Meltem Kaptan: „Ich widme den Preis allen Müttern, die grenzenlos für ihre Kinder einstehen“

Schauspielerin Meltem Kaptan posiert mit dem Silbernen Bären für ihre Rolle in dem Film „Rabiye Kurnaz gegen George W Bush“.

Schauspielerin Meltem Kaptan posiert mit dem Silbernen Bären für ihre Rolle in dem Film „Rabiye Kurnaz gegen George W Bush“.

Hannover. Frau Kaptan, bei der Berlinale-Preisverleihung haben Sie sich als „Dekomädchen“ geoutet: Haben Sie zu Hause ein schönes Plätzchen für Ihren Bären gefunden?

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Ja, habe ich, und ich bin glücklich, dass es ein Silberner Bär ist, den ich für meine Rolle in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ bekommen habe. Ich liebe alles, was silbern glänzt und Retro ausschaut. Ich habe eine wunderbare Retrolampe von meinen Schwiegereltern. Zwischen der Lampe und einem Retroradio macht sich der Bär prima.

Nach der Bären-Übergabe hatten Sie angekündigt, nicht etwa Ihren Ehemann als erstes anzurufen, sondern Frau Kurnaz: Wie nahe sind Sie ihr durch den Film gekommen?

Der Film ist eine Hommage an Rabiye. Deshalb habe ich den Preis allen Müttern gewidmet, die grenzenlos für ihre Kinder einstehen – so wie Rabiye, die darum gekämpft hat, ihren Sohn Murat aus dem US-Gefangenenlager auf Guantanamo herauszuholen, wo er fünf lange Jahre ohne Anklage saß.

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War Frau Kurnaz sofort am Telefon?

Sie saß sogar auf heißen Kohlen zu Hause, wie ich später erfahren habe: Ich hatte den Anruf bei ihr in der Pressekonferenz angekündigt, und die hatte sie sich live angeschaut. Rabiye war in Sorge, weil sie nicht geschminkt war und befürchtete, jeden Moment irgendwie zugeschaltet zu werden.

Wie hat die Bremer Hausfrau Kurnaz es geschafft, in der Weltpolitik zu bestehen?

Das habe ich mich schon in dem Moment gefragt, als ich das Drehbuch las: Was sind die Energiequellen dieser Frau? Sie hat ihren Familienalltag in Bremen gemeistert – und musste jeden Tag befürchten, dass ihr Kind gerade in Guantanamo gefoltert wird. Über fünf Jahre wusste sie nicht, ob Murat zurückkommen würde. Die Angst hätte sie lähmen können, hat sie aber angespornt. Deshalb bezeichne ich Rabiye gern als Stehaufweibchen.

Ist Frau Kurnaz im Laufe des Wartens in ihrer Angst verbittert?

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Sie hätte so viel Groll und Hass entwickeln können. Hat sie aber nicht. Sie hat immer einen Witz auf den Lippen. In einem Moment kann sie dich zum Lachen und im nächsten zum Weinen bringen. Ihre Empathie ist unglaublich. Spürt sie, dass sie ihr Gegenüber zu tief in ihre Geschichte hineingezogen hat, haut sie zur Entlastung etwas Komisches raus. Deswegen war es mir auch wichtig, meinen Comedyhintergrund rauszuhalten. Wir wollten die Welt allein mit Rabiyes Augen zeigen.

Schweigemarsch in Washington: Bernhard Docke (Alexander Scheer) und Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“.

Schweigemarsch in Washington: Bernhard Docke (Alexander Scheer) und Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“.

Wird diese Art der Mütterlichkeit überall verstanden?

Ich komme gerade vom Filmfestival in Istanbul. Da haben die Zuschauerinnen und Zuschauer an exakt denselben Stellen gelacht und geweint. Ich habe eine richtige Gänsehaut gekriegt. Das Überthema dieser mütterlichen Kraft erreicht offenbar viele Menschen.

Gilt das auch für den wohl witzigsten Satz im Film? Da kann Rabiye endlich ihren aus Guantanamo zurückgekehrten Sohn in die Arme schließen. Er sagt, dass er gern allein sein wolle. Und seine Mutter reagiert darauf mit den Worten: „Das kann ich gut verstehen. Ich komme mit“.

Bei der Berlinale-Pressekonferenz ist etwas Erstaunliches passiert: Erst stand eine mexikanische Journalistin auf und sagte: Bei uns sind die Mütter genauso. Worauf eine Amerikanerin erwiderte: Nein, unsere machen so etwas. Und dann sagte eine dritte Journalistin: Ich erkenne unsere türkischen Muttis wieder. Deshalb glaube ich, das ist überall so: Wenn eine Mutter über alles liebt, dann kann sie schon mal übergriffig werden. Ich erinnere mich an meine eigene Mama: Wenn ich ihr sagte, dass ich Ruhe brauche, um für die Klausur zu lernen, hat sie mir das Essen ganz vorsichtig rübergeschoben und dabei geflüstert, so als wenn das nicht stören würde.

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Sehen Sie Anknüpfungspunkte zwischen der Biografie von Frau Kurnaz und Ihrer eigenen?

Auch ich versuche, immer das Positive aus einer Situation herauszufiltern Das ist einer der Gründe, warum ich Komödiantin geworden bin. Wenn es mir schlecht geht, versuche ich, um mich herum eine Leichtigkeit zu schaffen. Ich umgebe mich mit Leuten, mit denen ich lachen kann. Auch für mich ist Humor eine Überlebensquelle.

Frau Kurnaz kocht und backt im Film ohne Unterlass – Köfte, Baklava, Apfelkuchen. Hilft das in schwierigen Situationen?

Gerade der Apfelkuchen ist wichtig! Obwohl ihr Sohn nicht da ist, backt sie den Kuchen in gewissem Sinn für ihn und hat das Gefühl, ihm etwas Gutes zu tun. Das Verblüffende ist: Auch Murat Kurnaz berichtet in seinem Buch über die Guantanamo-Jahre, dass er in seiner Zelle oft den Geruch des Apfelkuchens seiner Mutter in der Nase hatte. Als ich bei meiner Recherche für die Rolle darauf stieß, musste ich schlucken.

Klingt so, als ob Sie Ähnliches kennen würden.

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Wenn ich an meine Oma denke, taucht sofort ihr Kuchen in meiner sinnlichen Erinnerung auf. Backen heißt Umsorgen. Das weiß ich aus meiner Backsendung im Fernsehen: Ich verwöhne gern Leute. Beim Kochen geht es darum, die Seele zu streicheln. Ich selbst bin übrigens kein Schleckermaul, auch wenn ich so aussehe. Den ganzen Kuchen kriegt mein Ehemann, und dem sieht man das überhaupt nicht an.

Sie sind aufgewachsen in einem Ort namens Harsewinkel im tiefsten Ostwestfalen. Waren Ihre Eltern dort gut integriert?

Meine Eltern sind vor 43 Jahren aus der Türkei in dieses Städtchen gekommen. In Harsewinkel ist der Landmaschinenhersteller Claas beheimatet, und der suchte damals nach Beschäftigten aus der Türkei. Meine Mama kam als Türkischlehrerin. Sie war aber noch viel mehr als das: eine echte Vertrauensperson.

Was heißt das?

Sie hat immer versucht, Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen – etwa zwischen den türkischen Eltern und dem Schulsystem. Meine Schwester und ich haben oft geholfen, wenn es etwa darum ging, Broschüren auf Türkisch zu schreiben, um Kindern den öffentlichen Nahverkehr näherzubringen. Meine Mama hat immer darauf geachtet, dass kein Schüler zwischen den Kulturen verloren geht. Manchmal tauchte noch um Mitternacht eine Familie mit einem Problem bei uns auf. Meiner Mutter ist es sogar gelungen, den Priester davon zu überzeugen, direkt neben dem deutschen Friedhof einen muslimischen einzurichten. Integration, dieses schwere Thema, hat uns auf vielfältige Weise begleitet.

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Postmigrantisch ist ein „schönes Modewort“

Nervt Sie das Thema heute manchmal?

Wir benutzen gern das schöne Modewort postmigrantisch. Das bedeutet, dass jeder die Gesellschaft mitgestaltet – ganz egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Aber es gibt auch so etwas wie positive Diskriminierung: Zu Beginn meiner Karriere bin ich aufs Türkischsein reduziert worden. Auf der Bühne durfte ich nur darüber reden. Ich musste es mir hart erkämpfen, mich auch anderen Themen widmen zu dürfen. Denn die betreffen mich wie jede und jeden anderen auch.

Sie knöpfen sich aber immer noch das Thema Integration vor.

Ich habe mich ja auch nicht meines kulturellen Rucksacks entledigt. Es kommt auf die richtige Balance an. Ich sehe mich als eine moderne, hoffentlich aufgeklärte Deutsche mit Migrationshintergrund. Ich liebe aber auch das Schwarze Meer, die Musik, die Kultur. Von dort stammt meine Familie. Genauso respektiere ich aber Künstlerinnen und Künstler, die sagen, ich will mit meiner Herkunft nichts zu tun haben.

Ein früherer Bundespräsident hat mal gesagt, der Islam gehöre zu Deutschland. Er wurde dafür viel gelobt. Verbirgt sich hinter dieser Aussage heute eine Selbstverständlichkeit?

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Schön wäre es. Aber wir wissen beide, dass dem nicht so ist. Es ist kein Zufall, dass jetzt mit Blick auf die Ukraine wieder die Frage aufgetaucht ist, ob wir Deutschen eher bereit sind, Flüchtlinge mit christlichem Hintergrund aufzunehmen. Dabei ist klar, dass man allen helfen muss, die sich in Not befinden.

Befürchten Sie, dass die Stimmung sich gegen die ukrainischen Flüchtlinge wenden könnte, so wie sie sich 2015 bald schon gegen die Menschen aus Syrien wendete?

Wir müssen immer aufpassen. Die Bereitschaft, Menschen aufzunehmen, hat auch damit zu tun, was gerade in der Welt passiert. Schwierig wird es, wenn die Angst in der aufnehmenden Gesellschaft wächst. Dann kann es passieren, dass sie sich einen Sündenbock sucht. Davor sind wir nie gefeit. Dabei gibt es so viele tolle Menschen da draußen, die für Integration kämpfen. Gerade jetzt tut sich in vielen Bereichen etwas. Nehmen Sie die Nachrichtensendungen im Fernsehen: So viele Moderatoren mit Migrationshintergrund werden plötzlich sichtbar.

Sie werden nach dem Berlinale-Triumph von Rollenangeboten überhäuft: Wie viele mit türkisch-deutschen Klischees sind dabei?

Das ist eine bunte Mischung. Aber es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis der Filmsektor sich von den üblichen Stereotypen befreit. Aber auch in der Comedy habe ich das erlebt: Als ich mir mal die Haare blond gefärbt hatte, sah ich plötzlich nicht mehr türkisch genug aus. Dabei sind auch all meine Cousins vom Schwarzen Meer blond und haben blaue Augen.

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Sie haben genug auf der Bühne zu tun: Werden wir Sie trotzdem künftig häufiger im Kino sehen?

Ich finde es nach wie vor richtig und wichtig, Menschen zum Lachen zu bringen. Da habe ich Freude dran. Der Weg ins Entertainmentfach im Fernsehen war lang. Ich fände es schade, all dem jetzt den Rücken zuzukehren. Gern würde ich beides verbinden. Ich kann mir im Film ganz ernste Geschichten vorstellen. Das wäre eine andere Seite von mir. Was nicht heißt, dass mich nicht auch eine Komödie reizen könnte.

Rabiye Kurnaz ist eine Meisterin der Koseworte: Nennen Sie Ihren Mann inzwischen auch „mein Schäfchen“?

Mein Mann hat andere Kosenamen, die allerdings ihm allein vorbehalten sind. Aber ich kann Ihnen verraten, dass ich meinen Hund „Mein Schäfchen“ nenne. Eigentlich heißt er Chino, ein Havaneser.

Das ist Meltem Kaptan

Sie ist Komikerin, Sängerin, Moderatorin, Buchautorin („Verliebt, Verlobt, Verbockt: Meine türkisch-deutsche Traumhochzeit“) – und im Februar hat Meltem Kaptan auch noch den Silbernen Berlinale-Bären für ihre schauspielerische Leistung in Andreas Dresens Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ (Kinostart: 28. April) gewonnen. Die Hauptrolle als Mutter des fünf Jahre lang ins US-Gefangenenlager Guantanamo verschleppten Murat Kurnaz war ihre erste im deutschen Kino. Mit ihrer Vorstellung als kämpferische Übermutter mit viel Seele, Herz und noch mehr Humor begeisterte sie das Festival.

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Bis dahin kannten Zuschauer die 41-Jährige vorrangig aus dem Fernsehen: Kaptan, geboren in Gütersloh als Tochter türkischer Eltern, ist eine der Gastgeberinnen der Comedyshow „Ladies Night“. Für Vox steht sie in „Allererste Sahne – Wer backt am besten?“ am Herd.

Ihre Schauspiel- und Gesangsausbildung hat Kaptan bis in die Türkei und in die USA geführt, wo sie in Musicals wie „West Side Story“ oder „Sweeney Todd“ auftrat. Kaptan ist verheiratet und lebt in Köln.

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