Beliebter australischer Schauspieler

Jack Charles: Der „Vater des schwarzen Theaters“ ist tot

Der Schauspieler Jack Charles ist tot.

Der Schauspieler Jack Charles ist tot.

Sydney. Sein Rauschebart und das verschmitzte Lachen werden vielen noch lange im Gedächtnis bleiben. Mit Jack Charles, der in Australien als „Onkel Jack“ bekannt ist, ist einer der beliebtesten indigenen Schauspieler des Landes verstorben. Charles erlag im Alter von 79 Jahren am Dienstag einem Schlaganfall. Der Schauspieler starb in einem Krankenhaus in Melbourne umgeben von seiner Familie.

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Sein Publizist schrieb in einem Statement: „Wir sind so stolz auf alles, was er in seinem bemerkenswerten Leben erreicht hat – Ältester, Schauspieler, Musiker, Töpfer, Aktivist, Mentor, ein Haushaltsname und eine von allen geliebte Stimme.“ Der indigene Künstler werde durch seine zahlreichen Film- und Bühnenrollen in den Herzen und Erinnerungen der Menschen weiterleben.

100.000 gestohlene Kinder

Charles wurde 1943 geboren und war ein Überlebender der sogenannten gestohlenen Generationen. Von Anfang 1900 bis in die 1970er-Jahre hatten die australischen Behörden indigenen Familien ihre Kinder weggenommen und in Heimen oder Adoptivfamilien untergebracht. Vor allem Mischlingskinder sollten in die weiße Rasse assimiliert werden. Die damaligen Verantwortlichen waren fest davon überzeugt, ganz zum Wohle der Kinder zu handeln.

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Doch die Auswirkungen auf die betroffenen Generationen waren dramatisch. Viele der bis zu 100.000 entrissenen Kinder sahen ihre Eltern nie wieder, viele der Mütter starben frühzeitig an Gram und Trauer. Erst 2008, als der damalige australische Premierminister Kevin Rudd sich offiziell bei den Ureinwohnern des Landes für all diese Gräuel entschuldigte, fing ein Heilungsprozess an.

Schauspielerei „rettete“ ihn

Charles war seiner Mutter im Alter von nur vier Monaten entrissen worden. Er verbrachte seine Kindheit in einer Reihe staatlicher Einrichtungen, unter anderem im Jungenheim der Heilsarmee in Box Hill im Osten von Melbourne, wo er körperlich und sexuell missbraucht wurde. „Es ist schwer, den Schaden zu beschreiben, den dieser Ort mir zugefügt hat“, sagte der Schauspieler Anfang dieses Jahres gegenüber einer indigenen Kommission zur Wahrheitsfindung, die die damaligen Vergehen untersuchte. Nicht nur der Missbrauch habe ihn traumatisiert, das Box Hill Boys’ Home habe ihm auch seine indigenen Wurzeln genommen.

So war er das einzige Ureinwohnerkind im Heim und wuchs in dem Glauben auf, er sei ein Waisenkind. „Mir wurde nicht einmal gesagt, dass ich Aborigine bin – das musste ich selbst herausfinden“, sagte er der Kommission. Als er im Alter von 17 Jahren schließlich erfuhr, dass seine Mutter am Leben war und er die Nachricht mit seiner Pflegemutter teilte, wurde er aus der Familie entfernt und in Jugendhaft genommen. „Ich erinnere mich, dass ich mich in den Schlaf geweint habe“, berichtete er.

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Rassismus verfolgte ihn über Jahre

Vor allem in seiner Jugend kämpfte Charles zeitweise mit Heroinsucht und der Auseinandersetzung mit seiner Sexualität. Er war mehrmals wegen Einbruchs- und Drogendelikten im Gefängnis. Erst als er als junger Mann seine schauspielerische Begabung entdeckte, sei dies ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen, meinte er. „Ich glaube, ich verdanke mein Leben der Entdeckung des Theaters.“ 1971 gründete er zusammen mit dem indigenen Schauspieler Bob Maza die erste indigene Theatergruppe Australiens, Nindethana. „Als die Industrie bemerkte, dass es Aborigines gab, die Aborigines spielten, hörte sie auf, Weiße einzuschwärzen, um Aborigines zu spielen“, sagte er erst vor Kurzem in einem Video für das indigene TV-Programm NITV. Das sei ein Weckruf für die gesamte Industrie gewesen.

Trotzdem wurde er im folgenden Jahr bei der Vergabe der Rolle des indigenen Detektivs Boney in der gleichnamigen australischen Fernsehserie übergangen. Die Rolle ging an den neuseeländischen Schauspieler James Laurenson, dessen Gesicht für die Rolle dunkel geschminkt wurde. In späteren Jahren hat sich Charles dann aber mit Rollen in Filmen wie „The Chant of Jimmie Blacksmith“, „Bedevil“, „Blackfellas“, „Tom White“ und „Pan“ einen Namen gemacht. In der jüngeren Vergangenheit trat er in der Horrordramaserie „Wolf Creek“ und der australischen Fernsehserie „Cleverman“ auf.

Die Schauspielerin und Bühnenregisseurin Rachael Maza, deren Vater Bob Maza in den 1970ern zusammen Charles die Nindethana-Theatergruppe gründete, sagte gegenüber ABC Radio, dass Charles jungen indigenen Schauspielern den Weg geebnet habe. „Er repräsentiert für mich die außergewöhnliche Belastbarkeit und das Durchhaltevermögen, das wir als Volk verkörpern“, meinte sie. Maza erinnerte sich an den Humor und die Freundlichkeit des Schauspielers, den sie als den „Vater des schwarzen Theaters“ bezeichnete. Auch Australiens Premierminister Anthony Albanese würdigte Charles, der, wie er sagte, „Grausamkeiten und Schmerzen ertragen“ habe, die australische Nation aber trotzdem „mit seinem Herzen, mit seinem Genie, seiner Kreativität und seiner Leidenschaft aufbaute“.

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