Gruselkönig kann auch Fantasy

Märchenstund’ hat Colt im Mund – Stephen Kings neuer Roman „Fairy Tale“

Hat ein düsteres Märchenreich ersonnen: Stephen Kings (Bild) neuer Roman „Fairy Tale“ erzählt von einem Jungen aus Illinois (nicht Maine), der nicht will, dass sein alter Hund stirbt. Bald gilt es für den Helden Charlie Reade, ein Königreich vom Bösen zu befreien.

Hat ein düsteres Märchenreich ersonnen: Stephen Kings (Bild) neuer Roman „Fairy Tale“ erzählt von einem Jungen aus Illinois (nicht Maine), der nicht will, dass sein alter Hund stirbt. Bald gilt es für den Helden Charlie Reade, ein Königreich vom Bösen zu befreien.

Jugend an die Macht! In den Romanen und Geschichten von Stephen King finden sich nicht selten Hauptfiguren oder Schlüsselcharaktere, die eigentlich noch zu jung sind, das Grauen zu bekämpfen, andererseits gemeinhin viel sensibler sind für die versammelten Nachtmahre als Erwachsene, denen das Gespür für Vampir und Co. abhandengekommen ist. Der kleine Danny Torrance verfügte über die tele­pathische Kraft, die dem Roman „Shining“ den Titel gegeben hat und die ihn am Ende überleben ließ im geisterhaften Overlook-Hotel. Die kleine Charlene McGee war Kings „Feuerkind“, das seit dem Krabbelalter per Gedankenkraft Feuer entzünden konnte.

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Sieben Kinder besiegten den Mordclown Pennywise

Sieben Kinder konnten in „Es“ Pennywise besiegen, den anderweltigen Schrecken im Clownskostüm. Und unvergesslich sind Gordie, Chris, Teddy und Vern, die vier Jungs, die sich in Kings Novelle „Die Leiche“ auf einen zweitägigen Fußmarsch machten, um ein Kind zu suchen, das angeblich von einem Zug erfasst worden war. Die Verfilmung „Stand by Me“ von Rob Reiner ist bis heute der Lieblingsfilm von Millionen, die das Kind in sich nicht vergessen haben.

Charlie Reade erinnert an einen anderen Helden Kings

Auch Kings neuer Protagonist Charlie Reade fügt sich in diese Galerie ein. Mit dem Roman „Fairy Tale“ begibt sich Stephen King, der König der modernen Gruselgeschichte, wieder einmal in das von ihm gelegentlich frequentierte Nachbargenre der Fantasy. Ein Junge (Vorsicht: ab hier wird der Leser dieses Textes von Spoilern attackiert!) gelangt in seinem neuen Buch von unserer Welt in ein Märchenland, um dort für eine gute Sache einzutreten. Das kommt Ihnen bekannt vor? Vor 38 Jahren schickte King gemeinsam mit seinem Co-Autor, dem am 4. September verstorbenen Peter Straub, den zwölfjährigen Jack Sawyer in ein magisches Reich mit bösen Zauberern und liebenswerten Werwölfen. Jack ging dort auf die Suche nach einem „Talisman“, mit dem er in unserer Welt seine schwer krebskranke Mutter retten wollte. Pst! Netflix macht daraus gerade eine Serie.

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Déjà-vu? Nun, „ähnlich“ heißt bei King, der auch viele Romane über die diversen Nöte und Ängste von Schriftstellern schrieb, nicht gleich langweilig. Schließlich hat er sich dieses Buch quasi selbst zum 75. Geburtstag, den er am 21. September feiern wird, geschenkt. Als er eines Tages mit seinem Hund Frisbee spielte, stellte er sich die Frage, was er schreiben könnte, um sich selbst glücklich zu machen. Im Nu hatte er die Idee zu „Fairy Tale“.

Und wenn sein Erzähler Charlie auf der ersten Seite von der „verfluchten Brücke“ spricht, ist man bereits im Sog der Geschichte. Anschaulich und mit Neugier schürenden Sätzen wie „Bekanntlich weiß man im Leben nie, wann die nächste Falltür kommt, oder?“ arbeitend, erinnert sich Charlie an den schlimmsten Tag seiner Kindheit.

Märchenstunde - der Rotkäppchenmantel als erstes Indiz

Das war der Tag, an dem seine Mutter nur wenige Meter von zu Hause entfernt starb, während der damals Siebenjährige und sein Vater sich einem Footballspiel im Fernsehen widmeten. Sie musste über die neue Stahlbrücke mit dem Gitterrostboden laufen, unter der der Little Rumple River floss und die an diesem Tag vereist war. Sie trug ihren Rotkäppchenmantel, aber es kam kein böser Wolf vorbei, nur ein Lieferwagen, der beim Bremsen ins Schlittern geriet. Ein erster Hauch von Märchen weht, ein erster auch von blankem Horror. Später wird man noch Märchenwölfe heulen hören.

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Das eigentliche „Fairy Tale“ beginnt so richtig erst nach fast 300 Seiten, als der Teenager Charlie die „einhundertfünfundachtzig Stufen von verschiedener Höhe“, von denen ihm sein neuer Freund, der alte Mr. Bowditch, erzählt hatte, hinabsteigt. Mr. Bowditch war ein alter miesepetriger Mann, der in einem heruntergekommenen Haus mit seiner alten Schäferhündin Radar lebte und dessen Freund Charlie wurde, nachdem er ihn gerettet hatte (Bowditch war von einer Leiter gestürzt) und ihn versorgte. Eine Coming-of-Age-Geschichte, in der ein Junge, inzwischen im Highschool-Senior-Alter von 17 Jahren, sich aus dem Sumpf von Trauer und schlechtem Benimm zieht, in der er Verantwortung übernimmt und erwachsen handelt.

Das muss er auch, denn Seltsames geschieht in Illinois. Aus dem Schuppen des alten Mannes dringt ein unheimliches Geräusch – „kratzend, schabend“. Und im Safe hat der Alte seltsame Goldkugeln. „Geh bloß nicht in den Schuppen“, warnt Bowditch ihn, bevor er an einem Herzinfarkt stirbt.

In Empis leben Menschen mit ausradierten Gesichtern

Am Fuß der Treppe – „Jacks Bohnenranke, die hinunter führt statt hinauf“ – stößt Charlie auf das Kopf­stein­pflaster einer Anderwelt, eines Königreichs namens Empis und trifft dort auf Dora, eine Frau, „deren Gesichts­züge wie mit Kohle gezeichnet und von einer übellaunigen Gottheit verschmiert worden waren“ und die Radar offenbar kannte, als sie noch ein Hündchen war. Es ist eine Welt, in der Insekten schlau sind, Pferde sprechen können und in der graue Menschen mit wie ausradierten Gesichtern leben, mit Narben, dort wo Augen, Mund und Ohren waren.

Die hungrigen Wölfe, die die Hütte von Claudia, einer Empis-Untertanin, die Charlie Obdach gewährt, zum Einsturz bringen wollen, sind beileibe nicht das schlimmste Übel in diesen befremdenden Breiten. Etwas Böses hängt über dem ganzen Land, ein Etwas, das die Königsfamilie gestürzt und die Krankheit, die „das Grauen“ genannt wird, über das Volk gebracht hat. Und Charlie, der eigentlich nur seinen von Mr. Bowditch über­nommenen alten Hund vor dem Tod retten will (es gibt hier Sonnenuhren, die die Zeit zurückstellen), hat eine weitere, größere Aufgabe gefunden.

Kings Märchenreich ist zugleich ein düsteres Amerika

Es ist nicht schwer, in diesem Märchenland Kings Heimat zu sehen. Die verlorenen Gesichter und die Macht, die das ursprünglich gute Land und seine eigentlich guten Bürger im Griff hat, stehen für ein mögliches zukünftiges Amerika der von King zutiefst verabscheuten und in zahllosen Tweets attackierten Evangelikalen und Make-America-great-again-Trumpisten, die die alte Demokratie mit Lug und Trug in ein unfreies Land zu verwandeln trachten.

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King schreibt immer auch über den Zustand seines Landes, wie er es seit „Christine“ (1983) tut, in der ein Auto aus den Fünfzigerjahren, ein amerikanischer Fetisch, dazu diente, der US‑Gesellschaft auf den Zahn zu fühlen. Es ist, wie der King-Kenner Burkhard Müller schreibt: „Dieser Kolumbus der Literatur hat sich aufgemacht, das Indien des Horrors zu finden, und was er entdeckt, ist – Amerika.“

Ein kleines Märchen von fast 900 Seiten

Stephen King kann ihn immer noch entfachen, den Strudel, der einen hinein- oder – gemessen an den oft unheimlichen Themen – hinabzieht in seine Schreckensbücher, in die Traurigkeit und Verzweiflung, die das Böse über seine Protagonisten hereinbrechen lässt. Ein „kleines Märchen“ habe King zu Papier gebracht, hieß es vorab. Nun gut, es ist 878 Seiten lang geworden, aber, keine Sorge, man flutscht hier durch wie in jüngerer Zeit durch seinen Gestaltwandlerthriller „Der Outsider“ (2018) und seine „Rette-JFK!“-Zeitreisesaga „Der Anschlag“ (2011). Und – keine Sorge: Diese Märchenstund’ hat Colt im Mund – hier gibt es deutlich mehr Horror als in „Hänsel und Gretel“.

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„Fairy Tale“ ist in der Pandemie entstanden. Er hatte plötzlich, wie er sagt, das Bild einer „riesigen, verlassenen Stadt“ im Kopf, „verlassen, aber lebendig … die leeren Straßen, die verhexten Gebäude, ein Wasserspeier, der umgestürzt auf der Straße lag … ein riesiger Palast mit Glastürmen, die so hoch waren, dass ihre Spitzen die Wolken durchstießen“. Der Leser fühlt sich an Philip Pullmans Geisterstadt Cittagazze aus „Das magische Messer“ erinnert, mehr noch an die verwaisten Schreckensorte von H. P. Lovecraft, über die blasphemische Gottheiten ihren Schatten hatten fallen lassen. Auch nettere Parallelwelten wie Narnia und Oz schimmern durch. Das Grimm’sche Märchen von der Gänsemagd obendrein.

Und die Geschichte, die mit einem Zitat der Blauen Fee aus „Pinocchio“ beginnt („Halte das Gewissen rein, wo du auch bist“) endet mit den Worten – das ist hübsch – mit denen sonst die Märchen anfangen. Mit „Es war einmal …“.

Stephen King: „Fairy Tale“, Heyne-Verlag, 878 Seiten 19,95 Euro (erscheint am 14. September)

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