Hunderttausende in Wohnanlagen gefangen

Peking: 21 Millionen Menschen zwischen Lockdownpanik und Scheinnormalität

China, Peking: Ein Arbeiter in einem Schutzanzug schiebt einen Müllwagen an Restaurants in einem Einkaufszentrum vorbei, in dem an Wochenenden normalerweise viele Menschen unterwegs sind.

China, Peking: Ein Arbeiter in einem Schutzanzug schiebt einen Müllwagen an Restaurants in einem Einkaufszentrum vorbei, in dem an Wochenenden normalerweise viele Menschen unterwegs sind.

Peking. Die Werbeposter für die Asienmeisterschaften hängen noch an den Gitterwänden. Das dahinter in den Himmel ragende Arbeiterstadion ist nahezu fertig erbaut, extra rechtzeitig für das Turnierfinale. Doch auf absehbare Zeit werden hier keine internationalen Fußballteams einlaufen: Am Samstag haben die Behörden bekanntgegeben, die Veranstaltung „aufgrund der Corona-Pandemie“ nicht austragen zu können – ein Turnier wohlgemerkt, das erst für den Juli 2023 angesetzt war.

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Damit ist nun auch der letzte Funke Hoffnung auf eine baldige Öffnung des Landes erloschen. Stattdessen steckt selbst Chinas Hauptstadt in einer immer engeren Lockdownschleife fest: Mit Fangshan hat am Wochenende der erste Bezirk eine de facto Ausgangssperre verhängt, indem die Behörden den gesamten öffentlichen Nahverkehr sowie Taxi-Dienste suspendiert haben. Die Schulen sind ohnehin längst stadtweit geschlossen, die Restaurants nur mehr für Lieferdienste geöffnet und die meisten Parkanlagen abgeriegelt.

Jeden Tag ein PCR-Test in Peking

Jeden Morgen stehen die Pekingerinnen und Pekinger zudem für ihren täglichen PCR-Test an, praktisch sämtliche Nachbarschaften werden von nicht enden wollenden Menschenschlangen durchzogen. Allein am Samstag wurden in der Hauptstadt 21 Millionen Rachenabstriche durchgeführt, ein Ende der täglichen Massentests ist nicht absehbar. Die dabei festgestellten Infektionszahlen sind nach wie vor gering, zuletzt vermeldete die Gesundheitskommission lediglich 41 lokale Ansteckungen für Peking.

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Größter Lockdown der Welt: Chinesische Regierung verteidigt strikten Corona-Kurs

WHO-Chef Tedros Ghebreyesus hatte am Dienstag gesagt, dass Chinas Null-Toleranz-Politik im Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Virus nicht nachhaltig sei.

Doch die Maßnahmen, um die politisch anvisierte „Null“ zu erreichen, werden dennoch zunehmend radikal. Am derzeit härtesten betroffen ist ein fünf Quadratkilometer großes Wohngebiet im Bezirk Chaoyang, in dem rund 300.000 Menschen leben. Wer auf den menschenleeren Straßen entlang fährt, fühlt sich in Teilen an den Lockdown in Wuhan vor zwei Jahren erinnert: Die Hauseingänge zu den Apartmentsiedlungen sind mit blauen Planen verbarrikadiert, und an den Seitenstraßen haben Polizistinnen und Polizisten regelrechte Checkpoints errichtet. Bis auf Lieferkuriere darf hier niemand rein und raus.

Blauer Himmel statt Smog

Die Lockdownpanik ist jedoch nur eine Seite der Realität. In vielen Gegenden lässt sich im Alltag der Leute durchaus auch Idylle feststellen: Seit die Cafés und Restaurants geschlossen sind, haben die Pekinger plötzlich ihre Outdoor-Leidenschaft entdeckt. Am Wochenende fahren sie zum Campen in die bergigen Außenbezirke, picknicken entlang der Kanalpromenaden oder treffen sich zum Joggen in den nun leeren Verkehrsstraßen. Aufgrund des wirtschaftlichen Stillstands zeigt sich auch der Himmel der Hauptstadt so blau wie lange nicht mehr.

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Die scheinbare Ruhe hat allerdings auch mit dem dystopischen Zensurapparat zu tun, der die Bürgerinnen und Bürger wie in Zuckerwatte einhüllt: Wer die führende Onlineplattform Weibo aufschlägt, bekommt dieser Tage vom Algorithmus lediglich Klatschnachrichten und Polit-Propaganda vorgeschlagen. Die Corona-Maßnahmen tauchen nicht einmal unter den zehn führenden Topnachrichten auf. Und die offiziellen Staatsmedien berichten über die Pandemie ohnehin nur als „heroischen“ Viruskampf.

Leergeräumte Gemüseregale

Doch wie schnell die fragile Normalität kippen kann, hat sich am Donnerstagnachmittag gezeigt: Als die tägliche Corona-Pressekonferenz aus ungeklärten Gründen verschoben wurde, verbreiteten sich die ersten Gerüchte wie Strohfeuer. Eine 38-jährige Frau mit dem Nachnamen Yao postete auf den sozialen Medien, dass die Stadtregierung einen dreitägigen Lockdown planen würde, während der selbst Essenslieferungen verboten seien. Es dauerte keine 20 Minuten, ehe die Bewohnerinnen und Bewohner wie panisch in die Supermärkte stürmten. Noch vor Sonnenuntergang waren die Gemüseregale der Hauptstadt leergeräumt.

Die Behörden versuchten zwar umgehend, die alarmierte Bevölkerung zu beruhigen. Doch jedes weitere Lockdowndementi heizte die Stimmung nur mehr weiter auf. „Genau so hat es auch in Shanghai angefangen. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“, scherzte ein deutscher Expat, während er mit vollen Plastiktüten vor der Supermarktkasse wartete. Denn nur wenige Tage, nachdem Shanghais Regierung einen Lockdown abstritt, riegelte sie die 25-Millionen-Metropole vollständig ab.

In Peking reagiert die Regierung mit eiserner Hand: Sie ließ Frau Yao noch am Freitag wegen „Verbreitung illegaler Gerüchte“ in Untersuchungshaft nehmen.

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