Bizarrer Rechtsstreit

Japanischer Zugführer klagt gegen 42-Cent-Gehaltskürzung wegen einminütiger Verspätung

Ein Zugbegleiter schaut aus der Tür eines Hochgeschwindigkeitszugs Shinkansen in Tokio.

Ein Zugbegleiter schaut aus der Tür eines Hochgeschwindigkeitszugs Shinkansen in Tokio.

Tokio. Auf den ersten Blick wirkte er uneinsichtig. Hatte der Zugführer aus der westjapanischen Stadt Okayama einfach einen Fehler gemacht, den er nicht einsehen wollte? Zum Zeitpunkt der geplanten Abfahrt eines Zuges war er am falschen Gleis gestanden, und ehe er dies bemerkt hatte, verspätete sich der ihm zugeteilte Zug schon um eine Minute. Dann wurden es sogar zwei Minuten Verspätung, wenngleich er einen Teil davon weder aufholte. Sein Arbeitgeber JR West aber reagierte ohne Erbarmen mit einem Lohnabzug von 43 Yen – was 32 Cent entspricht. Daraufhin war der Zugführer sauer und zog vor Gericht.

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Dieser Klagefall, der Ende vergangenen Jahres beim Bezirksgericht von Okayama eintraf, hat seither das Land bewegt. Der Kläger fordert nicht nur die 43 Yen zurück, sondern außerdem 13 Yen an Überstunden. Hinzu kommt seine Forderung von 2,2 Millionen Yen, also rund 16.300 Euro, an Entschädigung für den seelischen Stress, dem er durch die Angelegenheit ausgesetzt gewesen sei. Das Urteil wird nun erwartet. Und es geht dabei um viel mehr als eine vermeintlich lächerliche Zickerei, die wegen ihrer Kuriosität viel Aufmerksamkeit genießt.

Pünktlichkeit japanischer Züge eine Selbstverständlichkeit

Einerseits wirft der Fall ein Schlaglicht auf die beeindruckende Pünktlichkeit japanischer Züge. Während europäische Zug- und Bahnanbieter – und hierbei auf auffallende Weise die Deutsche Bahn – längst nicht von sich behaupten können, Fahrgäste zeitlich zuverlässig zu befördern, ist dies in Japan eine Sache der Selbstverständlichkeit. Im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen bittet das Fahrpersonal um Entschuldigung, wenn es einmal zu einer 30-sekündigen Verspätung kommt.

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Abgesehen von Naturkatastrophen oder Personenunfällen passiert dies allerdings äußerst selten. Die Verspätung im vergangenen Jahr in Okayama war so ungewöhnlich, dass das „Yomiuri Shimbun“, die größte Tageszeitung Japans, neben ihren Artikel über die Angelegenheit eine Grafik gezeichnet hatte, die den Fall dokumentiert. Sie zeigt, wie der Zugführer überpünktlich um 6.48 Uhr auf dem einen Gleis stand, um 7.08 seinen Fehler bemerkte, schnell zum anderen Gleis eilte und dort erst um 7.11 Uhr ankam. Das Abstellgleis, auf das er den Zug hatte führen sollen, erreichte er dann erst um 7.20 Uhr.

Zuspruch für den Kläger aus der Bevölkerung

Der Klagefall des Zugführers zeugt aber nicht nur von sprichwörtlich minutiöser Genauigkeit und Kleinlichkeit auf beiden Seiten. Er stellt auch die Frage, auf welche Weise die Bahngesellschaften ihre im internationalen Vergleich beeindruckende Pünktlichkeit bewerkstelligen. Die Klägerseite argumentiert: Sie werde nicht zuletzt mit allzu harter Hand gegenüber dem Personal erreicht. Und dieses werde wiederum nicht angemessen für seinen Beitrag entschädigt.

Einiges deutet darauf hin, dass der Zugführer, dessen Name nicht genannt wurde, nicht ganz falsch liegt. So erhielt er in sozialen Medien und Kommentarspalten nicht etwa Kritik oder Häme – weitgehend wurde er für seinen Gang vor Gericht gelobt. Ein Kommentar fragte: „Ihr könnt also jemandem den Lohn kürzen für eine Minute, Überstunden für die zusätzlich geleistete Arbeit um eine Minute aber nicht bezahlen?“ Ein anderer Kommentar wies darauf hin, dass die Gehaltskürzung durch die Personalabteilung doch ineffizient sei, weil die dafür aufgewendete Zeit klüger hätte genutzt werden können.

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So ist der unbekannte Zugführer zu einer Art kleiner Held im Internet geworden. Schließlich ist sein Fall gewissermaßen so aktuell wie noch nie. Dass Überstunden häufig nicht bezahlt und Urlaubstage nicht aufgebraucht werden, gehört in Japan schon lange zur Arbeitskultur – wenngleich im privaten Raum viel darüber gestöhnt wird. Zudem steigen seit Jahren die Reallöhne nicht an, was nun inmitten Inflationserwartungen durch ein womöglich nahendes Ende der Pandemie und den Ukraine-Krieg einmal mehr Gegenstand öffentlicher Diskussionen ist.

Die Arbeitswelt wandelt sich langsam

Dies zum Thema zu machen ist sogar Regierungspolitik. Der seit Oktober vergangenen Jahres regierende Premierminister Fumio Kishida hat angekündigt, einen „neuen Kapitalismus“ zu fördern, in dem die Ressourcen gerechter verteilt werden. Bisher ist der Premier zwar einige Details dahingehend schuldig geblieben, wie er dies erreichen will. Den Wunsch aber, die im Land seit Jahren steigende Ungleichheit zumindest abzumildern, hat Kishida mehrmals betont.

Der Fall um den Zugführer zeigt, dass sich in Japan in dieser Sache auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene etwas tut: Die nicht selten ausbeuterische Arbeitswelt Japans wird herausgefordert. Dies übrigens nicht nur in diesem konkreten Rechtsstreit: Im März kam ein anderer Fall der Consultingfirma Accenture ins Rollen, die einen Softwareingenieur dazu gezwungen haben soll, im Januar 143 Stunden und 48 Minuten an Überstunden zu arbeiten – womit das theoretisch legal begrenzte Maß an 40 Stunden bei Weitem überschritten wäre. Ein weiterer Fall, der für mehr steht als nur sich selbst. Denn das Problem langer, unbezahlter Überstunden ist weitgehend bekannt.

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