Filmspaß um einen britischen Exzentriker

Katzen sind albern: der Kinofilm „Die wundersame Welt des Louis Wain“

Katzenfreund: Louis Wain (Benedict Cumberbatch) in einer Szene des Films „Die wundersame Welt des Louis Wain“.

Eine Katze als Haustier? Was ist das für eine seltsame Idee? Als Mäusefängerin im Stall, gut und schön, aber eine Katze im Wohnzimmer, vielleicht noch mit einem roten Halsband ausstaffiert und beim Spaziergang an der Leine, als wäre sie ein Hund? Im viktorianischen England gegen Ende des 19. Jahrhunderts erscheint das als eine so skurrile Idee, dass nicht einmal die skurrilen Engländer bisher darauf gekommen sind.

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Ein Mann wird das ändern, auch wenn er das zunächst gar nicht plant. Von ihm erzählt der spleenige Film „Die wundersame Welt des Louis Wain“, der sich auf eine wahre Geschichte beruft und dem Leben des Zeichners Louis Wain (1860–1939) ziemlich nahekommt.

Exzentrischer Zeitgenosse

Wain ist ein exzentrischer Zeitgenosse von hagerer Gestalt. Aufgeregt vagabundiert er durch London und zeichnet alles, was seine Augen erspähen. Das kann auch schon mal ein wilder Stier sein, dem er bei einer Landwirtschaftsausstellung schmerzhaft nahe kommt. Hunde sind für ihn auch ein beliebtes Motiv, nur Menschen nicht. Und die Katzen kommen erst später.

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Von seiner Arbeit lässt Wain sich trotz allerlei Blessuren nicht abhalten – einzige Bemerkung zu der Sache mit dem Stier: „Showkühe haben ein riesiges Ego.“ Die Erdnüsse zur Beruhigung des Tieres hätten auch nichts genutzt. Wain sprüht vor Ideen weit über das Zeichnen hinaus, boxt, komponiert seltsame Opern und ist für jede Idee offen. Aber er wird auch von Düsternis umweht und von Albträumen aus seiner Kindheit gequält.

Zeichner auf verlorenem Posten

Benedict Cumberbatch spielt diesen Wain mit beinahe slapstickhaften Bewegungen, als wäre er ein entfernter Verwandter Charlie Chaplins. Sein Zeichner könnte in einem Film des texanischen Regiesonderlings Wes Anderson eintauchen und würde dort gar nicht weiter auffallen.

Cumberbatch ist spezialisiert auf sozial schwer zu integrierende Charaktere. Erinnerungen an den Erfinder Alan Turing werden wach, den Cumberbatch in „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ (2014) verkörperte. Turing war allerdings ein Widerling, Wain bleibt durch und durch sympathisch, aber stets auf verlorenem Posten. Man möchte ihm helfen, seinen Platz in der Welt zu finden.

Dieser Platz wird Wain durch das unbarmherzige Schicksal zugewiesen: als Ernährer seiner Familie. Der Vater stirbt, als Wain gerade 20 Jahre alt ist. Fünf Schwestern und die Mutter muss er von nun an versorgen. Diese Last wird ihn bis zum Ende seiner Tage begleiten.

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Verspielt wie eine junge Katze

Immerhin erhält Wain eine Anstellung als Illustrator bei der renommierten Wochenzeitung „Illustrated London News“. Dessen Herausgeber Sir William Ingram (Toby Jones) ist von der Schnelligkeit seines Zeichenstifts beeindruckt. Ein ganzes Weilchen wird er seine schützende Hand über Wain halten.

Der japanisch-britische Regisseur Will Sharpe erzählt weitgehend chronologisch und bemüht eine märchenhafte Erzählerin aus dem Off, die zum Verständnis der Geschichte gar nicht nötig gewesen wäre. Verspielt wie – sagen wir mal – eine junge Katze geht Sharpe ans Werk, entwirft idyllische Parklandschaften, die in hartem Kontrast zu Wains Traurigkeit stehen. Manchmal leuchten die Farben satt wie bei den Hobbits in Mittelerde, Grinsekatzen wie bei „Alice im Wunderland“ schauen uns an, und bei einem kleinen Ausblick in die Zukunft taucht sogar ein fliegendes Tablett auf.

Echtes Glück ist Wain nur kurz beschieden, als er die Gouvernante Emily (Claire Foy) seiner Schwestern heiratet. Emily ist um einige Jahre älter als er und keine standesgemäße Partie. Ein Skandal im bigotten England! Das ist dem ganz mit sich selbst beschäftigten Paar egal, und alsbald läuft ihm das schwarz-weiße Kätzchen Peter zu. Von diesem Moment an hat Wain das Sujet seines Lebens gefunden.

Die Vermenschlichung der Katzen nimmt ihren Lauf. Wain zeichnet sie im Arztkittel oder beim Cricketspiel. Wir lernen: Katzen sind albern. Für eine kurze Zeit scheint Wains Zukunft gesichert. Hätte er doch bloß auf dem Urheberrecht für seine Zeichnungen bestanden! Und wäre Emily doch gesund geblieben!

In seiner seelischen Not flüchtet Wain endgültig zu seinen Katzen – und schließlich bis nach New York: „Ich muss den amerikanischen Katzen helfen“, sagt er. Er meint das ernst. Auch die amerikanischen Katzenliebhaber empfangen ihn mit offenen Armen.

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Regisseur Sharpe scheut vor Kitsch nicht zurück, aber der passt bestens zu diesem Film. Zum Ende allerdings dehnt sich die Geschichte ein wenig. Sharpe mag Wain einfach nicht in dessen dunklen Lebensabend ziehen lassen.

Alle Katzen wollen so sein wie die, die Wain gezeichnet hat, heißt es hier einmal. Hätte Wain noch das Internet kennengelernt, wäre er wohl fasziniert vom heutigen Katzenhype gewesen.

Beim Abspann empfiehlt es sich unbedingt, im Kino sitzen zu bleiben: Da dürfen wir ein Best-off von Wains Katzen genießen.

„Die wundersame Welt des Louis Wain“, Regie: Will Sharpe, mit Benedict Cumberbatch, Claire Foy, 111 Minuten, FSK 12

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