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Mit Masken, Tests und schlechtem Gewissen

Wie sich das Feiern durch Corona und den Krieg verändert hat

Ob Geburtstagsfeier oder Tanzen im Club: Corona und Krieg haben die Feierkultur verändert.

Der runde Geburtstag liegt zwar schon zwei Jahre zurück, aber jetzt kann endlich nachgeholt werden, worauf man sich so lange gefreut, was man so lange vermisst hat: Feiern im großen Stil. Mit Verwandten, Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen. Toll – oder doch eher tollkühn?

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Trotz der Aufhebung von Maskenpflicht, Personenbeschränkungen, Test- oder Impfnachweis für private Feste, bleibt bei vielen ein Rest von Unbehagen, wenn sie dieser Tage Einladungen aussprechen. Die Sorge, dass die Feier zum Infektionsherd werden könnte, dass keine Stimmung aufkommt, weil die Gäste sich womöglich nicht rundum wohlfühlen in einer großen Gruppe, dass es vielleicht jede Menge Absagen gibt oder dass man selbst vorher krank wird und dann auf den Kosten für Essen, Saalmiete und Hotelzimmern sitzen bleibt, treibt viele um. Hinzu kommen der Krieg in der Ukraine, die Bilder und Berichte vom Leid der Menschen. Soll man, kann man, darf man in diesen Zeiten ausgelassen feiern?

Vorsicht überwiegt häufig Vorfreude

Amelie Borges, Eventplanerin aus München, hat in diesem Jahr auf jeden Fall viele Anfragen. Sie organisiert deutschlandweit Privatfeiern, insbesondere Hochzeiten, und Firmenveranstaltungen. „Ich merke schon eine deutliche Sehnsucht, wieder in größerer Gesellschaft zu feiern, gern mit bis zu hundert Gästen“, sagt sie. Die Feierlust ist sogar dermaßen groß, dass die Locations, mit denen Borges zusammenarbeitet, bereits jetzt bis in den Oktober hinein jeden Samstag ausgebucht sind.

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Für Hochzeitspaare werde es mittlerweile sogar schwierig, selbst für nächstes Jahr noch Räumlichkeiten am Wochenende zu finden, berichtet Borges, die seit 2018 selbstständig ist. Seitdem hat sich die Feierkultur aus ihrer Sicht radikal verändert: Vorsicht überlagere heute oftmals die Vorfreude. Trotz der grundsätzlichen Lust, in einem illustren Kreis zu tanzen, zu lachen, zu essen und zu trinken, äußerten viele Kunden und Kundinnen bei Planungsgesprächen zunächst Bedenken: „Ängste und Sorgen hinsichtlich der Pandemie schwingen nach wie vor mit. Viele sprechen auch den Krieg in der Ukraine an. Da ist dann auch manchmal die Rede davon, ein schlechtes Gewissen zu haben“, berichtet die Eventplanerin. Eine Möglichkeit, Not und Elend anderer nicht völlig außer Acht zu lassen, sei, auf Geschenke zu verzichten und stattdessen um Spenden für eine Hilfsorganisation zu bitten, rät sie.

Befreiung und Aufruhr statt Ignoranz und Realitätsflucht?

Eines ist auch klar: Nicht jeder, der vorhat, eine Party zu feiern, ist automatisch ein Hedonist, der nur seinen eigenen Lustgewinn verfolgt. Zu feiern ist Ausdruck purer Lebensfreude. Und diese wiederum auch ein Zeichen von Rebellion – gegen die Monotonie und die Belastungen des Alltags. Kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben.

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Was Moralapostel als dekadente Form von Realitätsflucht bezeichnen mögen, hat für den Schweizer Kulturwissenschaftler und Historiker Walter Leimgruber tatsächlich etwas von Befreiung und Aufruhr: „In manchen Epochen und Gesellschaften wurden und werden bestimmte Feste verboten, weil die Obrigkeit und die Mächtigen sich vor ihnen fürchten. Denn Feste zu feiern, entwickelt bisweilen eine befreiende Kraft, die zu Aufruhr und Revolte, gar zu Revolutionen führen kann“, schreibt er in einem Aufsatz darüber, warum der Mensch Feste feiert. Das mag zwar eher für Volksfeste als für private Feiern gelten. Und dennoch sorgt auch eine Geburtstagsparty oder eine Taufe, eine Hochzeit oder ein Grillfest dafür, den Einzelnen für zumindest einen Tag oder einen Abend zu entlasten und die Gemeinschaft zu festigen. Zusammen lässt man sich nicht unterkriegen.

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Mit Lockerheit und Entspannung wird die Party ein Erfolg

Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass gerade in Krisenzeiten das Partymachen Hochkonjunktur hatte und dabei immer auch so etwas wie eine Trotzreaktion war: So etwa im Berlin der Zwanzigerjahre oder während der Zeit des Nationalsozialismus, als sich die Swing-Jugend in Hinterzimmern traf. Doch auch jüngere Beispiele verdeutlichen, wie mit kollektiver Fröhlichkeit düstere Realität verarbeitet und negative Stimmung durchbrochen wurde: Nach den Terroranschlägen 2015 in Paris unter anderem auf den Club Bataclan sowie nach dem Anschlag auf die Diskothek Pacha 2001 in Tel Aviv kam das Nachtleben in beiden Städten keinesfalls zum Erliegen. Nicht aus Ignoranz, sondern weil die Menschen demonstrieren wollten, dass sie sich nicht einschüchtern lassen.

Im Gegensatz zum Alltag bietet das Fest eine heile, idealisierte Gesellschaft. Es wird Leimgruber zufolge „bestimmt von einer Atmosphäre des Lockeren, Gelösten und Schwebenden“. Ein schlechtes Gewissen jedoch zieht einen runter – und die Gäste gleich mit. „Ich sage den Kundinnen und Kunden immer, dass man sich mit allem, was man tut, gut fühlen sollte. Wenn der emotionale Druck allerdings so groß ist und man als Gastgeber Bauchschmerzen beim Gedanken an die Feier hat, dann sollte man davon Abstand nehmen und den Termin verschieben“, rät Eventplanerin Borges. Lockerheit und Entspannung seien das A und O für eine gelungene Feier.

Nur wer sich sicher fühlt, kann auch ausgelassen feiern

Damit auch die Besucher bedenkenlos feiern können, sollte man ihnen als Gastgeber oder Gastgeberin vor allem das Gefühl von Sicherheit geben, betont Borges. Damit Corona auf der Party in jeglicher Hinsicht kein Thema ist, hält sie es für „selbstverständlich“, in der Einladung auf die 3G-Regel hinzuweisen. Außerdem empfiehlt sie, Feste auf die Frühjahrs- und Sommermonate zu verlegen, um möglichst draußen feiern zu können: „Outdoor ist absolut in. Für Plan B bei schlechtem Wetter sollte jedoch beispielsweise ein Zelt parat stehen.“

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Auch beim Tanzen spielt der Infektionsschutz eine wichtige Rolle: Hielt man vor der Pandemie die Tanzflächen eher klein, weil man meinte, dass das der Stimmung zuträglich war, bieten Gastronomen und Hoteliers mittlerweile mehr Platz, damit Abstand gehalten werden kann. Denn auch, wenn sich alle an die 3G-Regel halten, ist Tuchfühlung so manchem immer noch nicht ganz geheuer. Daher sei vor allem bei einer erhöhten Inzidenzlage auch mit kurzfristigen Absagen zu rechnen, räumt Borges ein. Das dürfe der Gastgeber dann aber keinesfalls persönlich nehmen.

Wird die ganze Feier abgesagt, kann es allerdings ins Geld gehen: „Kostenfreie Stornierungen für Feiern bietet inzwischen keiner mehr in Hotellerie und Gastronomie an, denn die Branche muss mehr denn je um ihre Existenz kämpfen“, sagt Borges. Man könne sich aber in der Regel auf eine Verschiebung einigen, so mache weder Gastgeber noch Anbieter Verlust. Verschieben muss auch Iris A. aus einem Dorf bei Hannover ihre für Mai geplante 150-Leute-Party bis auf Weiteres: Das Vereinsheim, das sie für ihre Geburtstagsfeier gemietet hatte, ist jetzt eine Geflüchtetenunterkunft für Frauen und Kinder aus der Ukraine. „Manchmal“, sagt sie, „gibt es eben wichtigere Dinge als zu feiern.“ Sie klingt dabei nicht enttäuscht.

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