Neue Show

Comeback bei Sat.1: So war Jörg Pilawas „Quiz für dich“

Henning Baum; Ralf Moeller, Katarina Witt und Henry Maske waren zu Gast bei Jörg Pilawas „Quiz für dich“.

Um Entertainment erfolgreich zu machen, kommt es auf Timing und Dosierung an: Spart man die echten Highlights bis zum Ende auf, um das Publikum möglichst lange bei der Stange zu halten? Oder verhindert man durch frühzeitiges Verschießen guter Unterhaltung Abschaltimpulse? Die Antwort weiß nur die Einschaltquote, aber ein halbes Moderatorenleben nach Jörg Pilawas Start als Deutschlands zweitbeliebtester Rateonkel bei Sat1, das er gestern um 20.15 Uhr an alter Wirkungsstätte auf exakt „22 Jahre und 35 Minuten“ beziffert, hat er sich leider für frühzeitigen Abschuss entschieden.

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Heikle Entscheidung. Exakt 22 Jahre, 35 Minuten, 34 Sekunden nach dem Debüt der „Quiz-Show“ beim seinerzeit relevanten Privatsender stellt Jörg Pilawa die ersten vier Gäste vom „Quiz für Dich“ vor – und tut dem darauffolgenden Quartett damit definitiv keinen Gefallen. Aus der Ideenfabrik des holländischen Fernsehmoguls John de Mol nämlich traten die Komiker Pierre M. Krause und Ralf Schmitz gegen die Moderatorinnen Linda Zervakis und Jeannine Michaelsen an. im zweiten Teil dann Ralf Moeller und Henning Baum gegen Katarina Witt und Henry Maske.

„Wir machen was ganz Verrücktes“, sagt Pilawa

Esprit vor Muckis also, Bühnenkunst vor Quereinstieg, Improvisation vor Drehbuch – in dieser Konstellation war ein Unterhaltungsabfall zur Hälfte der zweistündigen Aufzeichnung unvermeidlich. Doch der Reihe nach. Im Anschluss einer kleinen Zeitreise, die den alterslosen Sonnyboy aus Hamburg mit viel zu kurzen Revers an viel zu weitem Jackett anno 2000 zeigt, hat Sat.1 anno 2022 im schmaleren Anzug überm T-Shirt also erneut ein internationales Erfolgskonzept gekl…, pardon: kopiert. Aber gut – wenigstens geht es dabei um mehr als Geld fürs Konto der Rätselnden.

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„Wir machen was ganz Verrücktes“, nimmt sich der gelernte Radiosprecher mit seiner millionenfach erprobten Gute-Laune-Mimik aus Schwiegersohn und Schlawiner auf den Arm: „Prominente spielen für einen guten Zweck“. Doch damit genug der Selbstironie. Die teilnehmenden Fernsehstars raten zum Wohl gewöhnlicher Menschen mit ungewöhnlicher Biografie – zunächst Heidi aus Hessen, die für kranke Kinder Weihnachtsmärkte organisiert und endlich mal an sich denken soll, danach Lena aus Schwaben, die sich trotz schwerster Krankheiten die Laune nie verderben lässt, aber dringend ein behindertengerechtes Auto braucht.

In zwei Vorrunden mit Fragen vom Farbverlauf der belgischen Flagge bis zur Schreibweise von Pubertät, können die A-Promis pro korrekter Antwort 100 Euro sammeln, beim Finale gar das Zehnfache. Für Heidi kommen da stolze 24.000 Euro zusammen, also nur unwesentlich mehr als für Lena. Beide dürfen wir durch anfangs versteckte, später sichtbare Kameras erst beim Unbefangen-, dann Glücklichsein beobachten, Sprachlosigkeit und Freudentränen inklusive. So simuliert das Mainstreamfernsehen seit „Dalli Dalli“ am Beispiel ausgewählter Individuen Empathie für alle.

Nicht alle Promis sind Spaßkanonen

So macht es auch der nette Herr P. (oft von Pilawas gleichnamiger Produktionsfirma hergestellt) in Dutzenden Shows für Hilfsbedürftige, die hierzulande gern synonym mit „Kinder“ verwendet werden. So macht es auch das „Quiz für Dich“ – nur dummerweise mit prominenten Gästen, die nach der Hälfte zäher 110 Minuten Ödnis verbreiten. Während sich das dramaturgische Niveau im LED-Gewitter ohnehin meist auf Katzen- oder Pferdevideos, Liebesschlösser und Veganerwitze, Hansi Flick oder Horst Lichter reduziert, veranstalten die Spaß-Profis Schmitz, Krause, Michaelsen ein Feuerwerk der Spielfreude, das sogar die sprödere Zervakis mitreißt.

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Moeller, Baum, Witt dagegen, ganz zu schweigen vom einsilbigen Henry Maske, haben die Schlagfertigkeit einer Behördenverordnung oder wie es der wuchtige Serienhaudrauf Henning vorm Einsatz auf den Punkt bringt: „Die vier haben in einer Stunde mehr gesprochen als ich ein einer Jahreszeit“. Schwer zu sagen, ob die zeitliche Einteilung gelungen ist. Wäre das zweite Quartett vorm ersten gestartet, hätten anspruchsvolle Quiz-Fans womöglich sofort umgeschaltet. So aber schalten sie nächsten Mittwoch vielleicht gar nicht erst wieder ein. Bei einer Zeitreise, die jetzt irgendwie auch niemand braucht. Außer Herr P. natürlich. Denn der verdient prächtig am Feelgood-Fernsehen mit Freudentränengarantie.

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