Ungewöhnlicher Fall bewegt das Land

Japaner taucht mit riesiger Geldsumme unter: das Ende des Anstands?

Japanische Geldscheine (Symbolbild).

Tokio. „Dem kann ich nicht verzeihen“, faucht ein kämpferischer Norihiko Hanada dieser Tage durch die nationale Presse. Der Bürgermeister will sein Geld, oder das Geld der Menschen, zurückhaben. Eine Frage der Zeit sei es, bis die Gerechtigkeit siegen werde. Dann würde der Übeltäter zur Strecke gebracht, und diejenigen Menschen in Abu, denen das Geld zustehe, erhielten es ausgezahlt. Norihiko Hanada beteuert: „Ich gebe nicht auf!“

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Bis vor einigen Tagen war der 67-jährige Lokalpolitiker in Japan noch unbekannt, genau wie der 3000-Einwohner-Ort Abu im Südwesten des Landes, den er regiert. Ein unglücklicher Fall seiner Verwaltung aber hat Norihiko Hanada zu einem der meistzitierten Politiker des Landes gemacht.

Der Fall, der seit nun einiger Zeit ein ganzes Land bewegt, ist schnell erklärt: In Abu sollten die 463 Haushalte des Küstenortes, die in der Pandemie in besondere finanzielle Schieflage geraten sind, eine einmalige Zahlung von 100.000 Yen erhalten (rund 737 Euro). Durch einen administrativen Fehler gingen vergangenen Monat aber 46,3 Millionen Yen (rund 341.000 Euro), also eine Summe in der gesamten Höhe des veranschlagten Sozialprogramms, an nur eine einzige Person. Und der 24-jährige Empfänger der Zahlung ist nun untergetaucht.

Stadt klagt auf 51 Millionen Yen

Eine wochenlange mediale Jagd hat begonnen. In der „Asahi Shimbun“, nach Auflage die zweitgrößte Zeitung des Landes, erschien dieser Tage ein Statement des Empfängers: „Das Geld zurückzuzahlen wird schwierig.“ Der öffentliche Rundfunksender NHK diskutierte vergangene Woche in einem längeren TV-Beitrag über die juristische Dimension der Tat, die auf jeden Fall ein Verstoß sei: Denn nur, wenn man glaube, das Geld rechtmäßig zu besitzen, dürfe man es auch ausgeben.

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Unterdessen berichten diverse Zeitungen, dass der Mann, der eigentlich nur 100.000 Yen hätte erhalten sollen, von der Stadt Abu verklagt worden ist. Die Gebietskörperschaft fordert inklusive Schadensersatz nun 51 Millionen Yen. Dies wiederum ist eine Summe, die eine Person, die offenbar selbst nur bedingt zahlungsfähig ist und einen Teil des Geldes womöglich schon ausgegeben hat, finanziell ruinieren könnte.

Für Kopfschmerzen sorgt der Fall womöglich nur in Abu, für Aufregung aber in ganz Japan. Denn was für so große Empörung sorgt, ist die offenbare Verletzung ungeschriebener Regeln, die das alltägliche Miteinander in Japan eigentlich sicher, friedlich und geschmeidig machen. Was individuelle Zurückhaltung angeht, besteht ein hoher moralischer Anspruch an jedes Gesellschaftsmitglied. Kaum irgendwo auf der Welt ist die Straßenkriminalität so niedrig wie hier, und in nur wenigen Ländern ist die Kultur von Respekt und Höflichkeit derart ausgeprägt. Wer in Japan sein Portemonnaie liegen lässt, dem wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere Person hinterhertragen. Auf diese Aufrichtigkeit ist man in Japan stolz.

Nur zeigt der Fall von Abu, dass dieser gesellschaftliche Klebstoff namens Anstand nicht immer hält. Tatsächlich gibt es gelegentlich ähnliche Aufreger, über die intensiv berichtet wird. Gleichzeitig berichten auch nationale Medien wie NHK auffallend häufig über Helden der Nachbarschaft, die Gutes tun und damit die Gesellschaft zu prägen scheinen. So ist auch der Bürgermeister Norihiko Hanada über die letzten Wochen zu einem Helden emporgestiegen. Allerdings sieht es für ihn nicht gut aus: Anfang der Woche berichtete der TV-Sender Fuji Television in einer Eilmeldung, dass der gesuchte Mann seinen unverhofften Geldschatz offenbar auf einer Casino-Website verspielt hat.

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