Tod eines Teenagers: Debatte um Polizeigewalt gegen australische Aborigines kocht wieder hoch

Warlpiri Elder und weitere Ureinwohner sprechen nach dem Gerichtsurteil vor dem Gericht mit der Presse.

Drei Schüsse standen im Mittelpunkt der Gerichts­verhandlung, die derzeit in Australien heftig diskutiert wird. Diese drei Schüsse töteten den 19-jährigen Kumanjayi Walker 2019 in einer abgelegenen Ortschaft im Norden Australiens. Abgefeuert wurden sie von einem heute 30‑jährigen Polizisten, der – wie er in der Gerichts­verhandlung argumentierte – um sein eigenes Leben und das seines Kollegen fürchtete.

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Den ersten Schuss hielten auch die Staats­anwälte noch für gerechtfertigt, denn der Teenager hatte zuvor mit einer Schere auf den Polizisten eingestochen. Doch Schuss Nummer zwei und drei, die 2,6 und 3,1 Sekunden später abgefeuert wurden, während der zweite Polizist versuchte, den Teenager am Boden festzuhalten, wurden zum Stein des Anstoßes. Waren sie die Tat eines verzweifelten Polizisten, der nur versuchte, sich und seinen Partner zu schützen und seine Pflicht zu tun, oder waren sie ein gewaltsamer und unnötiger Akt, der einem Mord gleichkam? Sieben Stunden brauchte die Jury, bis sie zu einem Urteil kam. Letztendlich fiel die Entscheidung für den Polizisten – man hielt ihn für nicht schuldig.

Mehr als 500 indigene Tote unter Haft­bedingungen

Der Anwalt des Polizisten, David Edwardson, bezeichnete den Fall in seinem Schluss­plädoyer als „tragisch“. „Ein junger Mann hat sein Leben verloren, und ein junger mutiger Polizist wurde der schwersten Straftat des Straf­justiz­systems angeklagt“, sagte er. Auch der Angeklagte selbst gestand ein, dass, obwohl er das Urteil natürlich begrüßte, viele Menschen durch die Entscheidung des Gerichts verletzt seien – die Familie von Kumanjayi Walker sowie die gesamte Gemeinde.

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Viele derjenigen, die bei der Urteils­verkündung anwesend waren, übten vor allem an zwei Punkten Kritik: Zum einen hinterfragten sie, warum in der Jury keine Aborigines saßen, und sie kritisierten, warum nach wie vor Waffen in den abgelegenen indigenen Gemeinden erlaubt sind. Denn der Tod des 19‑Jährigen ist kein Einzelfall: Mehr als 500 indigene Menschen haben seit den 1990er-Jahren ihr Leben in Polizei- oder Justiz­gewahrsam verloren. Ned Jampinjinpa Hargreaves, ein Ältester des indigenen Warlpiri-Volkes, rief vor dem Gerichts­gebäude dann auch laut in die Menge: „Wann bekommen wir Gerechtigkeit? Wann?“

Indigene Parlamen­tarierin: Zu viele Aborigines verhaftet

Linda Burney, eine indigene Parlamentarierin, schrieb auf Twitter, dass zu viele Aborigines verhaftet würden. „Zu viele gehen ins Gefängnis. Zu viele sterben im Gefängnis“, schrieb sie. Australien müsse mehr tun, die Rahmen­bedingungen anzugehen, die dazu führten. „Wir müssen es besser machen“, meinte sie. Im Interview mit dem australischen Sender ABC sagte sie: „Natürlich fordern die Menschen Gerechtigkeit, die Leute sind einfach frustriert.“ Es gehe dabei nicht nur um dieses Urteil. Man müsse dies im breiteren Kontext von Rassismus, schlechten Lebens­bedingungen der Ureinwohner und -einwohnerinnen und Todesfällen unter Haft­bedingungen sehen. Yuendumu, der Ort, in dem der Teenager erschossen wurde, sei vor fast 100 Jahren – im Jahr 1928 – schon einmal zum Ort eines Verbrechens geworden. So fand hier nach dem Mord an einem weißen Dingojäger ein Massaker an Aborigines statt.

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Polizeigewalt gegen Ureinwohner und ‑einwohnerinnen ist ein Thema, das in den vergangenen Jahren in Australien immer wieder hochgekocht ist – ganz besonders während der Black-Lives-Matter-Proteste in den USA im Jahr 2020. Erst im Dezember meldete das Land, dass in den vergangenen 30 Jahren 500 Aborigines unter Haft­bedingungen ihr Leben verloren haben. Obwohl eine so­genannte Royal Commission bereits 1991 Vorschläge vorgelegt hatte, wie Todesfälle im Justizsystem vermieden werden können, hat sich nur wenig geändert.

Indigener Labour-Senator spricht von „nationaler Schande“

Laut einer Analyse des „Guardian“, der indigene Todesfälle in Polizei­gewahrsam in einer Datenbank erfasst, sterben australische Ureinwohner und ‑einwohnerinnen derzeit sechsmal häufiger in Polizei­gewahrsam als Nicht-Indigene. „Die Menschen sterben immer noch auf die gleiche Art und Weise, aufgrund der gleichen Polizeiarbeit, und werden von Gerichts­medizinern untersucht, die die gleichen Empfehlungen abgeben“, hieß es in einem der Begleittexte dazu.

Auch in einem Bericht des australischen Senders ABC aus dem April 2021 wurde kritisiert, dass selbst 30 Jahre nach der Royal Commission mehr als hundert Empfehlungen noch nicht umgesetzt seien. Der indigene Labour-Senator Pat Dodson nannte dies damals eine „nationale Schande“. Dass im Verhältnis deutlich mehr Ureinwohner und ‑einwohnerinnen in Polizeigewahrsam sterben, liegt heute wie auch 1991 daran, dass überproportional viele Gefängnis­insassen Aborigines sind. Im April 2021 waren 29 Prozent der Inhaftierten in Australien Ureinwohner und ‑einwohnerinnen. Dabei machen indigene Menschen nur 3 Prozent der australischen Bevölkerung aus.

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Auch indigene Kinder benachteiligt

Das Ungleichgewicht betrifft auch andere Aspekte des Lebens: So zeigte der letzte „Closing the Gap“-Bericht, dass die Kluft zwischen den Ureinwohnern und ‑einwohnerinnen und dem Rest der Bevölkerung Australiens in vielen Themen nach wie vor groß ist. Viele Aborigines haben nicht gleichwertigen Zugang zum Gesundheits­wesen und auch die insgesamte Lebens­erwartung ist nicht gleich hoch. Auch indigene Kinder sind in vielerlei Hinsicht benachteiligt: Besonders tragisch ist, dass die Selbst­mord­rate unter indigenen Jugendlichen nach wie vor viermal höher ist als die anderer australischer Jugendlicher.

RND

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