Schreibt ein Streamingdienst Geschichte?

Königskategorie: Das sind die Oscarkandidaten in der Kategorie „Bester Film“

Die 17-jährige Ruby (Emilia Jones) in einer Szene des Films „Coda".

Die 17-jährige Ruby (Emilia Jones) in einer Szene des Films „Coda".

Los Angeles. Sollte der Netflix-Film „The Power of the Dog“ am Sonntag bei der Oscarverleihung den Preis als „Bester Film“ holen, so wäre das der erste Sieg für einen Streamingdienst in der Sparte. Schärfster Streamingkonkurrent ist der von Kritikern und Zuschauerinnen und Zuschauern gefeierte Film „Coda“ (Apple TV+) über ein 17-jähriges Mädchen, das in einer gehörlosen Familie aufwächst. Die zehn Oscar-Anwärter 2022 in der wichtigsten Sparte „Bester Film“ im Überblick:

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„Belfast“

Das Schwarz-Weiß-Drama basiert auf dem Leben seines Regisseurs Kenneth Branagh. Wie die Hauptfigur, der neunjährige Buddy, wuchs er in den 1960er Jahren in Belfast auf. Buddy und seine Familie werden Zeugen, wie im Zuge des Nordirlandkonflikts Protestanten durch ihr größtenteils katholisches Wohnviertel ziehen und randalieren. Angesichts der Unruhen fragen sich die Eltern, ob sie ihr geliebtes Belfast verlassen sollten. „Belfast“ greift den historischen Kontext der politischen Unruhen auf, im Vordergrund stehen aber Buddy und seine Familie. Der Film zelebriert in starken Bildern die Lebensfreude des Jungen, seine Neugierde und Unbedarftheit, denen die bürgerkriegsähnlichen Zustände nichts anhaben können.

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„Dune“

Nicht umsonst sind unter den zehn Nominierungen des Science-Fiction-Films auch die für Produktionsdesign, Kamera oder Visuelle Effekte: Der Blockbuster des Regisseurs Denis Villeneuve ist ein sehr visuell gedachter Film mit maximalistischer Inszenierung: Wir sehen gigantische Dünenmonster oder elegante Flugkörper und hören dazu die (ebenfalls nominierte) dröhnende Musik von Hans Zimmer. Erzählt wird im auf der Romanreihe von Frank Herbert basierenden Film von kriegerischen Fürstenhäusern im Weltall und intergalaktischen Handelsfehden. Im Prinzip geht es um geopolitische Kämpfe, die - obwohl der Film weit in der Zukunft spielt - an heute erinnern.

„The Power of the Dog“

Vielleicht gelingt Netflix mit diesem postmodernen, queeren Western, der toxische Männlichkeit betrachtet, der große Oscar-Wurf und der Streamingdienst heimst erstmals den Academy Award in der Kategorie „Bester Film“ ein. Drei Golden Globes gab es jedenfalls schon. „The Power of the Dog“ spielt 1925 im kargen Montana. Benedict Cumberbatch spielt Rancher Phil Burbank, der die Frau seines Bruders als Gefahr für das Männerbündlerische seiner Heimat sieht. Er mobbt die Frau und anfangs auch ihren Sohn, den er verweichlicht findet. Hinter seiner Fassade lauert jedoch ein verunsicherter Kerl, der seine homoerotische Seite unterdrückt. Bei diesem Film kann man sich den Bildern und der Musik hingeben. In den Dialogen ist vor allem das Nichtgesagte entscheidend.

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„King Richard“

Wie kann man die Traumkarriere von Serena und Venus Williams filmisch am besten erzählen? Der Aufstieg der beiden Schwestern aus dem ärmlichen kalifornischen Compton an die Spitze des Damentennis ist idealer Stoff für ein Hollywood-Märchen. Doch „King Richard“ stellt nicht die Power-Frauen, sondern deren Vater Richard Williams in den Mittelpunkt. Diesen schrägen, ehrgeizigen, aber auch fürsorglichen Familienvater verkörpert Hollywood-Star Will Smith auf packende Weise. Die Darstellung brachte ihm eine der insgesamt sechs Oscar-Nominierungen für das Biopic von US-Regisseur Reinaldo Marcus Green ein. Venus und Serena Williams und deren Schwester Isha Price sind als Produzentinnen an Bord.

„Coda“

Die Tragikomödie von Siân Heder beim Streamingdienst Apple TV+ ist ein US-Remake der französischen Komödie „Verstehen Sie die Béliers?“. Coda bezeichnet nicht nur den ausklingenden Teil eines Musikstücks, sondern steht auch für „child of deaf adults“, also „Kind von gehörlosen Erwachsenen“. Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Ruby (Emilia Jones), die die einzige Hörende einer Fischerfamilie ist. Eines Tages wird sie vor die Wahl gestellt, ihre eigenen Träume ausgerechnet als Sängerin zu verwirklichen oder die in sie gesteckten Erwartungen als Coda zu erfüllen. Der gehörlose Schauspieler Troy Kotsur als Vater und Seebär Frank wurde als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert. Der behutsame und amüsante Film erzählt eindrücklich von Gehörlosen, aber eben nicht Hilflosen.

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„West Side Story“

Hollywood-Regisseur Steven Spielberg hat mit 75 Jahren sein erstes Filmmusical gedreht - und dabei auf einen Klassiker zurückgegriffen. Angesiedelt in den 1950er Jahren in der düsteren West Side Manhattans, erzählt „West Side Story“ die Liebesgeschichte des in New York geborenen Tony (Ansel Elgort) und der aus Puerto Rico stammenden Maria (Rachel Zegler), die zwei verfeindeten Gangs angehören. Die Original-Verfilmung von Leonard Bernsteins Broadway-Hit holte 1962 zehn Oscar-Trophäen, darunter als bester Film, für Regie (Robert Wise) und für Rita Moreno, die damals die junge Anita, eine Freundin Marias, spielte. Moreno tritt in dem Remake als eine neue Figur namens Valentina auf. Die neue Anita-Darstellerin Ariana DeBose hat mir ihrer Nebenrolle schon mehrere Preise gewonnen, sie gilt als Oscar-Favoritin.

„Licorice Pizza“

Das San Fernando Valley, nordwestlich von Los Angeles, ist die Kulisse für die Coming-of-Age-Romanze. Dort wuchs der 1970 geborene Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson auf. „Licorice Pizza“ führt ins Jahr 1973 zurück. Für Gary Valentine ist es die Zeit seiner ersten großen Liebe. Pickelige Haut und Babyspeck können den selbstsicheren Teenager nicht bremsen. Sein „Crush“ ist die Mittzwanzigerin Alana Kane, eine Fotoassistentin, die ihm auf dem Schulhof begegnet. Die turbulente Story vom Erwachsenwerden erzählt Anderson mit Wärme, Witz und Plausibilität. Als Hauptdarsteller geben Cooper Hoffman (18), Sohn des 2014 gestorbenen Oscar-Preisträgers Philip Seymour Hoffman, und die kalifornische Pop-Rock-Musikerin Alana Haim (30) ein starkes Spielfilmdebüt.

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„Don‘t Look Up“

Ein Killer-Komet rast auf die Erde zu, doch Adam McKay inszeniert das Katastrophenszenario als Satire mit bitterbösen Seitenhieben auf die amerikanische Gesellschaft, Politik und den Social-Media-Wahn. Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio) ist Astronom und Wissenschafts-Nerd, mit Brille und Bauchansatz. Er gerät ins Rampenlicht, als seine Doktorandin Kate (Jennifer Lawrence) einen bedrohlichen Himmelskörper entdeckt. Ihren Berechnungen zufolge schlägt der riesige Asteroid in gut sechs Monaten auf der Erde ein. Das Duo versucht die Menschen zu warnen, dass der sichere Untergang bevorsteht, doch kaum jemand nimmt das Katastrophen-Szenario ernst. Für die Satire konnte McKay auch Stars wie Meryl Streep (als eitle US-Präsidentin) und Cate Blanchett und Tyler Perry als Talkshow-Duo gewinnen.

„Nightmare Alley“

Die Romanadaption des Regisseurs Guillermo del Toro erzählt von Stanton Carlisle (Bradley Cooper), der in den 1940er Jahren auf einem Jahrmarkt anheuert. Nachdem er von einem Wahrsager-Paar Grundlagen gelernt hat, steigt er selbst zu einem erfolgreichen Mentalisten – einer Art psychologischem Zauberkünstler – auf. Er ist davon überzeugt, Menschen manipulieren zu können, wird aber am Ende selbst zum Opfer seines Größenwahns. Ein Film-Noir-Thriller mit beeindruckender Szenografie und opulenten Jahrmarktszenen.

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„Drive my Car“

In „Drive my Car“ transportiert der japanische Regisseur Ryusuke Hamaguchi viel über Dialoge. Es geht um das Schauspielern und die Frage, wie es sich in unserem Alltag bemerkbar macht. Erzählt wird vom Schauspieler und Theaterregisseur Kafuku. Eines Tages sieht dieser, wie seine Ehefrau Oto ihn mit einem jungen Kollegen betrügt. Kurz darauf stirbt Oto an einer Hirnblutung, ohne, dass es zu einer Aussprache gekommen wäre. Zwei Jahre später inszeniert Kafuku bei einem Festival in Hiroshima ein Theaterstück - und lässt dort den ehemaligen Liebhaber von Oto die Hauptrolle spielen. Auch die Ikonografie des Dreistünders ist bemerkenswert: Immer wieder gibt es einprägsame Bilder - wie etwa das rote Auto Marke Saab, mit dem die Hauptfigur durch die Gegend fährt.

Die 94. Academy Awards werden in der Nacht zu Montag (2 Uhr deutscher Zeit) in Los Angeles vergeben.

RND/dpa

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