#plötzlichundunerwartet: Wie „Querdenker“ angebliche Impfreaktionen instrumentalisieren

Die norwegische Biathletin Ingrid Landmark Tandrevold ist während eines Olympiarennens zusammengebrochen. Mit einer Corona-Impfung hatte das nichts zu tun.

Thomas D. und seine sechsjährige Tochter fahren zum Rodeln in den Harz. Es soll ein schöner Tag im Schnee werden. Doch Thomas D. bricht zusammen und stirbt vor den Augen seiner Tochter. Wahrscheinlich ein Herzinfarkt, sagt seine Frau, die Obduktion stehe aber noch aus. Auf Facebook bittet sie Menschen, die an besagtem Tag Anfang Februar am Torfhaus waren, darum, Fotos und Videos zu schicken. Sie wolle Erinnerungen für die Kinder sammeln und benötige die Aufnahmen auch zur eigenen Trauerverarbeitung, schreibt sie.

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Tausende Male wurden die Beiträge von Susanne D. geteilt. Hunderte sprachen ihr Beileid aus. Aber nicht nur. Denn es finden sich auch Kommentare wie dieser: „Denke mir jedes Mal, wenn ich jetzt lese ‚plötzlich und unerwartet verstorben‘ ... An die Geimpften: Nehmt es anderen nicht übel, wenn das die erste Frage ist. In der letzten Zeit häufen sich leider diese ‚Einzelfälle‘.“

Weitere Kommentare, die den Tod des Mannes mit einer Corona-Impfung in Verbindung bringen, wurden inzwischen gelöscht. Menschen berichteten etwa darüber, dass ihr Nachbar auch beim Rodeln gestorben sei, plötzlich, nach der Corona-Impfung.

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Impflügen: Schwester eines Toten ist „verwundert über die Menschheit“

„Ich kann nicht nachvollziehen, warum Leute da spekulieren“, sagt Kerstin E., Schwester des Verstorbenen, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Es ist schlimm, das zu lesen.“ Nach einigen Kommentaren schrieb sie selbst unter den Beitrag, dass ihr Bruder ungeimpft gewesen sei. „Das Ganze hat hier nix mit Corona zu tun. Er hinterlässt zwei Kinder und eine junge Frau. Er war gerade erst 44 Jahre alt. Wir wollten nur Bilder haben und keine ungebildeten Sprüche.“ Die Witwe bat: „Hört auf damit“ und „Lasst das doch jetzt bitte alle!“.

Sie habe das Gefühl, der Tod ihres Bruders werde instrumentalisiert. „Ich bin verwundert über die Menschheit. Die Menschen haben nichts anderes zu tun. Ich denke an meine Nichte und daran, wie es ihr geht, wenn sie diese Kommentare in ein paar Jahren liest.“

Zusammenbruch von Biathletin Tandrevold wird instrumentalisiert

Was sich unter dem Beitrag von Susanne D. abspielt, ist derzeit in vielen Kommentarspalten zu beobachten und betrifft auch Prominente. Als die norwegische Biathletin Ingrid Landmark Tandrevold am Wochenende nach einem Olympiarennen zusammenbrach, wussten die Social-Media-Kommentatoren sofort, woran es gelegen hat.

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Einige posteten nur Bilder von Spritzen, andere schrieben Kommentare wie: „Bestimmt wieder eine von den vielen geimpften Sportlern“, „Die Impfung wirkt“, „Langsam zeigen sich die Nebenwirkungen“ oder „Ist sie geimpft? Weiß da jemand was? Die fallen ja grad auch im Zusammenhang mit der Gentherapie weltweit um wie die Fliegen.“

Tandrevold allerdings ist nicht im Zusammenhang mit der Corona-Impfung kollabiert, wie später auch ihr Teamarzt klarstellte. Sie hatte schon öfter Probleme mit dem Herzen, 2017 und 2021 beispielsweise, also auch bevor es Corona-Impfstoffe überhaupt gab.

Impfverweigerer feiern Schwächeanfall von TV-Moderatorin als Impfreaktion

Jüngstes Beispiel für die Eskalation in den sozialen Medien ist der Zusammenbruch von NTV-Moderatorin Clara Pfeffer, die während einer Livemoderation am Dienstag einen Schwächeanfall erlitt. Statt Empathie findet sich auf Twitter vor allem eines: Der Hashtag #Schlaganfall trendet auch am Mittwoch, zahlreiche Menschen wollen einen Schlaganfall erkannt haben – und stellen diesen in Zusammenhang mit der Corona-Impfung.

„Ist Schwächeanfall jetzt das neue Wording für Schlaganfall, um sich die Impfung schönzureden?“, heißt es da beispielsweise. Oder: „Ein Schlaganfall, der häufig im zeitlichen Zusammenhang mit Verabreichung experimenteller Genspritzen vorverurteilt krimineller Pharmakonzerne auftritt, ist kein Schwächeanfall. Es ist ein Impfschaden, der von Politik, Medien und Pharmaindustrie bewusst in Kauf genommen wird.“

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„Plötzlich und unerwartet“ macht Corona-Impfung für Todesfälle verantwortlich

Mit der Bezeichnung Schwächeanfall, die Clara Pfeffer selbst im Nachhinein kommunizierte, wolle man in den Medien den Schlaganfall als Impfnebenwirkung vertuschen. Es fehlen auch nicht die üblichen Userinnen und User, die selbst viele Fälle kennen und/oder von Ärztinnen und Ärzten bestätigt bekommen haben wollen, dass die Zahl der Schlaganfälle seit den zweiten Impfungen steigt.

„Plötzlich und erwartet“ nennen Corona-Leugner und Impfkritikerinnen und Impfkritiker ihre Bewegung. Statt Empathie und Mitgefühl nach dem Tod oder einem Schicksalsschlag zu zeigen und schlicht „Gute Besserung“ zu wünschen, findet sich unter dem Hashtag #plötzlichundunerwartet ein Sammelsurium an Verschwörungstheorien, Verleumdungen, Lügen, Hetze und Spekulationen.

Zahlreiche Berichte von Todesfällen oder Schwächeanfällen durch Herz-, Kreislauf- oder Lungenprobleme werden ohne jede Bestätigung in Zusammenhang mit der Corona-Impfung gebracht. So wird etwa der Tod von Comedian Mirco Nontschew gelistet und der von „Full House“-Darsteller Bob Saget, der von Schalkes E-Sport-Star „Yoppa“ und der des Eishockeyspielers Boris Sadecky.

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Website listet 688 Fälle von plötzlichen gesundheitlichen Problemen und Todesfällen – gegen die Impfpflicht

Auf einer zur Bewegung gehörenden Website listet die Gruppe „Sportler, Trainer und Zuschauer von Sportereignissen, die seit 1.1.2021 plötzlich und unerwartet gesundheitlich Probleme bekamen oder verstarben“. 688 angebliche Fälle haben sie auf diese Art dokumentiert. Nur in einem Bruchteil davon handelt es sich tatsächlich um Nebenwirkungen der Corona-Impfung. In einigen Fällen waren es auch keine unerwarteten Probleme, die auftraten, weil es sich wie bei Biathletin Ingrid Landmark Tandrevold um bereits bekannte gesundheitliche Einschränkungen handelte.

Doch die schiere Zahl der gelisteten „Fälle“ soll zeigen, dass Geimpfte einfach so wegsterben und Todesfälle politisch und wirtschaftlich erwünscht seien. Für Impfverweigerer ist das ein, wenn auch nicht durch Fakten untermauertes, Argument gegen die Impfpflicht.

Dass längst von mehreren Seiten, etwa der Nachrichtenagentur AFP, in Faktenchecks widerlegt wurde, dass seit Aufkommen der Corona-Impfungen mehr Herzschäden und Schlaganfälle auftreten, wird im besten Fall ignoriert, im schlechtesten Fall als staatliche Propaganda diffamiert.

Sozialphilosoph sieht „Empathiedefizit“ in der „Querdenker“-Szene

Der Sozialphilosoph Oskar Negt sprach bereits Ende 2020 von einer „Verwahrlosung der politischen Sitten“ und einer „Vernachlässigung des Gemeinwesens“: „Es wurzelt in ausgeprägtem Egozentrismus und einem Mangel an Orientierung am Gemeinwesen. Unsere Gesellschaft leidet an einem Empathiedefizit: Darum handelt es sich im Kern“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (EPD).

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In den ersten Wochen der Corona-Pandemie im Frühjahr und Sommer 2020 habe er den Eindruck gehabt, „dass da eine neue Qualität von Zusammenhalt und zivilgesellschaftlichem Selbstbewusstsein entsteht.“ Er hatte auf einen Lernprozess gehofft, „der zu strukturellen Veränderungen unserer Gesellschaft führen könnte.“ Doch es kam anders. „Die Demokratie- und Menschenverachtung der selbst ernannten ‚Querdenker‘ und Rechtsradikalen verstört mich hingegen zutiefst“, sagte er dem EPD.

Häme für tote, geimpfte Privatpersonen

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty stellte ein „gestiegenes Aggressionspotenzial“ fest, wie sie im Januar dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sagte – „sowohl im digitalen Raum als auch im Alltag. Das bereitet mir große Sorge.“ Der Trend sei indes nicht neu: Auch in vorherigen Pandemien und Epidemien seien Gesellschaften auf besondere Art herausgefordert worden und instabiler geworden. Impfgegnerinnen und Impfgegner genau wie Verschwörungstheorien gebe es schon lange: „Das ist alles nicht neu, sondern in der Pandemie bloß präsenter geworden.“

Doch nicht nur die fehlende Empathie und der Reflex, binnen Sekunden im Internet für alle Ewigkeit loszuwerden, was gerade durch den querdenkenden Kopf geht, ist eine Herausforderung für Angehörige. Denn auch mit Häme halten Userinnen und User nicht zurück, etwa für Privatpersonen, die auf Facebook gepostet hatten, sich impfen zu lassen und kurze Zeit später tot waren – unabhängig davon, ob und was als Todesursache angegeben ist.

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Die ersten Reaktionen nach dem Tod: „Hat er sich doch impfen lassen?“

Kerstin E.s Bruder war nicht geimpft, gehörte sogar selbst zu den Impfverweigerern und Corona-Leugnern, wie seine Schwester erzählt. Dennoch wurde sein Tod von „Querdenkerinnen“ und „Querdenkern“ sozialmedial ausgeschlachtet. Getroffen hätten die Kommentare sie zwar nicht, aber: „Ich habe mich geärgert“, sagt Kerstin E.

Einige der Kommentare unter dem Beitrag der Witwe kamen sogar von Bekannten – die dachten, Thomas D. hätte sich nun doch impfen lassen, um seinen Job als Erzieher zu behalten. „Wir sind auch persönlich von Leuten danach gefragt worden. Da kam als Erstes: ‚Hat er sich doch impfen lassen?‘ Oder Sprüche wie ‚Ich hab es euch doch gesagt!‘“, sagt Kerstin E. Sie verstehe nicht, was die Menschen damit bezwecken. „Es gibt keinen Grund, nach einem Tod zu mutmaßen – selbst wenn er geimpft gewesen wäre. Es geht keinen etwas an.“

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