Beratung wird weiterhin angeboten

Für ukrainische Flüchtlinge: Deutscher Rechtsanwalt eröffnet „German Lawyer Office“ in polnischem Bahnhof

Rechtsanwalt Thorsten Schneider (rechts) aus Kassel berät in der polnischen Stadt Przemsyl Geflüchtete aus der Ukraine.

Rechtsanwalt Thorsten Schneider (rechts) aus Kassel berät in der polnischen Stadt Przemsyl Geflüchtete aus der Ukraine.

Przemsyl. Thorsten Schneider ist seit anderthalb Jahren als selbstständiger Rechtsanwalt in Kassel tätig. Wenige Stunden nachdem Russland der Ukraine den Krieg erklärt hat, setzte sich der 32-Jäh­rige in einen geliehenen Campingbus und fuhr in Richtung Ukraine. Gestartet mit dem Vorhaben, den Geflüchteten mit Essen und heißen Getränken einen Gefallen zu tun, entpuppte sich dies vor Ort als nicht notwendig. Dann kam dem Juristen spontan eine Idee, die einerseits viel Anklang fand, andererseits für eine gereizte Atmosphäre sorgte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Herr Schneider, ich habe ein Bild von Ihnen entdeckt, welches Sie an einem Camping­tisch sitzend zeigt, an der Wand die ukrainische Flagge und eine Pappe mit der Aufschrift „German Lawyer Office“. Wo ist dieses Bild entstanden?

Das Bild ist entstanden am Samstag im Bahnhof von Przemsyl, einer polnischen Stadt in der Nähe zur ukrainischen Grenze.

Was hat Sie dazu bewogen, dorthin zu fahren?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich bin am Samstag von Kassel aus dorthin gefahren. Ich habe im Fernsehen die Menschen an der Grenze gesehen, wie sie da gefroren haben und nicht wussten, wohin.

Da dachte ich, ich fahre jetzt mit meinem Bus da runter, stelle mich so nah wie möglich an die Grenze und fange dann an zu kochen, Nudeln, Kaffee, was auch immer. Dann musste ich aber feststellen, dass man an die Grenze, wo die Leute wirklich warten, nämlich auf die ukrainische Seite, überhaupt nicht hinkommt. Du kommst nämlich nicht mehr in die Ukraine. Im Nach­hinein auch logisch.

Stattdessen sind Sie dann nach Przemsyl gefahren, etwa 15 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Konnten Sie den Menschen dort mit Nudeln und Kaffee eine Freude bereiten?

Das war für mich überraschend, aber auch schön: Die Menschen waren alle schon erstversorgt. Es gibt dort von der polnischen Armee und ehrenamtlichen Helfern eine Flüchtlingsstation. Da gibt es Gulaschsuppe und Kaffee sowieso. Auch Obst zum Mitnehmen. Es hat also überhaupt nicht an Verpflegung gemangelt. Meinen Gaskocher musste ich gar nicht auspacken.

Das klingt so, als benötigten die Menschen dort gar keine weitere Hilfe?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Doch. Die Leute sind zwar satt, aber absolut perspektiv- und planlos. Diese Menschen wollen eigentlich nicht weg aus der Ukraine. Plötzlich stehen die da in Polen am Bahnhof und wissen nicht weiter.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Instagram, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Aber Sie wussten weiter.

Ich wollte helfen, und ich hatte einen Freund dabei, der ukrainisch spricht. Die meisten Geflüchteten wollten einfach nur mitgenommen werden. Irgendwohin. Wir wollten aber erst am nächsten Tag zurückfahren. Da dachte ich mir, was machst du jetzt? Okay, du bist halt Rechtsanwalt. Ich habe jemanden, der übersetzen kann. Vollmachten hatte ich auch dabei, weil ich mir schon dachte: Wenn jemand über die deutsche Grenze möchte, dann können sie eine Vollmacht von mir vorlegen und die deutsche Behörde weiß, dass sie direkt mit mir in Kontakt treten kann. In dem Zusammenhang kam mir spontan die Idee, dass ich die dort ankommenden Menschen auch vor Ort beraten könnte. Ich hatte ursprünglich – das sieht man auch an der Kleidung – nicht vor, da Rechtsberatung zu machen.

Sie stehen mitten im Bahnhof und haben diese Idee. Was haben Sie dann unternommen?

Ich hatte einen geliehenen Campingbus dabei. Aus diesem haben ich dann den Campingtisch und zwei Klappstühle herausgeholt und in eine freie Ecke im Bahnhofsgebäude gestellt. Die Pappe habe ich aus einem Karton herausgerissen, in dem ich Hilfsgüter transportiert habe. Ich habe dann mit einem schwarzen Stift „German Lawyer Office“ draufgeschrieben. Das Schild habe ich dann mit Klebestreifen an die Wand oberhalb des Campingtischs geklebt. Daneben haben wir noch eine ukrainische Fahne angeklebt, die wir dabeihatten, damit die Geflüchteten auch gleich sehen, dass sie uns ansprechen können.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Haben die Geflüchteten sofort darauf regiert, und mussten Sie die Menschen ansprechen?

Es kamen relativ schnell Menschen, angesprochen habe ich niemanden. Die Leute haben das gesehen, die kamen dann auch.

Laut Maps gut elf Stunden Autofahrt: Thorsten Schneider wollte trotzdem nicht nur aus der Entfernung zusehen, sondern Menschen aus der Ukraine unterstützen.

Laut Maps gut elf Stunden Autofahrt: Thorsten Schneider wollte trotzdem nicht nur aus der Entfernung zusehen, sondern Menschen aus der Ukraine unterstützen.

Mit welchen Fragen kamen die Menschen zu Ihnen?

Die hatten ganz andere Fragen, als ich mir das vorgestellt habe. Ich bin davon ausgegangen, dass die was wissen möchten zu den Voraussetzungen für ein Aufenthaltsrecht. Stattdessen wollten sie erstens wissen, wie sie rein praktisch nach Deutschland kommen. Zweitens, ob sie legal einreisen dürfen. Drittens, wo und wie sie in Deutschland unterkommen. Also Fragen, die nur nachgeordnet eine rechtliche Relevanz haben.

Es sind eher Fragen über tatsächliche Dinge. Etwa auch, ob sie in eine Flüchtlingsunterkunft müssen oder ob sie sich eine Wohnung mieten können? In dem Zusammenhang wollten einige Leute wissen, wie lange ihr Erspartes in Deutschland zum Leben ausreicht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Konnten Sie die Fragen der Menschen beantworten?

Ich habe mit einer Kollegin einen Bildungsträger für Integrationsarbeit gegründet. Deswegen habe ich mich im Bereich Asyl- und Aufenthaltsrecht fortgebildet. Um das Wissen weiterzu­geben, habe ich erst am Dienstag und Mittwoch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Flüchtlingsunterkunft in Kassel, die meist einen sozialpädagogischen Hintergrund haben, eine entsprechende Schulung angeboten. Am Donnerstag begann der Krieg, am Sonntag und Montag habe ich die Menschen in Przemsyl beraten. Das Timing hat gepasst.

Haben denn Ihre Vollmachten überhaupt ausgereicht?

Die haben tatsächlich nicht ausgereicht. Das lag nicht daran, dass die Leute unbedingt eine Vollmacht unterschreiben wollten, sondern – und das ist nämlich auch was, das ich mitgenommen habe: Woran es Leuten auch mangelt, wenn sie auf der Flucht sind und über die Grenze kommen, ist was zu schreiben. Wir haben also bestimmt auch die Hälfte der Vollmachten umgedreht und die Rückseite benutzt, um etwas aufzuschreiben wie Transportwege oder die Bezeichnung von Medikamenten. Das war aber kein Problem.

Ich habe mir sowieso nicht ausgemalt, dass daraus am Ende bezahlte Mandate werden.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wie viele Menschen haben Sie denn beraten?

In den sechs Stunden am Sonntag und in den drei Stunden am Montag waren es etwa 25 Beratungsgespräche. Teilweise waren das Einzelpersonen, häufig aber auch ganze Gruppen. Teilweise standen zehn Menschen um mich herum und wollten gleichzeitig mit mir reden. Das war auch für mich eine Ausnahmesituation.

Was war dabei für Sie die größte Herausforderung?

Man muss da ganz schnell lernen, pragmatisch und praktisch zu denken und auch so zu antworten, weil sich die Leute auf der Flucht am Bahnhof bei Minustemperaturen nicht auf lange Rechtsausführungen einlassen wollen und können.

Der Gedanke ist typisch deutsch, vielleicht auch gerade, weil es hier nicht ohne Weiteres möglich wäre: Gab es denn von Ordnungsbehörden Beschwerden wegen Ihres Beratungsstandes im Bahnhof?

In den ersten drei oder vier Stunden war es überhaupt kein Problem. Dann kam plötzlich die polnische Polizei, die sagte, wir sollten sofort die Stühle entfernen und die Sachen von der Wand abhängen, das sei ja Sachbeschädigung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Als sich die Lage wieder ein bisschen beruhigte, kam einer von dem offiziellen Hilfsteam und fragte, was wir dort machen würden und wo das Problem ist. Ich habe dann gesagt, ich wollte einfach nur Leuten helfen, ich bin deutscher Rechtsanwalt, vielleicht gibt es hier Beratungs­bedarf. Dann meinte er, er fragt kurz nach, ob wir nicht offiziell helfen können. 20 Minuten später kam er zurück und hat so eine gelbe Volunteerweste in der Hand gehabt und meinte „Hier, zieh die an“, komm bitte mit. Wir waren dann also auf einmal in der Halle, wo man sonst „normal“ gar nicht rein darf.

Damit war die Polizei dann besänftigt?

Nein. Die beiden Polizisten, die uns vorher angesprochen haben, sind uns hinterhergelaufen. Die waren dann der Halle und haben mit allen Personen gesprochen, die ich beraten hatte. Das war eine komische Situation. Vom Gefühl her wurde die Situation dann auch etwas nervös. Ich kann mir allerdings nicht erklären, was die Polizei dort vermutet hat.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Wir sind ja Samstag um 18 Uhr losgefahren, inzwischen war es Sonntagabend. Da waren wir locker schon 24 Stunden auf den Beinen. Und in der Zeit habe ich dann gesagt, das wird hier ein bisschen komisch, wenn wir jetzt hier weitermachen, dann sehen wir uns noch in irgend­einer polnischen Arrestzelle wieder – warum auch immer. Und dann haben wir gesagt, okay, wir brechen jetzt erst mal die Zelte ab, und dann sind wir abgehauen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Möchten Sie trotzdem noch mal hinfahren und Beratung anbieten?

Ja, definitiv. Wir werden am Montag wieder losfahren. Dann bin ich auch besser vorbereitet.

Es wird jetzt gerade eine Website entstehen, so ein Legal-Tech-Tool, wo auf deutscher und ukrainischer Sprache die Fragen beantwortet werden, die mir gestellt wurden. Die habe ich verschriftlicht und sollen in dieses Tool gepackt werden. Die Leute, die auf der Flucht sind, haben zumindest ein Smartphone dabei. Das wäre eine große Hilfe für die Menschen, weil sie sich nicht alles aufschreiben und merken müssen.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Instagram, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Welche Erfahrung wird Ihnen besonders im Gedächtnis bleiben?

Wir haben vor Ort einen Mann getroffen, der in Deutschland lebt, aber ukrainischer Staatsbürger ist. Er wollte in die Ukraine, seine drei Kinder und seine Frau sind nämlich noch in Kiew und kamen dort nicht raus. Deswegen ist er auf der polnischen Seite über die Grenze gegangen. Wir haben ihn dort hingefahren, sodass wir dann da auch einmal komplett an die Fußgrenze konnten. Das war sehr beklemmend.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Was haben Sie dort gesehen?

Überall waren Feuer angezündet auf dem Boden. Die Menschen lagen dort rum, große Berge an Klamotten überall und Essen kreuz und quer. Sehr viele Menschen in aufgewühlten oder sehr emotionalen Momenten nebeneinander, weil sie es endlich über die Grenze geschafft hatten.

Wie geht es für Sie nun weiter?

Wir fahren am Montag wieder nach Przemsyl, dann sogar mit einem großen Bus. Daneben versuche ich über den Verein iHelp Spenden zu sammeln, um auch neben der Beratung vor Ort weiterhelfen zu können.

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen