Selfies mag der strenge Chef nicht

Filmfestival in Cannes: Wer ist der Mann ganz oben auf der roten Treppe?

Hübsche Kulisse: Festivalchef Thierry Frémaux in seinem Element.

So bekannt wie es Dieter Kosslick als Berlinale-Chef in Deutschland war, ist Thierry Frémaux als Cannes-Chef in Frankreich alle Mal. Es dürfte wohl kaum ein französisches Medium geben, das noch kein Porträt über ihn veröffentlicht hat. Bloß ist Frémaux nicht der Typ Knuddelbär, sondern intellektueller Franzose mit ausgeprägtem Machtinstinkt.

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Die eineinhalb Wochen wird der 1960 geborene Frémaux wieder ganz oben auf den roten Stufen vor dem Festivalpalais stehen und Stars von Tilda Swinton bis Tom Cruise in Empfang nehmen. Mancher an den Bildschirmen überall in der Welt dürfte sich fragen: Wer ist der schlanke Mann im Smoking mit der beinahe eckigen Brille, der so vertraut mit der Kinoprominenz plaudert und hier im Hintergrund die Regie zu führen scheint?

Fotografierwütige Egoshooter

Frémaux dürfte auch wieder darauf achten, dass seine Gäste nicht zu viel mit dem Handy herumfuchteln (bei Swinton kaum zu befürchten, bei Cruise schon eher). Vor ein paar Jahren führte Frémaux ein Selfieverbot auf dem roten Teppich ein mit der Begründung: „Cannes ist zum Sehen da, nicht um gesehen zu werden.“ Es dauerte ihm einfach zu lange bis all die fotografierwütigen Egoshooter endlich den Weg ins Kino gefunden hatten.

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In den sozialen Medien wurde er für das Verbot beinahe gelyncht. Kritik aber scheint an seinem jovialen Auftreten abzuperlen, auch dann, wenn er für seine bis heute männerlastige Programmauswahl gescholten wird. Bei seiner Auftaktpressekonferenz in Cannes in diesem Jahr drehte er den Spieß kurzerhand um: „Sollten wir einen guten Film ausschließen, nur weil er von einem Mann gedreht wurde?“

Allerdings sieht auch er jüngere Regisseurinnen auf dem Vormarsch und will ihnen Wege öffnen. Die Gelegenheit kann er nun beim Schopf ergreifen: Bei der 75. Ausgabe will er nach eigenen Worten eher die schwierige Zukunft des Kinos als dessen glorreiche Vergangenheit in den Blick nehmen.

Schwarzer Judogürtel

Übrigens ist Frémaux auch körperlich gegen Attacken gewappnet: Er nennt den schwarzen Judogürtel sein Eigen. Im Vorjahr schrieb er ein Buch mit dem Titel „Judoka“ über den Sport (Kosslick verfasste mal eines über das Bagel-Gebäck). „Judo lehrte mich Hingabe – auch fürs Kino“, sagt Frémaux.

Verantwortlich ist er zuallererst für die Programmgestaltung. Er reist von Festival zu Festival um die Welt und sichtet Filme, übers Jahr gewiss im vierstelligen Bereich. Sein wichtigstes Ziel: Cannes ganz oben an der Spitze im internationalen Festivalzirkus zu halten. Echte Konkurrenz kommt vor allem aus Italien: Venedig im September hat als Startrampe für die Oscaraspiranten aufgeholt.

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In Cannes gelten allerdings strengere Regeln als auf dem Lido: Wie kein anderer Festivalchef hat sich Frémaux gegen Netflix positioniert. So lange die Streamingplattform ihre Filme nicht regulär im (französischen) Kino zeigt, gehört Netflix für ihn nicht in den Wettbewerb. Venedig schert sich um solche Feinheiten schon lange nicht mehr. Aber auch Frémaux ist klar, dass der Film schon wegen der zahlreichen Abspielplattformen gerade grundlegende Veränderungen erfährt.

Dabei versteht er sich keineswegs als Purist: „Ich ziehe einen guten kommerziellen Film einem schlechten Autorenfilm vor“, hat er gesagt. Besonders am Herzen liegt ihm das Filmerbe. Ein Steckenpferd ist die Reihe „Cannes Classics“ mit restaurierten Kinoklassikern.

In Cannes wird die Filmkunst geradezu religiös verehrt: Frémaux ist hier, nun ja, so etwas wie der strenge Hohepriester in der Kinokirche.

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