Wozu Fachleute raten

Brauchen alle eine vierte Impfung gegen Corona?

Ein Rettungsassistent von der Johanniter-Unfall-Hilfe bereitet im früheren Regenwald-Panorama am Erlebnis-Zoo Hannover eine Corona-Impfung vor. Brauchen gesunde Erwachsene einen zweiten Corona-Booster?

Ein Rettungsassistent von der Johanniter-Unfall-Hilfe bereitet im früheren Regenwald-Panorama am Erlebnis-Zoo Hannover eine Corona-Impfung vor. Brauchen gesunde Erwachsene einen zweiten Corona-Booster?

Berlin. Eine kleine Impfdosis sorgt derzeit für allerlei Diskussionen. Genauer gesagt geht es um die Frage: Wer sollte sich ein viertes Mal gegen Covid-19 impfen lassen? Ratschläge aus der Politik, von Behörden und der Ständigen Impfkommission (Stiko) gibt es hierzu viele, jedoch keine klare Antwort. Ein Überblick.

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Was empfiehlt die Stiko?

Die Stiko hat ihre Impfempfehlung zur Viertimpfung inzwischen erweitert. Bis zuletzt empfahl sie nur Menschen ab 70 Jahren, Immungeschwächten, Pflegeheimbewohnende und Personal medizinischer Einrichtungen eine vierte Impfung. Nun sollen auch 60- bis 69-Jährige einen weiteren Booster erhalten, ebenso wie alle Menschen ab fünf Jahren, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf haben.

Angeraten sei der weitere Booster, vorzugsweise mit einem mRNA-Impfstoff, nach „drei immunologischen Ereignissen“ – etwa nach Grundimmunisierung und erster Auffrischungsimpfung oder Grundimmunisierung und Sars-CoV-2-Infektion. Bedingung für die Auffrischungsimpfung ab 60 Jahren sei im Regelfall, dass die erste Boosterimpfung oder die letzte Corona-Infektion mindestens sechs Monate her sei.

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Damit folgt die Stiko dem Rat der Europäischen Arzneimittel-Agentur Ema. Diese hatte sich bereits Mitte Juli dafür ausgesprochen, den zweiten Booster auf Menschen ab 60 Jahren auszuweiten.

Wie steht Bundesgesundheitsminister Lauterbach zur vierten Impfung?

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte zuletzt immer wieder auf mehr Viertimpfungen gedrängt. Wolle man den Sommer ohne Risiko einer Erkrankung genießen, würde er die zweite Auffrischimpfung – „in Absprache natürlich mit dem Hausarzt“ – auch Jüngeren empfehlen, hatte er Mitte Juli gegenüber dem „Spiegel“ erklärt. Mit der zweiten Booster-Impfung habe man „eine ganz andere Sicherheit“. Er argumentiert mit einem für ein paar Monate deutlich verringertem Infektionsrisiko und deutlich geringerem Long-Covid-Risiko.

Wenig später distanzierte er sich wieder von einer Viertimpfung für alle. Das sei falsch dargestellt worden, sagte er Mitte August im „heute journal“. Er rufe nicht dazu auf, dass sich jetzt alle ein weiteres Mal boostern lassen sollten. Für ältere Menschen, Pflegebedürftige und andere Risikopersonen sei eine zweite Auffrischungsimpfung durchaus ratsam. Alle anderen, so fuhr er fort, sollten die vierte Impfung derzeit nur nach Absprache mit dem behandelnden Arzt erwägen.

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Was spricht gegen Viertimpfungen für alle?

Der Virologe und Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte Mitte Juli der „Welt am Sonntag“, er kenne keine Daten, die eine Viertimpfung für alle rechtfertigten. „Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto „viel hilft viel“ auszusprechen“, kritisierte er die damalige Äußerung von Gesundheitsminister Lauterbach.

Die EU-Seuchenschutzbehörde ECDC und die Arzneimittel-Agentur Ema hielten ebenfalls fest, dass es derzeit keine klaren epidemiologischen Beweise gebe, die die Gabe zweiter Booster bei immungesunden Menschen unter 60 Jahren stützen – es sei denn, Patientinnen und Patienten hätten gesundheitliche Schwachstellen.

Aus Sicht mehrerer Immunologinnen und Immunologen reichen für gesunde Erwachsene unter 60 die bisher von der Stiko empfohlenen drei Corona-Impfungen, um ein stabiles immunologisches Gedächtnis aufzubauen. Es biete in der Regel zumindest Schutz vor schwerer Erkrankung, Krankenhaus und Tod. Absoluten, langanhaltenden Schutz vor Infektion bringe jedoch auch Dosis vier für diese Gruppe nicht.

Wer zum Beispiel vor dem Urlaub keine Ansteckung mehr riskieren wolle, solle sich etwa durch Maske, Abstand und Kontaktreduktion schützen, rät Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auch Epidemiologe Hajo Zeeb geht von einem allenfalls geringen Vorteil der zweiten Booster-Impfung für unter 60-Jährige aus, insbesondere wenn Menschen auch noch zwischenzeitlich erkrankt waren.

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Welche Rolle spielt der Impf-Zeitpunkt?

Der ist keineswegs nebensächlich. Schließlich wird für den Herbst nicht nur wieder eine Zunahme des Infektionsgeschehens erwartet – sondern auch Vakzine, die an Omikron angepasst sind. Es dürfte also noch mal eine größere Impfkampagne anstehen. Allerdings ist momentan ungewiss, mit welchen Mutationen das Virus bis dahin aufwartet und für wen dann erneute Impfempfehlungen ausgesprochen werden.

Spätfolgen nach Corona-Infektion: Was wissen wir über Long Covid?

Long Covid betrifft alle Altersgruppen. Selbst Kinder und Jugendliche können langanhaltende Symptome entwickeln – wohl aber seltener als Erwachsene.

Was man aber schon sagen kann: Impfabstände von mehreren Monaten haben sich laut Stiko-Mitglied Christian Bogdan vom Uniklinikum Erlangen als vorteilhaft erwiesen für die Stärke der ausgelösten Immunantwort und für die daraus resultierende Schutzdauer. „Besonders wichtig ist, dass eine Booster-Impfung – also die dritte Impfung – in einem deutlichen Abstand zur zweiten Impfung stattfindet“, im Idealfall nicht früher als sechs Monate danach. Dies gelte auch für einen möglichen zweiten Booster. Dieser Abstand gewährleiste eine Steigerung der Immunantwort. Impfe man jedoch in eine laufende Immunantwort hinein, sei der Effekt stark abgeschwächt.

Kann die vierte Dosis auch anderweitig kontraproduktiv sein?

Stiko-Mitglied Bogdan sagt, dass es zur Frage des möglichen Schadens von zusätzlichen, klinisch nicht angezeigten Impfungen bisher für die Covid-Impfstoffe keine umfassenden immunologischen Untersuchungen gebe. Manche Expertinnen und Experten verweisen zwar darauf, dass etwa von wiederholten Impfungen etwa gegen Pocken oder Influenza keine negativen Effekte bekannt seien – ebenso wenig bei den Einzelfällen, in denen sich Menschen etliche Male gegen Covid-19 impfen ließen.

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Jetzt bitte Klartext: Sollte ich mir den zweiten Booster holen?

Auch wenn es unbefriedigend ist: Zum jetzigen Zeitpunkt kann man diese Frage nicht pauschal beantworten. Es hängt auch davon ab, wie gut das Immunsystem des Einzelnen auf die ersten drei Impfungen reagiert hat. Der Immunologe Andreas Thiel von der Berliner Charité sagt, für „manche wenige“ Menschen unter 60 könnte die vierte Impfung essenziell sein – allerdings könne man die nicht einfach erkennen. Für die meisten in dieser Altersgruppe sei eine vierte Dosis dagegen nicht wirklich essenziell. „Jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten.“

Allerdings kann der eigene Hausarzt bei der Entscheidung helfen. Gesetzlich zuständig für Impfempfehlungen ist die Stiko, auch viele Ärztinnen und Ärzte richten sich nach ihren Ratschlägen. Allerdings dürfen Medizinerinnen und Mediziner auch ohne Stiko-Empfehlung einen zweiten Booster spritzen.

RND/dpa/lb

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