Infektiologin Marylyn Addo: „Infektion mit Omikron allein ersetzt nicht die Impfung“

Das Impftempo bei den Corona-Impfungen in Deutschland hat wieder nachgelassen.

Das Impftempo bei den Corona-Impfungen in Deutschland hat wieder nachgelassen.

Hamburg. Die Corona-Impfungen bleiben auch gegen die Virusvariante Omikron ein wirksames und wichtiges Mittel, sagt Marylyn Addo. Die Infektiologin forscht am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zu neu auftretenden Infektionskrankheiten wie Covid‑19 und ist derzeit dabei, selbst einen Impfstoff gegen die Viruserkrankung zu entwickeln. Im RND-Interview erklärt sie, worauf es ankommt, damit Deutschland gut durch den Herbst kommt, warum es wohl in Zukunft weitere Impfungen braucht und wie die Corona-Impfstoffe der zweiten Generation aussehen werden.

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Frau Addo, das Impftempo in Deutschland lässt wieder nach. Das Ziel von 30 Millionen Impfungen bis Ende Januar konnte nicht erreicht werden. Woran liegt es, dass die Impfkampagne jetzt wieder an Fahrt verliert?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, viele Menschen denken sich: Jetzt ist es eh zu spät für eine Impfung. Wir befinden uns mitten in der Omikron-Welle, die schon für eine Immunität sorgen wird. Eine Immunität durch die Hintertür mit Omikron ist jedoch nicht mit dem Schutz einer Impfung mit einem zugelassenen Corona-Impfstoff vergleichbar.

Wieso ist das so?

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Bei Röteln und Mumps hat man früher oft gesagt: Die natürliche Immunität ist die beste. Das gilt für respiratorische Viren wie die Grippe- oder Coronaviren nicht unbedingt. Denn wir wissen, dass die Immunität oft nicht lange erhalten bleibt. Es kommt sicherlich nach einer Infektion mit Sars-CoV‑2 zu einer Grundimmunität, die für einen vorübergehenden Schutz sorgt, aber der lässt mit der Zeit nach. Auch ist eine natürliche Immunität bei respiratorischen Viren sehr variabel. Es gibt Infizierte, die haben nach der Infektion eine hohe Zahl an Antikörpern, und es gibt Infizierte, die haben nach der Genesung nur eine geringe Konzentration an Antikörpern im Blut. Eine Impfung sorgt hingegen für eine gleichmäßige Stimulation des Immunsystems – aber natürlich kann es auch da Unterschiede in den Immunantworten geben.

Marylyn Addo leitet die Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Marylyn Addo leitet die Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Andere Länder sind bei den Corona-Impfungen deutlich weiter. Dänemark zum Beispiel konnte schon fast alle Schutzmaßnahmen aufheben, weil ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist.

Der Blick ins Ausland kann durchaus hilfreich sein. In Dänemark ist tatsächlich die Impflücke kleiner als in Deutschland. Dort sind vor allem in den höheren Altersgruppen deutlich mehr Menschen geimpft und geboostert. Wir sollten nach wie vor darauf achten, die Verbreitung des Virus, insbesondere an vulnerable Gruppen und in sensible Bereiche, weitgehend zu vermeiden. Bei höherer Impfquote in der Bevölkerung sind Öffnungsschritte eher realisierbar.

Wird die Virusvariante Omikron die Impflücke hierzulande nun schließen, weil sich Tausende Menschen infizieren und eine Immunität aufbauen?

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Nein, wir gehen davon aus, dass Omikron die Impflücke nicht schließen wird. Eine Infektion mit Omikron allein ersetzt nicht die Impfung in Ungeimpften, das muss man noch einmal deutlich sagen. Deshalb sollten Grundimmunisierungen und Booster-Impfungen gegen Covid‑19 weiterhin ein großes Ziel sein, gerade auch mit Blick auf den Herbst. Ich rechne damit, dass wir wieder einen entspannten Sommer haben werden wie auch im letzten Jahr; aber wir müssen daran arbeiten, dass wir mit einer sehr breiten Immunität – geimpft und/oder genesen – und einer möglichst kleinen Impflücke, vor allem in den vulnerablen Gruppen, in den Herbst gehen.

Was könnte uns ansonsten drohen?

Ich gehe derzeit auch davon aus, dass zukünftig wahrscheinlich regelmäßige Auffrischungsimpfungen benötigt werden.

Das Problem ist eben vor allem die noch unzureichende Impfquote in den höheren Altersgruppen. Bei den über 60‑Jährigen sind immer noch knapp drei Millionen nicht gegen Covid‑19 geimpft, obwohl sie ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Hier besteht die Gefahr, dass sie sich infizieren und schlimmstenfalls so schwer erkranken, dass sie auf einer Intensivstation versorgt werden müssen – was das Gesundheitssystem herausfordern würde und Kapazitäten, die auch für die Versorgung anderer Erkrankungen notwendig sind, bindet. Wir müssen uns einfach darauf einstellen, dass es im Herbst und Winter noch mal zu einer Infektionswelle kommen wird. Und wir sollten dafür sorgen, dass dabei so wenige Menschen schwer erkranken wie möglich. Ich gehe derzeit auch davon aus, dass zukünftig wahrscheinlich regelmäßige Auffrischungsimpfungen benötigt werden – vielleicht nicht mehr in dieser engen Frequenz, wie es zurzeit der Fall ist, sondern eher in einem Rhythmus wie bei der Grippeimpfung. Also dass sich gerade Risikopersonen zum Beispiel jedes Jahr einmal gegen Covid‑19 boostern lassen. Aber wie das Impfschema am Ende genau aussehen wird, lässt sich derzeit schwer vorhersagen.

Und diese regelmäßigen Auffrischungsimpfungen werden notwendig, weil der Impfschutz nachlässt?

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Ja, die Wirksamkeit der Impfstoffe lässt nach, auch im Kontext der neuen Virusvarianten und hier vor allem der Transmissionsschutz. Das heißt, es wird für Geimpfte ab einem bestimmten Zeitpunkt wieder leichter, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und dieses auf andere zu übertragen. Deshalb ist es derzeit sinnvoll, diese Auffrischungsimpfungen vorzunehmen, weil sie die Immunantworten noch einmal deutlich verstärken können. Aber eines will ich noch mal betonen: Ziel der Impfungen war es immer, symptomatische, schwere und tödliche Krankheitsverläufe zu verhindern. Und das tun die Impfstoffe auch nach zwei verabreichten Dosen recht gut. Aber natürlich kann auch dieser Schutz durch eine weitere Dosis gesteigert werden, daher ist eine Booster-Impfung sinnvoll und empfohlen.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat sich inzwischen zu einer vierten Corona-Impfung, also einer zweiten Auffrischungsimpfung, geäußert. Sie empfiehlt besonders gefährdeten und exponierten Gruppen wie Älteren, aber auch Mitarbeitenden im Gesundheitswesen, sich ein weiteres Mal impfen zu lassen. Ist diese Empfehlung sinnvoll?

Jemand, der überlegt, sich erstimpfen oder boostern zu lassen, sollte das jetzt mit einem derzeit zugelassenen Covid‑19-Vakzin tun und nicht auf einen an Omikron angepassten Impfstoff warten.

Die Empfehlung der Stiko beruht auf neuen evidenzbasierten Daten aus Israel. Dort konnte gezeigt werden, dass in über 60-Jährigen eine vierte Impfung den Schutz vor Übertragung, schweren Krankheitsverläufen und symptomatischen Infektionen noch einmal steigern kann. Von daher ist die Entscheidung der Stiko durchaus nachvollziehbar.

Und was ist mit allen anderen Menschen, deren dritte Impfung schon wieder ein Weilchen zurückliegt? Sollten die sich ebenfalls ein viertes Mal impfen lassen oder doch auf einen an Omikron angepassten Impfstoff warten, wie ihn einige Hersteller entwickeln wollen?

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Bisher ist empfohlen, eine vierte Impfung nicht der gesamten Bevölkerung anzubieten, sondern wirklich die vulnerablen Gruppen zu priorisieren, die schlimmstenfalls schwer erkranken können. Grundsätzlich kann man aber sagen: Jemand, der überlegt, sich erstimpfen oder boostern zu lassen, sollte das jetzt mit einem derzeit zugelassenen Covid‑19-Vakzin tun und nicht auf einen an Omikron angepassten Impfstoff warten. Denn es liegen noch keine Daten zur Wirksamkeit der Omikron-Impfstoffe vor. Die Daten dazu werden jetzt erst erhoben.

Es durchlaufen aktuell noch vier weitere Corona-Impfstoffe das Rolling-Review-Verfahren der Europäischen Arzneimittel-Agentur, außerdem gibt es noch etliche Forschungsprojekte zu Covid‑19-Vakzinen. Braucht es überhaupt noch weitere Impfstoffe?

Wir brauchen sicherlich nicht Hunderte Covid‑19-Impfstoffe, aber es ist gut, eine große Auswahl zu haben. Zum einen gibt es noch immer weltweit einen großen Bedarf an Vakzinen gegen Covid‑19. Dann hat sich gezeigt, dass bestimmte Impfstoffe für bestimmte Personengruppen nicht optimal sind. So empfiehlt die Stiko zum Beispiel eine Impfung für unter 30-Jährige ausschließlich mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer. Es ist also durchaus vertretbar, dass man jetzt für bestimmte Personengruppen optimale Impfstoffe zur Verfügung stellen will. Zum anderen haben wir gesehen, dass die Kombination unterschiedlicher Impfstofftechnologien qualitativ bessere Immunantworten erzeugen kann. Ich rede hier zum Beispiel von heterologen Impfungen, also beispielsweise Kreuzimpfungen aus Vektor- und mRNA-Vakzinen. Je mehr unterschiedliche Corona-Impfstoffe es gibt, desto mehr Kombinationsmöglichkeiten entstünden, die sich vielleicht als vorteilhaft erweisen könnten.

Sie selbst arbeiten auch an einem Corona-Impfstoff. Wie weit sind Sie mit der Entwicklung?

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Da die Immunantworten zunächst unter den Erwartungen geblieben sind, mussten wir den Impfstoffkandidaten überarbeiten. Mit der überarbeiteten Version sind wir aktuell sehr zufrieden. Da es jedoch – aus gutem Grund und sehr gewollt – ja schwierig geworden ist, ungeimpfte Probanden für unsere Impfstoffstudie zu finden, sind wir dazu übergegangen, den Impfstoff als Booster anzuwenden. Die klinischen Studien dazu laufen noch. Bisher sehen die Ergebnisse vielversprechend aus. Der Impfstoff wird gut vertragen, und man sieht eine gute Immunreaktion bei den Geimpften.

Wie funktioniert der Impfstoff?

Es ist ein Vektorimpfstoff – eine ähnliche Impfstrategie wie die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson. Unser Vakzin basiert auf einem harmlosen Pockenimpfvirus, dem Modifizierten Vacciniavirus Ankara, das in seiner nicht rekombinanten Form auch schon als Pockenimpfstoff zugelassen ist. Dieser Vektor ist langerprobt und dient als Transportvehikel für den genetischen Bauplan des Spikeproteins des Sars‑CoV‑2-Virus. Dieser befindet sich im Inneren des Modifizierten Vacciniavirus Ankara, das über die Impfung in den Körper gelangt. In den Körperzellen wird dann der Bauplan freigegeben, und die Zellen stellen das Spikeprotein eigenständig her und präsentieren es dem Immunsystem, das mit der Bildung von Antikörpern reagiert.

Die Impfstoffe, die zurzeit zur Verfügung stehen, sind alles Totimpfstoffe. Der Berliner Virologe Christian Drosten hofft auf einen Lebendimpfstoff, zum Beispiel in Form eines Nasensprays, der eine Schleimhautimmunität und damit einen Übertragungsschutz aufbauen könnte. Wie realistisch ist das?

Die Impfstoffe, die wir jetzt zur Verfügung haben, sind Impfstoffe der ersten Generation. Man hat versucht, das Beste möglich zu machen, und zwar so schnell wie möglich – und das ist auch gelungen. Inzwischen wissen wir mehr über Sars-CoV‑2 und Covid‑19, was uns bei der Impfstoffentwicklung hilft. Es werden jetzt weitere breite Ansätze verfolgt, um die Impfstoffe zu optimieren. Dazu zählen auch Lebendimpfstoffe, die unter anderem auch intranasal oder inhalativ verabreicht werden können. Die Hoffnung ist da tatsächlich, dass diese Vakzine eine verbesserte lokale Schleimhautimmunität aufbauen und so vor der Weitergabe des Virus schützen können. Es gibt erste Laborstudien zu diesen Impfstofftypen. Wichtig werden hier aber die klinischen Studien am Menschen sein. Sollte es gelingen, eine Schleimhautimmunität zu erzeugen, würde das in jedem Fall helfen, die Ausbreitung von Coronaviren zu minimieren.

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Werden die Lebendimpfstoffe also die Corona-Vakzine 2.0 sein?

Unter anderem. Es gibt noch weitere Forschungsansätze. Zum Beispiel arbeiten einige Hersteller daran, einen Impfstoff mit verschiedenen Spikeproteinen von verschiedenen Sars-CoV‑2-Varianten zu entwickeln. So könnte man breite Immunantworten gegen unterschiedliche Virusvarianten hervorrufen, um auch auf zukünftige Corona-Ausbrüche besser vorbereitet zu sein. Andere Forschungsprojekte versuchen, ein Vakzin herzustellen, das nicht auf dem Spikeprotein des Coronavirus basiert, sondern auf dem Nucleoprotein des Erregers, dem N-Protein. Also man will neue Proteine nutzen, neue Applikationsformen etablieren, weitere Kombinationsmöglichkeiten schaffen, verschiedene Risikoprofile besser ansprechen und natürlich eine noch bessere Immunität erzeugen. Die Impfstoffforschung ist also noch lange nicht abgeschlossen.

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