Neue Folge „Schattenkinder“

„Tatort: Schattenkinder“ aus Zürich: Die Königin und ihr Kollateralschaden

Bizarrer Leichenfund: Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) und ihre Kollegin Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher).

Weil die Stadt so gerne Ruhe hat, selbst wenn der See in ihrer Mitte Wellen wirft und unter dunklem Himmel liegt, wie uns die Bilder immer wieder zwischendurch erzählen, braucht Zürich für die Ängste ein Ventil. Auch die Ermittlerinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) stehen unter Strom, häufig ein verkniffener Blick, gerne eine kleine Gereiztheit, die nicht nach draußen will, weil die Fassade in dem Job als Kommissarin wichtig ist: souverän durch den Morast spazieren, auch wenn die Seele wankt.

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Das Ventil ist schnell gefunden in der Schweizer „Tatort“-Folge „Schattenkinder“ (Sonntag, 13. März, 20.15 Uhr im Ersten). Zum Einen sind es Tätowierungen, die auf der Haut wie Ausschlag liegen, zum Anderen ist es die alte Villa, als Kulturzentrum genutzt, wo diese tätowierten „Kinder“ leben, längst sind sie volljährig, von denen hier berichtet wird (Buch: Stefanie Veith und Nina Vukovic, Regie: Christine Repond).

Das hat Tradition in Zürich, wo die „Rote Fabrik“ in den Achtzigerjahren halt so ein politisch linker Treffpunkt war, zu Zeiten, als die „Schattenkinder“ ihre offene Drogenszene wie den Faustschlag ins Gesicht der Stadt ausstellten. Noch heute ist die Spannung zwischen Angst und angenehmem Geld zu spüren. Wer durch Zürich läuft, sieht hier in hoher Dichte einerseits die Praxen für die Psychotherapie, andererseits die alten, verschwiegenen Bankhäuser.

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Eine Künstlerin wie eine Sektenführerin

So gesehen überrascht es nicht, dass die Kommissarinnen den Mord an einem jungen Mann aufklären müssen, der von zu Hause ausgebrochen ist, obwohl und gerade weil es das Zuhause rein emotional nie gab. Die Mutter ist fort, der Vater (Imanuel Humm) macht sich einen Namen als solventer Arzt, in Gedanken stets beim nächsten Patienten. Auch Max (Vincent Furrer), sein Sohn, wird mit den Jahren zum Patienten, nie ernst genommen vom Vater, früh vom Schwimmlehrer (Marcus Mislin) missbraucht – der Vater wiederum will diesen Missbrauch auffangen mit Therapien für den Sohn, eine, noch eine und immer mehr. Der sexuelle Übergriff wird von dem Vater nicht konkret erwähnt, sein Sohn gilt ihm ganz allgemein und vage als „labil“. Doch weil der Vater um das eigene Versagen weiß, versorgt er Max mit starkem Zeug, Pillen und Tabletten, freihändig und unverschrieben.

Da haben wir ihn wieder, den Zürcher Dreiklang aus Drogenszene, linkem Kulturzentrum und geschockten Eltern, die das alles mit viel Geld betäuben wollen. Max sucht Zuflucht bei Kyomi (Sarah Hostettler), die in der alten Villa einen Alltag etabliert als Königin und Künstlerin. Sie formt die „Schattenkinder“, die ihr folgen, zu „Objekten“, spannt sie ein für Videoinstallationen, tätowiert sie im Gesicht, auf der Stirn, am Kehlkopf, unter Narkose selbst am Augapfel, um jeden Rest von bürgerlicher Konvention zu tilgen. Sie nimmt ihnen die Sinne: Denken, Sprechen, Gucken, das ist jetzt alles in der Hand der Herrin.

Eine Leiche, wie inszeniert von der Decke hängend

Max‘ Vater wird in eine Lagerhalle gelockt, dort sieht er seinen Sohn tot aufgehängt an einem Strick, in Nylon gepackt, verschnürt zu einem Kokon. Das ist gespenstisch inszeniert, überreich mit Pathos aufgeladen, wie das in Filmen leider vorkommt, die erzählerisch nicht richtig wach werden und dann mit Schmackes auf die Pauke hauen als müssten sie sich selber wecken. So geht es auch der Folge „Schattenkinder“.

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Kommissarin Ott hat „ein Problem mit Waffen“, wie sie selber sagt, das ist als Polizistin nicht so günstig – sie fürchtet sich vor der Entlassung, weil sie bei einem alten Einsatz zu früh schoss. Nun muss ihr die Kollegin Isabelle Grandjean noch attestieren, dass sie, trotz des Vergehens, tauglich für den Dienst als Kommissarin bleibt. Doch die Kollegin ziert sich mit dem Freibrief. Auch, weil Ott ganz unverhohlen Sympathien für die Künstlerin Kyomi hegt, die gerade den sensiblen Menschen weismacht, sie von den eigenen Problemen zu entlasten. Doch auch Kyomi hat ein „Ding am Laufen“, das gut zu Zürich passt. Eine Stadt, die in der neuen „Tatort“-Folge Schwierigkeiten kriegt, wenn sie Geschichten einfach von der Straße aufliest, ohne sie zu überhöhen oder zu zergrübeln.

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