Greta Thunberg in Glastonbury

Riesige Müllberge: Wie passen Klimaschutz und Festivals zusammen?

Möwen fliegen über Abfälle, die nach dem Glastonbury-Festival auf der Wiese liegen.

Möwen fliegen über Abfälle, die nach dem Glastonbury-Festival auf der Wiese liegen.

Glastonbury/Berlin. Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie haben Zehntausende Musikfans wieder beim berühmten Glastonbury-Festival in der südwestenglischen Grafschaft Somerset (22. Juni bis 26. Juni) ihre Stars gefeiert, darunter Popsängerin Billie Eilish und Ex-Beatle Paul McCartney. Was nach der Veranstaltung sichtbar bleibt, ist vor allem eine Menge Müll.

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Zelte, Klappstühle, Flaschen, Essensreste, Plastiktüten: Im negativen Sinne eindrucksvolle Bilder von Müllbergen und müllüberzogenen Wiesen des Glastonbury-Festivals machen zurzeit im Internet die Runde. Skurril mag es da auf manchen Beobachtenden wirken, dass die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg am Samstag überraschend bei dem Festival aufgetreten war und energisch zu mehr Engagement fürs Klima aufgerufen hatte. Dass das Müllproblem bei Festivals allerdings gar nicht so groß ist, wie es zunächst erscheint, sagt ein Experte.

Greta Thunberg auf der Bühne des Glastonbury-Festival in England.

Greta Thunberg auf der Bühne des Glastonbury-Festival in England.

Jacob Bilabel ist Gründer der Green Music Initiative, die sich für mehr Umweltschutz in der Musikbranche einsetzt, und Leiter des Aktionsnetzwerks Nachhaltigkeit. Entsetzt über die Bilder nach dem Festival ist er nicht. „Glastonbury hat in diesem Jahr viel weniger Müll als in den Jahren zuvor“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Dienstag.

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Nicht nur in Glastonbury, auch in Deutschland sei das Müllaufkommen bei Festivals deutlich reduziert worden. Hierzulande sei man hinsichtlich dieser Thematik auch schon viel weiter als beispielsweise in Großbritannien.

Das Glastonbury-Festival

Das Glastonbury- Festival ist ein Festival für Musik und darstellende Kunst, das auf einer Farm bei Pilton stattfindet, nahe der Stadt Glastonbury im Südwesten Englands. Während des Festivals treten Musikgruppen aus allen Bereichen der zeitgenössischen populären Musik auf. Daneben gehören auch Aufführungen aus Theater, Tanz, Comedy und Zirkus zum Programm. Die Ursprünge des Glastonbury-Festivals liegen in der Hippieära. Erstmals fand es am 19. September 1970 statt. Zum diesjährigen Line-up gehörten unter anderem Billie Eilish, Kendrick Lamar, Paul McCartney, die ukrainischen ESC-Gewinner der Band Kalush Orchestra, Bruce Springsteen, Meghan Thee Stallion, Olivia Rodrigo, Diana Ross und die Pet Shop Boys. Gastauftritte hatten die Umweltaktivistin Greta Thunberg und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich am Freitag per Video bei dem Festival äußerte. Nach Angaben des Veranstalters waren 200.000 Besucherinnen und Besucher vor Ort.

Kreative Lösungen fördern den Rückgang des Mülls

Bilabel erklärt mehrere einfache Maßnahmen, wie die Verdreckung durch Müll auf einigen Festivals bereits eingedämmt wird. „Der Hauptteil des Mülls sind Umverpackungen. Leute bringen Zwölferpacks Ravioli oder Sechserträger Bier mit. Das kann man verhindern, wenn man die Dinge zu günstigen, fairen Preisen vor Ort kaufen kann.“ Ein zweiter Punkt seien die Becher. „Ab dem Moment, wo Pfand auf den Bechern ist, werden die nicht auf den Boden geschmissen. Das ist eine relativ einfache Maßnahme, die immer noch nicht von allen Festivals umgesetzt wird.“ Eine weitere Möglichkeit sei kostenloses Trinkwasser. „Man kauft einmal eine wieder verwendbare Trinkflasche und füllt diese an den Ausgabestellen umsonst auf.“

Diese und weitere kreative Lösungen hätten zu dem Rückgang des Mülls auf Festivals national sowie international geführt. „Natürlich sind die Bilder vom Müll schockierend“, betont Bilabel – aber man müsse relativieren. „Das Müllaufkommen pro Besucherin und Besucher ist auf einem Festival nicht deutlich höher als zu Hause auch“, erklärt der Experte. Auf Festivals entstehe pro Kopf 1,5 Kilogramm Müll am Tag, 2020 produzierte die deutschen Bürgerinnen und Bürger im Durchschnitt etwa 1,3 Kilogramm Hausmüll pro Tag. „Das ist nicht viel mehr, nur wir sehen den Müll“, verdeutlicht er.

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Bilabel zieht ein Beispiel heran: „Wenn in Berlin vor jedem Späti die Kundinnen und Kunden ihren Müll auf die Straße werfen würden und nicht in den Eimer, dann würde es dort mindestens genau so schlimm aussehen.“ In der Stadt gebe es aber eben eine effizientere Infrastruktur, weshalb der Abfall weniger sichtbar sei.

Jacob Bilabel.

Jacob Bilabel.

Jacob Bilabel

Seit Sommer 2020 leitet Jacob Bilabel das Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit, eine spartenübergreifende Anlaufstelle für das Thema Betriebsökologie im Bereich Kultur und Medien, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Im Jahre 2009 gründete er die paneuropäischen Green Music Initiative (GMI), eine unabhängige, branchenübergreifende Denkfabrik, die als Forschungs- und Innovationsagentur für den Musik- und Entertainmentsektor europäische Netzwerkprojekte plant, begleitet und umsetzt. Aktuell entwickelt die GMI als Teil eines Konsortiums mobile Wasserstoff Brennstoffzellen für den Einsatz bei Festival, Events und Filmproduktionen.

Das Problem der Wegwerfgesellschaft

Das Müllproblem sieht Bilabel daher nicht bei den Besucherinnen und Besuchern von Festivals. Er sei nicht damit einverstanden, dass immer auf die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gezeigt werde. „Viele sagen: ‚Wie könnt ihr denn für ‚Fridays for Future‘ auf die Straße gehen und dann so viel Müll hinterlassen?‘ Letztlich sind wir als Gesellschaft schuld“, meint er und erklärt das Problem anhand der Zelte.

Bis zu 20 Prozent der Zelte würden nach Festivals zurückgelassen werden und anschließend im Müll landen. „Die sind teilweise so günstig produziert, dass sie unglaublich kompliziert wieder zusammen- und erneut aufzubauen sind. Junge Menschen haben eben nicht so viel Geld, dass sie sich das teure, wieder verwendbare Zelt leisten können und stattdessen zum Preis von 30 Euro zuschlagen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Wegwerfprodukte so günstig sind, dass sich der Aufwand des Wiederverwertens nicht lohnt“, erläutert er.

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Vor der Bühne des Glastonbury-Festivals liegt Müll auf der Wiese verstreut.

Vor der Bühne des Glastonbury-Festivals liegt Müll auf der Wiese verstreut.

Emotionale Bindungen schaffen

Bilabel arbeitet mit seiner Initiative an kreativen Lösungen, um den Müll zu reduzieren. Die Initiative startete auch die europaweite Kampagne „Love your Tent“ (Liebe dein Zelt). „Viele Festivalgänger tragen ihre Einlassbändchen, bis sie auseinanderfallen, weil sie damit sagen und angeben können: ‚Hey, ich war auf diesem Festival.‘ Das ist wie ein Abzeichen. Genau das haben wir uns auch bei den Zelten gedacht. Promoter gehen über den Campingplatz und fragen die Leute, ob sie ihr Zelt besprühen dürfen.“ Dabei wird mit einer Schablone beispielsweise der Schriftzug oder das Logo des jeweiligen Festivals mit der Jahreszahl an die Zeltwand gesprüht.

„Das löst eine Ähnliche Emotion aus wie das Bändchen.“ Die Idee wurde bereits europaweit auf Festivals erfolgreich umgesetzt, wie Bilabel berichtet. Eine andere Lösung sei, Zelte zu vermieten, die bereits auf dem Campingplatz aufgebaut sind und später wieder abgebaut werden. „Und das auch für 30 Euro. Man muss nichts hin- und wegschleppen und es entsteht durch das Zelt kein Müll.“

Warum man nicht mit dem Finger auf die Leute zeigen sollte

Manche Festivals wie die „Fusion“ in Lärz (Mecklenburg-Vorpommern) wenden eine andere Idee an, um Abfall auf dem Gelände zu vermeiden: den Müllpfand. Die Besucherinnen und Besucher erwerben mit ihrer Eintrittskarte für 10 Euro (bereits in den Ticketpreis mit eingerechnet) einen Müllsack, den sie am Ende des Festivals gefüllt wieder gegen das Geld eintauschen können.

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Bilabel ist allerdings nichts sehr angetan von diesem Weg, denn: „Man kann die 10 Euro auch als vorausgezahlte Strafgebühr betrachten. Es geht immer nur mit den Besucherinnen und Besuchern zusammen und ihnen im Voraus einen Schuldstempel aufzudrücken, kann nach hinten losgehen. Die Personen denken teilweise, dass sie mit den 10 Euro das Recht erwerben, ihren Müll einfach liegenzulassen. Deswegen funktioniert diese Idee mal besser, mal schlechter, wie die Erfahrungen zeigen“, erklärt er seine Meinung zum Müllpfand.

Menschen wollen Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sein.

Jacob Bilabel

Die Gedankengänge der Menschen spielen bei der Verschmutzung vor Ort also eine tragende Rolle. „Festivals sind Orte, wo man abschalten möchte, nicht genervt, sondern einfach völlig ausgelassen Spaß haben möchte“, sagt Bilabel. Vor diesem Hintergrund startete seine Initiative einen Testlauf: „An zwei Station wurden jeweils drei Mülleimer – Papier, Alu und Restmüll – platziert. Über der einen Station haben wir auf einem Schild Aufklärung betrieben und erklärt, wie gefährlich die Verschmutzung für die Umwelt ist. Über der anderen Station, 50 Meter weiter, haben wir das selbe Set-up mit den gleichen Mülleimern aufgebaut. Da aber mit einem schönem bunten Bild und einem gemalten Smiley.“ Am Ende sei mehr Müll bei der Smiley-Station getrennt worden.

„Die Verhaltensökonomie hat klar bewiesen, dass die Menschen Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sein wollen. Wir wissen alle genug, dass Mülltrennung wichtig und Verschmutzung gefährlich ist. Das muss man nicht dauernd sagen. Wenn man diesen kurzen, nervigen Moment mit etwas lustigem auflädt, ist das viel effektiver, als mit dem Finger auf die Leute zu zeigen“, erklärt Bilabel.

Einfach und effektiv: mehr Mülleimer

Der effektivste Weg, um die Verschmutzung des Geländes einzudämmen, sei auch der einfachste. Es müssten genügend Mülleimer aufgestellt werden, die regelmäßig geleert werden. „Wenn ich 100 Meter gehen muss, mache ich mir die Mühe nicht. Diese Überlegung, gehe ich jetzt weg von der Gruppe zum Mülleimer, oder schmeiße ich meinen Abfall einfach auf den Boden, kennt jeder und jede, der oder die schon einmal auf einem Festival war“, sagt er.

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Glastonbury-Festival gibt „grüne Richtlinien“ vor

Auch die Veranstalterinnen und Veranstalter des Glastonbury-Festivals selbst haben sich die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben. Für die Stromversorgung würden größtenteils Photovoltaikanlagen genutzt, heißt es auf der Website des Festivals unter dem Punkt „Unsere grünen Richtlinien“. Dort steht unter anderem auch, dass seit 2019 keine Einwegplastikflaschen mehr auf dem Gelände verkauft werden.

Die Veranstalterinnen und Veranstalter nehmen aber auch die Besucherinnen und Besucher in die Pflicht. „Bitte nutzen Sie unsere Wertstofftonnen. Es ist nicht in Ordnung, Müll auf den Boden zu werfen. Helfen Sie uns, indem Sie Ihren Abfall in die richtigen Wertstofftonnen entsorgen“, lautet nur einer der Aufrufe, an den sich offensichtlich nicht alle gehalten haben.

An- und Abreise die größte Umweltsünde

Auch wenn der Müll am Ende das Sichtbarste ist, ist er noch nicht einmal die größte Umweltsünde. Die größte Belastung bei Festivals entsteht durch die An- und Abreise der Gäste, so Bilabel.

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mit dpa und AP

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