Nach Großbrand

Lob für Mensch und Maschine: So lief der erste Einsatztag von „Herbie“ in der Essener Brandruine

Nach dem verheerenden Brand eines Wohnkomplexes an der Bargmannstraße in Essen untersucht die Polizei das ausgebrannte und einsturzgefährdete Gebäude mit einem Roboter.

Essen. In der Nacht zu Montag gehen ab 2.15 Uhr Notrufe bei der Feuerwehr Essen ein. Ein Wohnkomplex steht in Flammen. Als die Einsatzkräfte eintreffen, hat sich das Feuer bereits auf das gesamte Gebäude ausgeweitet – wie durch ein Wunder werden nur drei Menschen bei dem nächtlichen Brand leicht verletzt. Die Löscharbeiten dauern bis zum Dienstagmorgen an. Danach steht fest: Der Wohnkomplex ist einsturzgefährdet und muss abgerissen werden.

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Die Brandursache ist weiter unklar. Augenzeugen zufolge soll das Feuer auf einem Balkon ausgebrochen sein. Aufgrund der Einsturzgefahr darf das Gebäude von den Ermittlerinnen und Ermittlern aber nicht betreten werden. Sie können die Ruine nur von außen begutachten. Doch es gibt eine Lösung, um der Ursache des Brandes doch noch auf die Spur zu kommen: Sie heißt „Herbie“.

„Herbie“, so ein Spitzname (der Herstellername des Roboters lautet „Spot“), ist ein vierbeiniger Roboter, der am Dienstag nach seiner Vorstellung Mitte Januar zum ersten Mal eingesetzt wurde. Ausgestattet ist er mit insgesamt zwölf Kameras – darunter eine hochauflösende 360-Grad-Kamera – und einem Akku für etwa 90 Minuten. „Der Einsatz hat den ganzen Tag über bis zum Einbruch der Dunkelheit gedauert“, erklärt Dominic Reese, stellvertretender Projektleiter beim Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD), am Mittwochvormittag gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Das Fazit nach dem ersten Einsatz des hundeähnlichen Roboters fällt durchweg positiv aus. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt der LZPD-Beamte. „Der Vorteil des Roboters ist, dass wir den Tatort sehen können, bevor er freigegeben ist“, erklärt er. Im Moment dürfe das Gebäude nur sehr eingeschränkt betreten werden. „Die Brandermittler sind über jede Information froh, die sie jetzt schon bekommen. Ein frischer Tatort gibt immer mehr Aufschlüsse als ein alter Tatort“, sagt Reese.

Der Polizeiroboter ist am ausgebrannten Wohnkomplex in Essen im Einsatz. Der Laufroboter erkundet mit seinen Kameras das einsturzgefährdete Gebäude.

Der Polizeiroboter ist am ausgebrannten Wohnkomplex in Essen im Einsatz. Der Laufroboter erkundet mit seinen Kameras das einsturzgefährdete Gebäude.

Reese: „Wir konnten viele offene Fragen klären“

Bei seinem ersten Einsatz hätten sich die Ermittlerinnen und Ermittler mithilfe des Roboters einen ersten Eindruck vom Einsatzort verschaffen können. „Wir konnten viele offene Fragen klären: Wie viel ist im Inneren des Gebäudes verbrannt? Gibt es noch Gegenstände, die unbeschädigt sind? Kann das Haus betreten werden?“, nennt Reese ein paar Beispiele. Besonders den Bewohnerinnen und Bewohnern könnten so schon einmal erste Fragen beantwortet werden.

Funktechnik des Roboters wird am ersten Einsatztag verstärkt

Polizeirat Reese, der selbst uniformierter Polizeibeamter ist, koordiniert den Einsatz von „Herbie“ mit den Einsatzkräften der Polizei und Feuerwehr sowie den jeweiligen Spezialisten. „Der Roboter wird von einem Spezialisten aus unserem Projekt bedient, der ist aber kein Brandermittler. Der Roboter bietet den Ermittlern die Möglichkeit, sich schon einmal virtuell im Gebäude umzuschauen“, sagt er. Die Kommunikation zwischen beiden Parteien sei deswegen besonders wichtig. Diese habe am Dienstag exzellent funktioniert, wie Reese an einem Beispiel erläutert: „Die Funkdurchdringung hat in diesem Gebäude mit der Standardtechnik nicht gut funktioniert. Der Roboter hätte also nicht überall hingehen können. Im Laufe des Tages konnten wir mithilfe unserer Spezialisten direkt eine neue Funktechnik installieren, mit der wir uns nun im ganzen Gebäude bewegen können.“

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Die Steuerungseinheit ähnelt der Bedienung einer Spielekonsole mit Joystick und funktioniert auch nicht viel anders, erklärt Reese. Per Funk werden die Daten der Kameras in Echtzeit auf Computer übertragen. „Auch wenn da eine Menge Technik drinsteckt, die Steuerung des Roboters ist von Beginn an einfach. Um das volle Potenzial auszunutzen bedarf es aber einiger Erfahrung“, so Reese.

„Herbie“ bekommt zweiten Einsatztag in der Ruine

Auch am Mittwoch kommt „Herbie“ wieder zum Einsatz, bestätigt Reese dem RND. „Er soll nun explizit danach schauen, wo das Feuer ausgebrochen ist.“ Am Mittwochvormittag habe der Roboter schon das dritte Obergeschoss in dem Teil des Wohnkomplexes erreicht, in dem Zeugen den Brandausbruch erkannt haben wollen. Wann mit Ergebnissen zu rechnen ist, sei noch völlig unklar.

Herbert Reul hat kein Problem mit dem Spitznamen „Herbie“

Bereits am Montag war „Herbie“, der laut Reese offiziell aber „noch keinen Namen“ hat, auf den Spezialeinsatz vorbereitet und entsprechend programmiert worden. Der Spitzname entstand bei der Vorstellung des Roboters Mitte Januar, bei der auch NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) zugegen war. Auf die Frage, wie der Roboter eigentlich heißen würde, rief ein Journalist dazwischen: „‚Herbie‘ wäre doch ein schöner Name.“ Seitdem werde das Gerät in den Medien so genannt.

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„Die Polizeibeamten nennen ihn nicht so, aber es ist üblich, dass technische Geräte irgendwann intern einen Spitznamen bekommen. Das wird dann wahrscheinlich aber ein anderer sein. Minister Herbert Reul hat aber kein Problem mit ‚Herbie‘“, erklärt Reese mit einem Schmunzeln.

Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, schaut sich bei der Eröffnung des neuen Innovation Lab der Polizei am 19. Januar 2022 den Roboterhund ganz genau an. Dank eines Zwischenrufs eines Journalisten wird er in den Medien „Herbie“ genannt.

Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, schaut sich bei der Eröffnung des neuen Innovation Lab der Polizei am 19. Januar 2022 den Roboterhund ganz genau an. Dank eines Zwischenrufs eines Journalisten wird er in den Medien „Herbie“ genannt.

Roboter ist vielseitig einsetzbar

Der mehr als 60.000 Euro teure Roboter kann nicht nur bei Brandkatastrophen eingesetzt werden. Er könne mit seinen Kameras und Sensoren Katastrophenorte oder Tatorte mit möglichen Gewalttätern erkunden, sagte Reul Mitte Januar bei „Herbies“ Vorstellung. Eine Zusatzausrüstung mit Mikrofon erlaube es, zu Verschütteten vorzudringen und mit ihnen zu kommunizieren. Auch Steigungen zu überwinden und sich selbst wieder aufzurichten zählen zu seinen Fähigkeiten.

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128 Menschen verlieren ihre Wohnung

128 Menschen hatten durch das Montagfrüh ausgebrochene Feuer ihre Wohnungen und vielfach ihr komplettes Eigentum verloren. Sie mussten zu Bekannten oder in Hotels ziehen. Für die Betroffenen wurde ein Spendenkonto eingerichtet.

Am Dienstagmorgen um 7 Uhr meldeten die Einsatzkräfte der Feuerwehr „Feuer aus“. Doch auch noch am Mittwoch würden immer wieder kleine Glutnester aufflammen, erklärt Reese. Die Nachlöscharbeiten dauern also noch an. Nach Auskunft des Eigentümerunternehmens Vivawest entstand ein Sachschaden in Millionenhöhe.

Wann die Brandursache feststeht, ist noch unklar. „Bis dahin kann es noch ein bisschen dauern“, betont der stellvertretende LZPD-Projektleiter. Ein Polizeisprecher sagte am Mittwoch, es könne noch Wochen dauern.

RND/nis mit dpa

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