Hausärztin über Omikron und Corona: „Manchmal fühlen wir uns wie das Auskunftsbüro der Nation“

Andrang auf die Hausärzte: Wer Symptome zeigt, für den gibt es in der Praxis einen Corona-Test.

Andrang auf die Hausärzte und Hausärztinnen: Wer Symptome zeigt, für den gibt es in der Praxis einen Corona-Test.

Der Druck in der Hausarztpraxis sei enorm – und zum Teil auch ein Versäumnis der Politik, sagt Nicola Buhlinger-Göpfarth. Sie ist eine von rund 45.000 Hausärztinnen und Hausärzten in Deutschland. Seit rund 20 Jahren führt die Ärztin eine Praxis in Pforzheim und betreut dort rund 3000 Patienten und Patientinnen.

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Seit das Coronavirus in der Welt ist, arbeitet sie auch als Pandemiebeauftragte für die Landkreise Enzheim und Pforzheim. Zudem ist sie Vorständin im Deutschen Hausärzteverband Baden-Württemberg. „In der nächsten Pandemie sollten wir mit unserer Expertise besser in politische Entscheidungen eingebunden werden“, kritisiert Buhlinger-Göpfarth im RND-Protokoll.

„Seit zwei Jahren ist die Arbeitsbelastung bei uns in der hausärztlichen Praxis enorm. In der Omikron-Welle hat sich das jetzt noch einmal spürbar erhöht. Der stationäre Sektor atmet ein Stück weit durch, es kommen nicht mehr so viele Schwerkranke mit Covid-19 auf Intensivstation. Aber im ambulanten Bereich, bei den Hausärzten und Hausärztinnen, da ist es jetzt noch mal zu einer deutlichen Zunahme der Arbeitsbelastung gekommen. Bei uns haben plötzlich montagmorgens unglaublich viele Patientinnen und Patienten angerufen. Insgesamt ist das in der Pandemie viel mehr geworden. Plötzlich rufen bis zu 380 Patienten und Patientinnen an – und nicht mehr 60.

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Es heißt jetzt zwar, die Inzidenzen gehen runter. Eine Entlastung spüren wir bei uns aber noch nicht. Es sind immer noch sehr viele Menschen krank, in Quarantäne, brauchen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, einen Abstrich. Der Großteil der Patienten und Patientinnen bemerkt Hals- und Kopfschmerzen. Durchfall scheint ein Symptom zu sein, das vermehrt auftritt. Über Appetitmangel wird auch viel geklagt. Wir sehen, dass die schlimmsten Symptome bei Omikron oft schon nach zwei, drei Tagen wieder abklingen, wesentlich schneller als noch bei Delta. Einige reagieren aber hochfieberhaft und sind für längere Zeit sehr krank. Es gibt immer noch unerwartet schwere Verläufe, wenn auch weniger häufig.

Omikron trifft auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Praxis. Vor zwei Wochen ist eine Kollegin ausgefallen, weil ihr Kind in Quarantäne musste. Jetzt habe ich mich auf den letzten Metern der Pandemie auch noch selbst mit dem Coronavirus angesteckt und bin vorerst in Isolation. Das heißt auch, dass ich rund eine Woche in der Praxis ausfalle und keine Termine anbieten kann. Wo genau das passiert ist, weiß ich nicht. Meine Vermutung: Bei einer Impfaktion am Wochenende, wo ich auf mehr als 100 Kinder und Erwachsene getroffen bin. Da war bestimmt jemand darunter, der oder die gerade positiv war.

Nicola Buhlinger-Göpfarth, Hausärztin in Pforzheim, rechnet auch nach der Omikronwelle mit einer hohen Arbeitsbelastung.

Nicola Buhlinger-Göpfarth, Hausärztin in Pforzheim, rechnet auch nach der Omikronwelle mit einer hohen Arbeitsbelastung.

Hausärzte als erster Ansprechpartner in der Corona-Krise

Der enorme Druck in den Hausarztpraxen ist zum Teil auch ein Versäumnis der Politik. Da sollte die Testverordnung und der Anspruch auf eine PCR verändert werden – und dann wieder doch nicht. Der Genesenenstatus wurde quasi über Nacht von sechs auf drei Monate verkürzt, ohne dass das vorher angekündigt wurde. Die Folge ist ein plötzlich stark gestiegener Kommunikationsbedarf. Viele Patienten und Patientinnen sind verunsichert und rufen dann bei uns an. Sie wollen verständliche Informationen.

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Grundsätzlich machen wir das ja auch gerne. Als Hausärztin bin ich die erste Ansprechpartnerin für alles. Das ist schon immer so gewesen. Aber in der Pandemie hat die politische Kommunikation für viele Menschen nicht gut funktioniert. Es ist kaum vorzustellen, wie viele Merkzettel zu Covid und zur Impfung wir in den vergangenen Monaten ausgedruckt haben, wie viele Telefonate und Gespräche zu Corona geführt wurden. Überstunden zählen wir nicht mehr. Manchmal fühlen wir uns wie das Auskunftsbüro der Nation.

Die Teams sind erschöpft. Sie bräuchten jetzt endlich eine längere Pause.

Nicola Buhlinger-Göpfarth

Hausärztin

Ich gehe davon aus, dass die Arbeit auch nach der Welle vorerst nicht weniger wird. Unsere Praxis hat eine Infektsprechstunde, wo Menschen mit Covid-Verdacht abgestrichen werden. Die haben wir mit Omikron doppelt besetzt, also mit zwei Ärztinnen. Das hatte dann leider auch zur Folge, dass wir die Regelversorgung an anderer Stelle viel mehr zurückfahren mussten als anfangs noch gedacht. Akute Krankheitsfälle konnten wir zwar noch abarbeiten. Aber Krebsvorsorgen und Kontrolluntersuchungen bei bekanntem Befund mussten wir ins Frühjahr verschieben.

Was jetzt zur Folge hat, dass wir im zweiten Quartal eigentlich schon komplett mit Vorsorgen ausgebucht sind – was für viele Patienten und Patientinnen wochenlange Wartezeiten bedeuten kann. Und man stelle sich vor, da käme jetzt plötzlich noch einmal eine neue Welle. Dann müssten wir schon wieder alle Termine verschieben, wieder all unsere Patienten und Patientinnen anrufen. Allein das ist eine enorme Belastung, vor allem für unsere Praxishelferinnen und -helfer. Die Teams sind erschöpft. Sie bräuchten jetzt endlich eine längere Pause.

Ein paar Dinge hat Corona aber auch verbessert. Zum Beispiel haben wir für unsere Praxis wegen der Flut an Anrufen einen digitalen Anrufbeantworter angeschafft, der Notfallwörter erkennt, dass man zurückruft. Wir bieten Videosprechstunden an. Was mir aber wirklich fehlt, ist die Anerkennung dafür, dass die wesentliche Arbeit in der Pandemie die Hausarztpraxen gemacht haben.

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Der Großteil der Covid-Patienten und -Patientinnen wird ja ambulant versorgt. Nur 10 Prozent landen in den Kliniken, davon dann 3 Prozent auf Intensivstation. Ich will die Arbeit dort gar nicht kleinreden. Die Bilder von den Intensivstationen sind furchtbar. Trotzdem wird das, was Hausärzte und Hausärztinnen und ihre Teams jeden Tag leisten, viel zu wenig wertgeschätzt. Die Politik hat uns in den letzten zwei Jahren weitgehend alleingelassen. Es ist mir auch völlig unverständlich, wieso im Expertenrat der Bundesregierung niemand aus der Hausärzteschaft sitzt. Ich empfinde das als realitätsfern. In der nächsten Pandemie sollten wir mit unserer Expertise besser in politische Entscheidungen eingebunden werden.

Ich erlebe in der breiten Bevölkerung und auch bei mir selbst eine große Ermüdung. Ich glaube, wir brauchen jetzt eine Perspektive. Klar muss man vorsichtig bleiben. Es sollten nicht von heute auf morgen alle Maßnahmen auf einmal fallen. Aber ein bisschen Mut zu zügigen Lockerungen täte sicherlich gut. Und ich hoffe sehr, dass der Sommer nicht nur ein kurzes Durchatmen wird.“

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