitskräfte und Pädagogen bezahlt werden, um den Neuankömmlingen zu helfen.

Was, wenn Putin bis nach Kiew zieht ...

Gibt es einen Plan B, falls Putin beschließt, die ganze Ukraine mit Krieg zu überziehen? „Falls das passiert, sind wir richtig schlimm dran“, räumt Lukashov ein. „Dann müssten wir unsere SOS-Kinderdorfkinder ganz nach Westen verlegen“, überlegt er. Deren Sicherheit und die der Pflegeeltern könne man garantieren. Ausmalen mag er sich einen großen Feldzug Putins lieber nicht. „Die Region Kiew hat vier Millionen Einwohner. Keine Ahnung, wie viele Kinder dann Hilfe benötigen würden.“ Er seufzt.

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Das Vertrauen in die Solidarität seiner Landsleute ist groß bei Lukashov. Bewiesen hätten die Ukrainer ihren Zusammenhalt bereits. Nach der Krim-Übernahme durch Putin seien 2015 1,2 Millionen Flüchtlinge Richtung Westen geströmt. Klar habe es hier und da Anstrengungen gekostet, „aber nach ein, zwei Jahren hätte man die größte Herausforderungen bewältigt. Es hat keine Ghettos gegeben, jeder, der aus dem Osten ins Kernland der Ukraine gekommen ist, wurde gut integriert.“ Kein schlechtes Ergebnis für ein Volk von 44 Millionen, findet der Chef der SOS-Kinderdörfer, er weiß aber: „Diesmal könnten es viel mehr Flüchtlinge werden. Zwei Millionen vielleicht. Das würde eine große Herausforderung. Wir haben nicht genug Geld, nicht genug Räumlichkeiten, nicht genug Transportmittel.“

Was glaubt er, wird passieren? „Ich hoffe auf das Beste“, sagt Lukashov ruhig, „und bin auf das Schlechteste gefasst.“ Was er sich von der Internationalen Gemeinschaft erhofft: „Bitte nutzt jedes Mittel, das euch zur Verfügung steht, um den Beschuss zu stoppen und den Krieg zu beenden.“ Er hält kurz inne. „Wir wollen nicht getötet werden“, sagt er dann. „Wir wollen leben! Und wir wollen, dass unsere Kinder sicher sind.“

Die fünfköpfige Familie, die in diesem Haus im Distrikt Stanytsia Luhanska lebt, bekommt Unterstützung von SOS Kinderdörfer Ukraine. Ein Jahr waren Eltern, Großmutter zwei Töchter im Alter von 13 und vier Jahren fern von den Kämpfen in Starobilsk, 85 Kilometer östlich von Luhansk, dann kehrten sie zurück in eine Welt, die für Kinder nichts bereithält außer Leid und Tod. Die kleine Tochter Alla will nicht in den öffentlichen Kindergarten. Sicher fühle sie sich nur, so die Mutter, wenn sie das Zeichen des SOS Kinderdorfs Luhansk sehe.

Die fünfköpfige Familie, die in diesem Haus im Distrikt Stanytsia Luhanska lebt, bekommt Unterstützung von SOS Kinderdörfer Ukraine. Ein Jahr waren Eltern, Großmutter zwei Töchter im Alter von 13 und vier Jahren fern von den Kämpfen in Starobilsk, 85 Kilometer östlich von Luhansk, dann kehrten sie zurück in eine Welt, die für Kinder nichts bereithält außer Leid und Tod. Die kleine Tochter Alla will nicht in den öffentlichen Kindergarten. Sicher fühle sie sich nur, so die Mutter, wenn sie das Zeichen des SOS Kinderdorfs Luhansk sehe.

Serhii Lukashov (49) ist seit Mitte Mai 2019 Nationaler Direktor für die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine. Er erwarb Abschlüsse in Psychologie und Sozialarbeit an zwei Universitäten in Kiew und absolvierte zusätzliche Ausbildungskurse in Sozialarbeit an europäischen Universitäten. Seit den 1990er Jahren arbeitet er im Bereich der psychosozialen Dienste für Kinder und Familien – in Gemeinden, Nichtregierungsorganisationen und internationalen Organisationen. In den frühen 2000er-Jahren war er an den ersten Schritten zur Einrichtung von Familienunterstützungsdiensten und Pflegefamiliennetzwerken in der Ukraine beteiligt, die später eine Schlüsselrolle bei der schrittweisen Deinstitutionalisierung der Kinderbetreuung im Land spielten.

Später war Serhii Lushakov in demselben Arbeitsbereich international tätig – in Kirgisistan, Tadschikistan, Russland (St. Petersburg), Kosovo – als Berater, Praxisausbilder und Ausbilder für staatliche und nicht staatliche Dienstleister und Entscheidungsträger. Seine Fachgebiete sind das Management von Sozialdienstleistungen für Familien, die praktische Ausbildung von Sozialarbeitern sowie die Entwicklung und Anpassung von Regelwerken und methodischen Dokumenten. In den vergangenen Jahren hat er an Projekten zum Wiederaufbau des Sozialsystems in den östlichen Regionen der Ukraine mitgewirkt. Mitte Mai 2019 begann er seine Arbeit als nationaler Direktor von SOS-Kinderdorf Ukraine.

Der Ukrainer Serhii Lukashov ist seit Mai 2019 Nationaler Direktor für SOS Kinderdorf Ukraine.

Der Ukrainer Serhii Lukashov ist seit Mai 2019 Nationaler Direktor für SOS Kinderdorf Ukraine.

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SOS Kinderdörfer weltweit unterstützt Kinder und Familien in der Ukraine seit 2003. Es gibt dort ein klassisches SOS-Kinderdorf nahe Kiew, während in der Region Luhansk die Mitarbeiter des Teams die Kinder und ihre (Pflege-)Eltern in deren Wohnungen und Häusern betreuen und unterstützen. Was dem moderneren SOS-Konzept der Deinstitutionalisierung entspricht, in der das Kinderdorf in die städtische Struktur eingegliedert ist.

Der Krieg in der Ostukraine begann im Frühjahr 2014 und forderte bislang 14.000 Todesopfer und über 1,2 Millionen Vertriebene. Die jüngsten Spannungen und Militäraktionen gefährden direkt 2,9 Millionen Menschen, die in den östlichen Regionen Luhansk und Donezk leben, aber die Bedrohung erstreckt sich auf das gesamte Land. Am Montag erkannte der russische Präsident Wladimir Putin die abtrünnigen Gebiete von Donezk und Luhansk als Volksrepubliken an. Unter anderem rechnet der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz damit, dass Putin eine Besatzung der ganzen Ukraine plant.

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