Ein Zeitzeuge erinnert sich

Vor 50 Jahren demonstrierten in Deutschland erstmals Homosexuelle für ihre Rechte

Der Dresdner Verein Gerede sieht sich als Interessenvertretung für Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transidente und Menschen mit vielfältigen Lebensweisen sowie deren Angehörige.

Die Regenbogenfahne steht als Symbol für Toleranz.

Münster. Ist ein Zeitzeuge ein guter Zeitzeuge, auch wenn er bei dem historischen Moment nicht dabei war? Im Fall von Sigmar Fischer muss diese Frage mit Ja beantwortet werden. Fischer hatte sich als Student in Münster an der Organisation der ersten Demonstration Homosexueller in Deutschland im Jahr 1972 beteiligt. Ein paar Tage vor der Demo klingelte das Telefon der Vermieterin seiner Studentenbude: Sein Vater beorderte Fischer nach Hause. Er hatte einen eindeutigen Weihnachtsgruß entdeckt. Es folgte sein Coming-Out - Fischer berichtete seinen Eltern von seiner sexuellen Orientierung.

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Schwulenbewegung in den USA als Vorbild

Und so erfuhr Fischer erst von seinen Mitstreitern, was sich in Münster abgespielt hatte. In der mehrheitlich katholischen Stadt mit einer liberalen Uni waren zwischen 150 und 200 Homosexuelle durch die Innenstadt gezogen. Darunter auch ein oder zwei Lesben. Aus ganz Deutschland waren etwa zehn Gruppen für die Demo angereist, um sich für ihre Rechte und Anerkennung einzusetzen. Über die exakte Zahl der Teilnehmer gehen die Schätzungen auseinander.

Vorbild war die Schwulenbewegung in den USA. Von der Demo in Westfalen selber gibt es nur Fotos, keine Fernsehbilder. Die Teilnehmer bewerten die Demo heute als ersten vorsichtigen Schritt für mehr Toleranz. Mitorganisator Rainer Plein hatte im Vorfeld gesagt: „Da wir mit Information allein nicht weiterkommen, müssen wir provozieren.“ Der 1976 verstorbene Plein hatte 1971 die Gruppe Homophile Studenten Münster (HSM) mitgegründet. Ein Jahr später sollte mit der Demo Geburtstag gefeiert werden.

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Menschen zeigten ihre Abscheu

Provokation ist mit der Demo gelungen. „Die Reaktion der Leute: Sie waren irritiert. Sie wussten zum einen nicht, worum es überhaupt geht. Sie waren erschüttert“, erzählt Martin Dannecker. Der Sexualtherapeut und Autor war bei der Demo dabei. „Im Vorfeld gab es Angst vor aggressiven Reaktionen. Ich hab gesagt, die deutsche Hausfrau schlägt doch nicht mit ihrer Handtasche“, sagt der 79-Jährige, der in Berlin lebt. „Die Menschen am Straßenrand haben verhaltene Abscheu gezeigt. Sie waren aber nicht bedrohlich.“ Dannecker erlangte als Mitautor des Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ bundesweite Bekanntheit. Rosa von Praunheim hatte das 1971 ausgestrahlte Werk gedreht.

„Es war für viele von uns die wichtige Erfahrung: Man kann den Schritt in die Öffentlichkeit tatsächlich gehen“, sagt Dannecker heute. Fischer ergänzt: „Wir hatten und gefragt, ob es Anfeindungen geben wird. Aber die gab es nicht. Die Öffentlichkeit war wohl überrumpelt.“ Der heute in Bielefeld lebende 73-Jährige erinnert sich: „In der Uni machte mir das nichts aus über das Thema zu reden. Ich war in einer SPD-nahen Hochschulgruppe aktiv. Da wurde meine Homosexualität voll akzeptiert.“

Demos seien in der Zeit ja selbstverständlich gewesen. „Demos waren mir vertraut. Ich habe mich aber gefragt: Was machst Du eigentlich, wenn Dich ein konservativer Prof auf der Demo sieht?“, berichtet Fischer 50 Jahre später.

Coming-Out hat familiäre Konsequenzen

Dannecker war durch seine Mitarbeit an dem Praunheim-Film bundesweit geoutet. „Durch die Gesetzgebung gab es bis Ende 1969 eine ständige latente Bedrohung, weil viele wegen ihrer Homosexualität angezeigt und verurteilt wurden“, schilderte Dannecker die Stimmung. „Es gab die Angst vor der sozialen Kontrolle, Ablehnung und Hass. Anders sein war zu der damaligen Zeit kein Zuckerschlecken. Meine Auffassung war: Ein Coming-Out ist unabdingbar. Verstecken und Verleugnen erfordert zu viel psychische Energie.“ Er sei immer konfrontativ gewesen, „wollte den Kritikern mit dem Aussprechen immer den Wind aus den Segeln nehmen“, sagt Dannecker. „In der Familie wurde es hingenommen. Mein Vater hat aber heftig reagiert. Er fühlte sich in die Öffentlichkeit gezerrt. Es kam zum Bruch mit ihm.“ Dannecker wuchs in einem kleinen Dorf im Schwarzwald auf. Zum Jahrestag am 29. April haben das KCM Schwulenzentrum Münster und die Stadt gemeinsam zu einem Empfang ins historische Rathaus geladen. 1972 habe niemand gedacht, dass der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und CDU-Politiker Hendrik Wüst 50 Jahre später zu dieser Veranstaltung kommt, sagt Dannecker der Deutschen Presse-Agentur. „Und die Ehe für alle war damals undenkbar.“

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Und heute? „Das Coming-Out ist für meine Generation eine lebenslange Aufgabe - noch im Pflegeheim. Schließlich wollen wir auch dort unsere Identität nicht an der Garderobe abgeben“, sagt Fischer. „Auf den Christopher Street Day in Bielefeld bin ich erst nach meiner Pensionierung gegangen.“ Denn zuletzt sei er verantwortlich gewesen für eine Gesellschaft der außerbetrieblichen Ausbildung. „Da wusste es zwar die Belegschaft. Aber die Kolleginnen und Kollegen befürchteten, dass die Azubis, vor allem die aus anderen Kulturen, mir Schwulsein als Schwäche auslegen würden. Ich sollte für die schließlich die „letzte Instanz“ sein, wenn es ernst wurde.“

Auch heute gebe es nach wie vor Diskriminierungsängste. „Es gibt nach wie vor die Angst, abgelehnt zu werden. Also die Angst vor Liebesverlust. Das ist zwar im Laufe der Jahre milder geworfen, aber nicht verschwunden“, beschreibt Dannecker die Situation seiner Generation heute.

RND/dpa

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