Trauer um Ronnie Spector – mit „Be My Baby“ in die Ruhmeshalle

Trauer um eine der Heldinnen der Popmusik: Die US-amerikanische Sängerin Ronnie Spector (hier nach ihrem Auftritt bei der Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame) starb am Mittwoch (12. Januar) im Alter von 78 Jahren.

Trauer um eine der Heldinnen der Popmusik: Die US-amerikanische Sängerin Ronnie Spector (hier nach ihrem Auftritt bei der Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame) starb am Mittwoch (12. Januar) im Alter von 78 Jahren.

Der Song war eine ganz einfache Girl-meets-Boy-Geschichte, wie sie damals zu Hunderten gesungen wurden. Eines abends trifft das Mädchen/die Sängerin den Jungen, und es ist um sie geschehen. Sie würde ihn am liebsten nie mehr gehen lassen, weiß, dass sie und er als Paar ganz groß rauskommen würden. Liebe auf den ersten Blick. „Wir lassen sie die Köpfe nach uns drehen, wo immer wir sind.“ Die unsägliche Zeile, gesungen mit reichlich Sexappeal im rauen Timbre, kam allerdings schon davor: „Willst du nicht sagen, dass du mich liebst?“ Ziemlich affirmativ für eine Sängerin damals im Doris-Day-braven Amerika des Sommers 1963. Aber schon Ende August, zwei Wochen nach der Veröffentlichung sang ganz Amerika und bald darauf die ganze Welt mit den Ronettes den Refrain des Begehrs: „So won‘t you please be my … be my Baby.“ Unzweifelhaft eine der berühmtesten Rock ‘n‘ Roll-Zeilen aller Zeiten.

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Es war in den folgenden Jahrzehnten und bis heute der Markensong der am 10. August 1943 in New York geborenen Veronica Bennett, die als Ronnie Spector bekannt wurde und die am Mittwoch im Alter von 78 Jahren an einer Krebserkrankung starb. Sie war im Zeitalter der Girlgroups die Chefin der vielleicht offensivsten Truppe des Stils. Die Familie Bennett in East Harlem war musikalisch, nach der Trennung vom alkoholsüchtigen Vater förderte Mutter Beatrice eine professionelle Musikkarriere der Töchter. Schon als Teenager bildete Veronica ein Gesangsduo mit ihrer Schwester Estelle. Zum Familienunternehmen stieß ihre Cousine Nedra Talley. Erst nannte man sich Darling Sisters, später, als Ronnie unverkennbar die Frontfrau des Trios war, waren – auf Mamas Geheiß – die Ronettes geboren.

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Das Geheimnis des Erfolgs war neben Ronnies röhrender Soulstimme das ungewohnte „Bad Girl“-Image. Zu den beeindruckenden Bienenkorbfrisuren gesellten sich ordentlich Schminke und Eyeliner, Wimpern wie Kolibriflügel und geschlitzte Röcke, so eng, dass Amerikas Sittenwächter der frühen Sechzigerjahre Atemnot bekamen.

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Das ungewöhnlich verruchte Äußere ging einher mit massiver Romantik in den Texten. Produzent Phil Spector, den sie bei einem Vorsingtermin spontan begeistert hatten, schrieb Songs für das Trio und packte die Drei aus New York in seinen bombastischen, popcineastischen „Wall of Sound“. Die „Little Symphonies“ der Ronettes kamen aus dem Radio wie chromglänzende Straßenkreuzer: „Baby I Love You“, „Walking In The Rain“ und zuletzt „I Can Hear Music“, die Geschichte von der quasi halluzinogenen Macht der Liebe, die es 1966 allerdings nur noch bis Platz 100 der amerikanischen Billboard-Charts schaffte (und heute vielen als Lied der Beach Boys gilt).

Im Vorprogramm der Ronettes spielten die Rolling Stones

Ein Überhit und ein paar weitere recht erfolgreiche Singles – damit brachten es die Ronettes zuerst bis nach England (wo die Rolling Stones als ihre Vorband spielten und John Lennon ihnen den Hof machte) und schließlich 2007 bis in die Rock ‘n‘ Roll Hall of Fame, Tempel der Ewigen der Populärmusik. Dabei hatte Phil Spector ob des nachlassenden Erfolgs schon bald das Interesse an der Gruppe verloren, die 1967 auseinanderbrach, heiratete aber 1968 Ronnie, mit der er schon länger eine Affäre gehabt hatte.

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Gelangweilt war Ronnie Spector vom Ruhestandsleben in Los Angeles, in das sie ihr Mann 1967 nach seinem unerwarteten kommerziellen Fehlschlag mit der Tina-Turner-Single „River Deep Mountain High“ gezwungen hatte. Der wohl ernsthafteste Versuch, sie als Solokünstlerin zu etablieren, erfolgte indes noch unter seinen Fittichen im Februar 1971. Ein Jahr nach dem Split der Beatles nahm Ronnie Spector in London auf deren Apple-Label George Harrisons Song „Try Some Buy Some“ auf. Geplant war ein Comeback-Album mit weiteren Kompositionen des Ronnie-Fans Harrison, aber Phil Spector, der für die Beatles deren letzte Albumveröffentlichung „Let It Be“ fertiggestellt und Harrisons Solodebüt „All Things Must Pass“ koproduziert hatte, vermasselte die Sessions seiner Frau in den Abbey Road Studios mit seinem exzentrischen und unberechenbaren Gehabe.

Phil Spector behandelte Ehefrau Ronnie wie eine Leibeigene

So ließ er Ronnie immer wieder in der Gesangskabine sitzen, bis zu 20 Minuten, nur um Harrison Anekdoten aus seinem Leben zu erzählen. Der frühere Beatles-Toningenieur Ken Scott erinnerte sich: „Ronnie wartete jedes mal still am Mikrofon – zu verängstigt, um irgendetwas zu sagen.“

Der paranoide Frauenmissbraucher Spector hielt Ronnie in Beverly Hills wie eine Leibeigene. In ihrer Autobiografie „Be My Baby“, die 1990 erschien, erzählte die Sängerin von ihrem Abstieg in den Alkoholismus. Es war ihre Mutter, die die Tochter 1972 schließlich aus dem Haus befreite – die sie höchstpersönlich eskortierte. Barfuß verließ Ronnie Spector ihr Gefängnis. Der Streit um die drei adoptierten Kinder verhinderte jedes weitere musikalische Projekt. 1974 war Scheidungstermin, den Namen behielt Ronnie. Der rachsüchtige Ex drohte, sie von einem Auftragskiller live auf der Bühne erschießen zu lassen. Billy Joel schrieb ihr später den fulminanten Song „Say Goodbye to Hollywood“ – ganz im „Be My Baby“-Stil, der Mittelteil lesbar sowohl als Teil ihres Lebens als auch als guter Rat: Vergiss L. A. – es ist nicht schade drum.

Ronnie Spector wurde eine Frau für die Bühne

Eine Hitphase hatte die Tochter eines Weißen und einer Afroamerikanerin nicht mehr, aber sie nahm zwischen 1980 und 2016 sporadisch Alben auf, und machte Sessions mit Eddie Money (das Duett „Take Me Home Tonight“), Joey Ramone (die gemeinsame EP „She Talks to Rainbows“) und mit der mit Bruce Springsteen befreundeten New-Jersey-Band Southside Johnny and The Asbury Jukes („You Mean So Much To Me“).

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Die Bands, die ihr Erbe aufrecht hielten, reichten von den schottischen Teeniehelden Bay City Rollers (die sich in ihren frühen Jahren an den Ronettes-Sound anlehnten und „Be My Baby“ coverten) bis zu den US-Punkhelden The Ramones (die 1980 unter Phil Spectors Regie „Baby, I Love You“ aufnahmen). Und ihr zweiter Ehemann Jonathan Greenfield, mit dem sie zwei leibliche Kinder hatte und in dessen Armen sie am Mittwoch starb, brachte sie vom Alkohol los und zurück auf die Bühne, wo Ronnie Spector ihren Ruf als exzellente Performerin schnell erneuerte. Sie wurde eine für die Show, wenn schon nicht mehr für die Charts.

„Als wir anfingen, machten wir es nicht fürs Geld, auch nicht, um hübsch verpackt zu werden. Alles was wir wollten, war Rock ‘n‘ Roll zu machen und Spaß zu haben. Und das taten wir“, erinnerte sich Ronnie Spector einmal an die Anfangstage. Diesen Spaß bewahrte sie sich, bis Corona weitere Tourpläne verhinderte. Ronnie Spectors letztes Konzert war die Weihnachtsshow am 23. Dezember 2019 in der altehrwürdigen Usher Hall von Edinburgh, nach der ihr die Tageszeitung „The Scotsman“ eine „jugendliche Kraft“ bescheinigte. Die Stimme habe an Amy Winehouse erinnert. Der letzte Song der offiziellen Setlist war – „Be My Baby“ – er sei mächtig abgefeiert worden. Boy meets Girl hält ewig.

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