Ikonische Graphic Novel wird Serie

Träume werden wahr – Netflix startet die Comicadaption „The Sandman“

Eigentlich muss er sie auslöschen: Die eigentlich sehr nette Rose (Kyo Ra) ist ein Traumwirbel und kann mit ihren Kräften das frisch restaurierte Reich von Dream (Tom Sturridge) ramponieren. Szene aus der Serie „The Sandman“, die am 5. August bei Netflix startet.

Das hätte niemals passieren dürfen. Dream oder Morpheus, der „König der Träume (und Albträume)“, einer von sieben Ewigen, die noch über den Göttern stehen, ist von einem Laienokkultisten gefangen genommen und seiner Machtinsignien (Sandbeutel, magischer Rubin, Maske) beraubt worden. Das ganze 20. Jahrhundert verbringt er fortan in dessen Käfig in England, stumm über Racheplänen brütend.

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Eine halbe Ewigkeit ist der König des Traumreichs gefangen

Eigentlich hatte jener Roderick Burgess (Charles Dance) ja Dreams Schwester Death beschwören und kidnappen wollen, um durch sie Unsterblichkeit zu erlangen. Mit Dreams versehentlicher Inkarkeration befällt nun eine Schlafkrankheit Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Dream muss freikommen. Und kommt schließlich auch frei. Aber es ist wie immer – kaum ist man mal 100 Jahre weg, liegt alles im Argen, weiß man gar nicht, wo man zuerst anpacken soll. Dornröschen kann ein Lied davon singen.

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Die „Sandman“-Planungen dauerten auch eine halbe Ewigkeit

„Sandman“ ist nach 31 Jahren des Planens und Umplanens endlich Serie geworden und leitet – sehr zur Freude von Fans von Comicverfilmungen – die mit „Game of Thrones“- und „Herr der Ringe“-Ablegern vielversprechende Herbst-/Wintersaison 2022 grandioser Streaming-Phantastika ein. Die Vorlage aus der Feder von Neil Gaiman („Niemalsland“, „Black Orchid“, „American Gods“) und diversen Zeichnern addierte sich zu einer gewaltigen 2000-Seiten-Graphic-Novel, in der Popkultur und Menschheitsmythen virtuos verwoben werden und die schlichtweg als „der Übercomic“ gilt, ausgezeichnet sogar mit dem sonst nur Prosa vorbehaltenen World-Fantasy-Award.

Zehn Folgen auf einen Schlag gibt es, wie es sich im Zeitalter des Bingens gehört (in dem allerdings schon viele Anbieter wieder zum Veröffentlichungsmodus des klassischen Lahmfernsehens zurückgekehrt sind und mit nur noch einer Folge pro Woche auf unserem Geduldsfaden balancieren).

Ein gutes Trio - Die Namen der Serienmacher verheißen Großes

Die Voraussetzungen könnten besser nicht sein. Unter den drei Hauptverantwortlichen der ersten Staffel von „The Sandman“ ist Gaiman selbst – der Autor wacht beruhigenderweise über eine ihm angemessen erscheinende Adaption seiner Schöpfung. Ihm zur Seite steht David S. Goyer, der ebenfalls vom Comic kommt („Justice League of America“), mit den Nolan-Brüdern an der großartigen Batman-Trilogie „The Dark Knight“ (2005–2012) arbeitete und jüngst mit der Isaac-Asimov-Verfilmung „Foundation“ (2021) eine der besten Sci-fi-Serien überhaupt ablieferte.

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Und der Dritte im Bunde, Allan Heinberg, war vor seinem Skript zu „Wonder Woman“ (2017) Autor bei Serien wie „Sex and the City“ (1998–2004) und „Gilmore Girls“ (2000–2007). In dem Briten Tom Sturridge, der schon als Lord Byron in Haifaa Al Mansours „Mary Shelley“ (2017) englische Blässe und Blasiertheit verkörperte, haben die Netflixer zudem eine Idealbesetzung gefunden. Sturridges hochgewachsener, hagerer Dream sieht bleichromantisch, sexy und gefährlich zugleich aus – dabei immer so, als sei er direkt den Panels der Comics auf den Bildschirm gesprungen.

Dream ist ein überheblicher „Diener“ der Menschen

Ein schnöseliger Romantiker mit grausamer Note. Der immer viel davon parliert, dass „die Ewigen den Menschen dienen“, der aber stets von oben herab auf alles andere Seiende herabblickt, völlig mitleidlos mit den Wesen seines Traumreichs umspringt – vor allem mit der umsichtigen Bibliothekarin Lucienne (Vivienne Acheampong) – und der den Menschen gegenüber niemals auch nur einen Hauch von Servilität erkennen lässt. König ist König.

Erst braucht er seine drei Werkzeuge, um das ramponierte Reich wieder aufzubauen – das allein wäre schon des Stoffs genug für eine Staffel. Denn die Suche bringt ihm sogar ein Duell mit der eigentlich unschlagbaren Lucifer Morgenstern („Game of Thrones“-Brienne Gwendoline Christie) in der Hölle ein. Dream zu sein, so scheint’s, wird zunehmend zum Albtraum.

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Das Hobby des Korinthers erinnert an E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“

Alsdann muss Dream drei aus seinen Reichsgrenzen geflohene und in die wirkliche Welt hineinwirkende Träume und Albträume zurück in sein Reich holen. Als schwierigster Fall erweist sich dabei der Korinther (Boyd Holbrook), ein seine verstörenden Augen hinter einer Sonnenbrille versteckender Serienmörder – der wie der Sandmann im Ammenmärchen der gleichnamigen E.-T.-A.-Hoffmann-Schauergeschichte – die Augäpfel seiner Opfer als Trophäen mitnimmt.

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Und dann ist da noch der „Traumwirbel“. Die junge, liebenswerte Rose Walker (Kyo Ra) sucht ihren verschwundenen kleinen Bruder Jed und weiß – vorerst – noch nichts von ihren Kräften, durch Träume anderer reisen und die Wände zwischen einzelnen Träumen einreißen zu können. Damit gefährdet sie die Existenz des Traumreichs und auch der Wachwelt. Es gehört zu den vorrangigen Aufgaben Dreams, dieses alle tausend Jahre einmal auftretende Phänomen zu beseitigen.

Die Serie „The Sandman“ ist ein wahres Geschichtengewitter

Geschichten schichten sich über Geschichten, ein wahres Geschichtengewitter ist diese Serie, in der viele zum Teil nur angerissene Storys prasseln, die sich aber immer mal wieder die Zeit nimmt für ausschweifende Erzählungen – etwa über die Auswirkungen von zu viel Aufrichtigkeit oder darüber, was das Geschenk der Unsterblichkeit mit dem Beschenkten macht.

Eine Folge lang begleitet Dream seine Schwester Death (Kirby Howell-Baptiste) bei der Arbeit. Trifft einen alten Mann, der ein letztes Mal Schubert auf seiner Geige spielt. Und ein kleines Baby in der Wiege, dem vom Schicksal nur ein paar Tage verstattet waren. Und der Arrogantling lernt „Danke“ zu sagen. Lernt die Worte „Freund“ und „Freundschaft“ und „Es tut mir leid“ zu benutzen. Lernt die Menschen kennen und lernt, ihnen die Hand zu reichen – während hinter seinem Rücken eine Intrige gesponnen wird, so gewaltig, dass sie mehrere Staffeln überspannen wird.

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Eine Freude für Freunde des Fantastischen

Eine Coming-of-Soul-Geschichte also. Wer es mag, wenn Abenteuer, Komödie und Tragödie sich im besten Ringelpiez miteinander drehen, der bekommt hier Best of Netflix. Und auch für den, der auf sprechende Raben steht, auf skelettierte Gärtner mit Kürbisköpfen, auf lebende Gargoylen, sich verneigende Drachen, auf überwältigenden Kulissenzauber und den Tanz der Spezialeffekte, werden mit „The Sandman“ Träume wahr.

„The Sandman“, erste Staffel, zehn Episoden, mit Tom Sturridge, Kyo Ra, David Thewlis, Vivienne Acheampong, Stephen Fry, Kirby Howell-Baptiste, Gwendoline Christie und den Stimmen von Mark Hamill und Patton Oswalt (ab 5. August bei Netflix)

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