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Stoff für Gesellschaft und Politik

Erstmals in Großbritannien: Daniel Lismore stellt textile Skulpturen aus

Daniel Lismore gilt als einer der schillerndsten Exzentriker der Modeszene.

Als Daniel Lismore an diesem sonnigen Vormittag im Herbert Art Gallery and Museum in Coventry in seiner fliederfarbenen Kreation durch die licht­durch­flutete Eingangshalle schreitet, tut der groß gewachsene Künstler dies mit einer gewissen Anmut. Mit dem einer Tracht ähnelnden Kleidungsstück will er auf die Situation von Frauen in Syrien aufmerksam machen, erzählt er später. Zunächst jedoch richtet er mit sanfter Stimme einige Wort an die Gäste, die an diesem Tag angereist sind, um seine Ausstellung von „Be Yourself, Everyone Else Is Already Taken“, („Sei du selbst, alle anderen gibt es schon“) in seiner Heimatstadt zu sehen. Diese Schau, sagt Lismore, „ist eine Reflexion meines Lebens, der Dinge, die ich gesehen und erlebt“, der Kleidung, die er getragen habe. „Denn ich lebe als Kunstwerk.“ Nach Stationen unter anderem in Australien und den USA ist es für den mittlerweile in London lebenden Künstler seine erste Ausstellung in Großbritannien. Doch wer ist dieser Designer, der so viele Menschen fasziniert?

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Seine Schau zeigt Abbildungen von ihm, gescannt und in Kunststoff gegossen, stilisiert wie eine Schau­fenster­puppe meist mit schwarz geschminkten geschlossenen Augen und knallrotem Mund. Die 50 lebensgroßen „Skulpturen“, wie er es beschreibt, tragen Kreationen der letzten Jahre, die faszinieren und fordern. Mal gleicht seine Haute Couture einer Explosion von Farben mit goldenen Ketten und Perlen, dann wieder ist die fantasievolle Kleidung mit Fangnetzen, Treibgut und Federn bestückt.

„Ich will die Menschen dazu ermutigen, sie selbst zu sein“

Darüber hinaus zeigt die Ausstellung in einem eigens dafür eingerichteten Raum nie zuvor gezeigte Erinnerungs­stücke aus dem privaten Archiv des Künstlers: Fotos mit Boy George oder Pamela Anderson, Bilder und Kritzeleien, die er mit Freunden in einer durchzechten Nacht angefertigt hat. In einem Bücherregal ist ein Schild zu sehen. Darauf steht: „Be yourself“, („sei du selbst“). Nach dem Ziel der Ausstellung gefragt, greift der Künstler eben dieses Motto auf: „Ich will die Menschen dazu ermutigen, sie selbst zu sein“ – ohne jemandem dabei zu schaden. Wenn ihm das nur bei einer einzigen Person gelänge, betont er, dann habe er schon viel erreicht.

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Früher gemobbt, heute ein Star: Daniel Lismore gilt als einer der schillerndsten Exzentriker der Modeszene.

Früher gemobbt, heute ein Star: Daniel Lismore gilt als einer der schillerndsten Exzentriker der Modeszene.

Kleidungsstücke vermitteln politische Botschaften

Es ist kein Zufall, dass ihm dies so ein wichtiges Anliegen ist. Denn Lismore, so gestand er einst einer Mode­zeit­schrift, wurde vor allem in seiner Kindheit und Jugend gemobbt. Besonders schlimm sei es in der Schule gewesen. Er habe seine Freizeit oft alleine verbracht, habe gemalt und Dinge aus Ton hergestellt. „Ich glaube, dass dies einen großen Einfluss auf meine Arbeit hatte.“ Danach war Kleidung für den heute 37‑Jährigen immer auch ein Mittel, um sich für die Welt da draußen zu wappnen. Seine exzentrische Mode ermöglichte es ihm, er selbst zu sein, „viele selbst zu sein“. Aus dieser Strategie wurde schließlich eine Karriere: Lismore wurde Designer und reiste um die Welt. Als Creative Director des Luxuslabels Sorapol kleidete er unter anderem Stars wie Mariah Carey, Naomi Campbell und Boy George ein. Jetzt können seine Entwürfe, als Zeichen der Versöhnung mit seiner schwierigen Zeit als Jugendlicher, auch in seiner Heimatstadt Coventry bewundert werden.

Doch seine Kleidungsstücke vermitteln auch politische Botschaften. So zeigt die Ausstellung unter anderem ein extravagantes schwarz-rotes Ensemble, das Lismore während Protesten für den Aktivisten und Whistleblower Julian Assange getragen hat. Dem Wikileaks-Gründer droht die Auslieferung in die USA, wo er wegen Geheimnis­verrats angeklagt werden soll. „Julian ist ein sehr guter Freund von mir“, gestand Lismore im Rahmen der Proteste, „und ich will darauf aufmerksam machen, dass in diesem Fall die Pressefreiheit auf dem Spiel steht“. Kürzlich postete Lismore außerdem ein Foto mit Stella Moris, der Frau von Julian Assange, auf Instagram. Assange und Moris haben am 23. März geheiratet, hinter den Gefängnismauern des Londoner Hoch­sicherheits­gefängnisses Belmarsh. Auf dem Foto stehen Lismore und Moris im Rahmen der Hoch­zeits­feierlich­keiten Seite an Seite vor einem Kamin. „Es war absolut herzzerreißend, Stella an ihrem Hochzeitstag alleine zu sehen“, schrieb der Künstler.

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Ausstellung noch bis 26. Juni zu sehen

Aber auch andere Themen sind dem Künstler wichtig, Umwelt und Nachhaltigkeit zum Beispiel. Kürzlich zeigte er sich außerdem mit einem neuen Entwurf auf Instagram: ein blaues, locker fallendes Kostüm. Daneben steht: „Unsere Regierungen tun nicht genug, um der ukrainischen Armee und den Menschen vor Ort zu helfen. Schreiben Sie an Ihre Abgeordneten, machen Sie Lärm. Wenn Sie Russe sind, gehen Sie auf die Straße.“ Ende März zeigte sich Lismore dann mit einem rosafarbenen Kostüm, das entfernt an eine Rüstung erinnert, auf dem Trafalgar Square in London. Dort schwenkte er eine blau-gelbe Fahne. Sein Kommentar zu dem kurzen Video auf Instagram: Die Menschen in Russland sollten erfahren, „dass Soldaten belogen werden“, dass „sie Putin sinnlos in den Tod schickt“. Man selbst zu sein, so zeigt sich in diesen Tagen, bedeutet für Lismore demnach nicht nur, sich so zu zeigen, wie man ist, sondern auch, auf Missstände hinzuweisen.

Info: Die Ausstellung „Be Yourself, Everyone Else Is Already Taken“ im Herbert Art Gallery and Museum in Coventry ist noch bis 26. Juni 2022 zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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