Tödliche Menschenversuche

Ist der Mensch auch der Liebsten ein Wolf? Der Sci-Fi-Thriller „Der Spinnenkopf“ startet bei Netflix

Festung im Paradies: Hier macht der Wissenschaftler Steve, gespielt von Chris Hemsworth, Experimente mit Häftlingen. Szene aus dem Netflix-Film „Der Spinnenkopf“.

Der Häftling bekommt G-46 injiziert. Und da sitzt er mit dem Wissenschaftler, der das „geheime Regierungsprojekt“ betreut, und lacht über abgegriffenste Witze wie: „Wie nennt man ein verärgertes Milchprodukt?“ – „Saure Sahne“, als wär’s die beste Sekunde einer Sternstunde von „Saturday Night Live“. Der Mann bleibt auch quietschvergnügt, als von den Hunderttausenden Toten des Genozids in Ruanda die Rede ist oder seine viermal lebenslängliche Strafe zur Sprache kommt.

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Er ist Teilnehmer einer Studie in der Haft- und Forschungsanstalt „Spinnenkopf“. Der Experimentleiter Steve Abnesti (Chris Hemsworth) testet verschiedene Stoffe in ihrer Auswirkung aufs Gemüt, aus denen eines Tages Medikamente werden sollen. Auch die Spaßsubstanz G-46.

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Der Bau mit dem gruseligen Namen befindet sich in traumhafter Lage an einem großen See irgendwo in einem Naturparadies und sieht aus wie der Beton gewordene Größenwahntraum eines Stararchitekten von einem Panzer. Die Innenräume sind weitläufig und großzügig, die Annehmlichkeiten gegenüber klassisch amerikanischem Strafvollzug fürstlich. In der Dusche kann sich jeder problemlos nach einer heruntergefallenen Seife bücken – denn niemand anderes duscht mit.

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Bevorzugter Proband von Steve ist Jeff (Mike Teller). Höflich wird um Zustimmung gebeten, die erstrebte Zufuhr von etwa N-40 (man findet damit jeden um ein Vielfaches begehrenswerter als zuvor) und B-15 (um das Sprachzentrum geschmeidiger zu machen) verabreichen zu dürfen.

Die Ampullen befinden sich in einer Apparatur auf dem Rücken der Teilnehmer, ferndosiert wird mittels eines Sticks, der an ein Smartphone erinnert. Auch die Gefangene Heather bekommt die Stoffe, und eh sie und Jeff sich versehen, fallen sie in übermenschlicher Erregung übereinander her – Sex ohne Rücksicht aufs Mobiliar. Auch danach können sie nicht voneinander lassen. „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass mir Kuscheln gefällt“, schwärmt Jeff gegenüber Steve. Der lächelt, als ginge es um eine Art Superviagra und als sei er der rangerste Philanthrop. Hemsworth-Vertrauensvorschuss – er ist für uns entweder Thor für Marvel oder (gefühlt) sonst ein Held.

Diesmal ist Held Hemsworth kein Vollsympath

Ist er hier nicht. Denn in Wahrheit ist die Zustimmung gar nicht einfach so zu verweigern. Und apropos Wahrheit: Mit der hat es Steve nicht so, wie sich im Verlauf der 106 Minuten des Sci-Fi-Thrillers „Der Spinnenkopf“ herausstellt. Er hat vielmehr ein dunkles Geheimnis, und man beginnt, Abneigung zu empfinden, als er nach einem etwas unappetitlichen Laborgeschehen selbstverliebt zu Roxy Musics „More than This“ durch sein Appartement tanzt.

Ein Gefühl, das verstärkt wird, als auch schreckliche Gemütsmanipulatoren in dem Sortiment auftauchen – „Phobica“ beispielsweise jagt den Testpersonen Angst vor harmlosesten Gegenständen ein und das gefürchtete „Darkenfloxx“ ist ein Mittel, das bei den menschlichen Versuchskaninchen unerträgliche Gedanken hervorruft, bis hin zur vollkommenen Schwärze einer kilometertiefen Depression.

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Forscherdrang oder Sadismus: Der Wissenschaftler Steve (Chris Hemsworth, links) verbirgt Dinge vor seiner Testperson Jeff (Miles Teller).

Forscherdrang oder Sadismus: Der Wissenschaftler Steve (Chris Hemsworth, links) verbirgt Dinge vor seiner Testperson Jeff (Miles Teller).

Natürlich rastet der Zuschauer wie geplant ein – Menschenversuche dieser Art hält man für zutiefst verachtenswert. Eine Weile weiß man trotzdem nicht, worauf Joseph Kosinskis Film nach der Kurzgeschichte „Escape from Spiderhead“ (2010) von George Saunders hinausläuft. Ein wenig schwarzhumorig geht es zu. Als Jeff etwa fälschlicherweise annimmt, er solle gemeinsam mit einem Hulk-förmigen Tattoo-Gesamtkunstwerk (Nathan Jones) die Libidodroge testen, verweigert er sich erschrocken. Tragödien werden angerissen – in immer schlimmeren Rückblenden kehrt die Erinnerung Jeffs zurück, weshalb er eigentlich einsitzt.

Und man sieht immer wieder private Momente mit der Insassin Lizzy („Lovecraft Country“-Star Jurnee Smollett), zu der Jeff sich hingezogen fühlt. Eine Liebe – völlig frei von chemischen Manipulationen. Der Neuanfang.

Aus den Tests wird ein soziales Experiment

Bis schließlich ein Versuch im „Spinnenkopf“ tödlich schiefgeht. Bis Jeff Klarheit über die Natur des Projekts und über die sadistischen Wesenszüge Steves erhält. Bis ein soziales Experiment daraus wird und Jeff selbst an den Regler gesetzt wird, um Lizzy „Darkenfloxx“ zu verabreichen – zunächst mit einem fragwürdigen Wissenschaftsargument, das künftige Medikament würde helfen, die Welt zum Guten zu verändern, das Verbrechen abzuschaffen. Dann mit unverhohlenen Drohungen. „Was immer er auch will, das tust du mir jetzt an!“, befiehlt ihm Lizzy schließlich, als Jeff sich standhaft weigert und die Situation im Bunker sich zuspitzt.

Was wird geschehen? Man denkt an das Stanford-Prison-Experiment, als der Psychologe Philip Zimbardo Anfang der Siebzigerjahre menschliches Verhalten unter der Bedingung von Gefangenschaft erforschen wollte und das Projekt früh abgebrochen werden musste, weil die Einteilung der Häftlinge in „Insassen“ und „Wächter“ im Handumdrehen zu Demütigungen, offenem Sadismus und Meuterei führte.

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Oder an das ebenfalls unmoralische Milgram-Experiment, in dem zehn Jahre zuvor zu „Lehrern“ ernannte Teilnehmer „Schülern“ (angeworbene Schauspieler) bei Fehlern Stromschläge versetzen durften. Ohne Wissen der „Lehrer“ waren sie nur simuliert. 65 Prozent der Ermächtigten gingen bis zur obersten, als extrem gefährlich klassifizierten 450-Volt-Stufe der „Bestrafung“.

Der Mensch mag dem Menschen zumindest ein Wölfchen sein und gewiss ist auch was dran an der Redensart, wonach man oft die verletzt, die man am meisten liebt (wobei man sie meist piesackt und triezt, wenn man sie schon nicht mehr so sehr liebt oder die Liebe sich in Genervtsein verwandelt hat). Aber die Sache zwischen Jeff und Lizzy ist frisch und innig und so steuert Kosinski seinen Film am dystopischen Abgrund vorbei.

Am Ende reicht der „Top Gun“-Regisseur sogar Klamauk

Und wechselt dann unverhofft die Tonart. Der Fluchtversuch ist so over the top inszeniert, so mit Jux und Tollerei angereichert, dass alle Ernsthaftigkeit aus dem Film entweicht wie die Luft aus dem offenen Schnüdel eines Luftballons und er irgendwo hinzischt. Was Kosinski wollte, lässt sich nur erahnen. Die letzte Szene gehört dem plumpen Flugmanöver eines Mannes, der kein Ziel mehr hat.

Den Witz dieses Moments versteht nur, wer Kosinksis derzeit in den Kinos Rekorde brechenden anderen aktuellen Film kennt. In „Top Gun: Maverick“ sieht man tollkühne Männer Dinge mit ihren fliegenden Kisten tun, die einen schier das Atmen vergessen lassen.

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„Der Spinnenkopf“, Film, 106 Minuten, Regie: Joseph Kosinski, mit Chris Hemsworth, Miles Teller, Jurnee Smollett (ab 17. Juni bei Netflix)

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