„Immungesunde haben eine Mitverantwortung“

Corona-Lockerungen: Was Immungeschwächte jetzt wissen müssen

Eine Maskenpflicht gilt an vielen Orten nicht mehr. Das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes ist aber nicht nur für Immungeschwächte sinnvoll.

Eine Maskenpflicht gilt an vielen Orten nicht mehr. Das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes ist aber nicht nur für Immungeschwächte sinnvoll.

Die Sonne kommt raus, die Temperaturen steigen und die Maske fällt. Das Leben kann wieder richtig losgehen – oder? Was das angeht, sind Expertinnen und Experten eher verhalten optimistisch. Auch wenn die Angst vor dem Virus bei vielen Menschen stark nachgelassen hat: Es gibt noch immer welche, die durch das Coronavirus gefährdet sind. Zum Beispiel die Millionen immungeschwächten Menschen in Deutschland.

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Immungeschwächte erkranken an Covid-19 schneller, schwerer und sterben eher. Durch die wegfallenden Maßnahmen und das weiterhin hohe Infektionsrisiko sind sie jetzt besonders gefährdet. Hinzu kommt, dass sich ein lebensrettendes Antikörpermedikament kürzlich bei der Omikron-Subvariante BA.2 als kaum noch wirksam erwiesen hat. Wie können sich Immungeschwächte nun also am besten vor Infektionen mit dem Coronavirus schützen? Fragen und Antworten im Überblick.

Wer gilt als immungeschwächt?

Grundsätzlich gelten alle Menschen als immungeschwächt, deren Immunsystem aufgrund von Vorerkrankungen oder Medikamenten eingeschränkt und somit anfälliger für Infektionskrankheiten ist. Darunter fallen Patientinnen und Patienten mit Krebs, Rheuma, Herz- und Gefäßerkrankungen oder generell chronischen Erkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn. Auch Menschen, die gerade ein Organ transplaniert bekommen haben, zählen dazu.

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In vielen Fällen gerät das Immunsystem außer Kontrolle und greift körpereigene Zellen und Strukturen an. Es entsteht eine Autoimmunerkrankung. Um diese Reaktion zu unterbinden und das Immunsystem zu unterdrücken, nehmen viele Betroffene sogenannte Immunsuppressiva ein. Kommt der Körper dann jedoch beispielsweise mit Viren in Kontakt, kann das Immunsystem diese schlechter abwehren.

Clemens Wendtner gilt international als Experte auf dem Gebiet der CLL (chronische lymphatische Leukämie).

Clemens Wendtner gilt international als Experte auf dem Gebiet der CLL (chronische lymphatische Leukämie).

Allein etwa 20 Millionen Menschen in Deutschland haben eine rheumatische Erkrankung. Darunter fallen mehr als 100 verschiedene Krankheitsbilder, unter anderem die häufigste Gelenkkrankheit Arthrose. Auch unter Krebs oder Herz- und Gefäßerkrankungen leiden Millionen Menschen hierzulande. „Wir sprechen also nicht über Einzelfälle. Das ist wirklich ein großer Teil unserer Gesellschaft“, sagt Immunologe und Onkologe Clemens Wendtner, Chefarzt an der München Klinik Schwabing.

Was passiert, wenn ein geschwächtes Immunsystem auf Coronaviren trifft?

Bei geimpften immungesunden Menschen treffen Coronaviren im Körper auf neutralisierende Antikörper, die durch die Impfung von den B-Zellen gebildet wurden, sowie auf die sogenannten T-Zellen – die „zweite Brigade der Infektabwehr“, wie sie Clemens Wendtner nennt. Beide greifen die Viren an.

Bei Immungeschwächten sind allerdings meist sowohl die Antikörper als auch die T-Zellen eingeschränkt. So entwickelt ihr Körper trotz Impfung teils „keinerlei neutralisierende Antikörper gegen die Oberflächenproteine des Coronavirus“. Menschen mit Immunschwäche können sich also sehr leicht infizieren. Weil ihr Körper dann ohnehin geschwächt ist, erkranken sie ebenfalls meist schwerer und sterben häufiger an Covid-19.

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„Immungesunde haben eine gewisse Mitverantwortung.“

Clemens Wendtner,

Chefarzt der Infektiologie der München Klinik Schwabing

Wie sehr sind Immungeschwächte derzeit gefährdet?

Laut einer aktuellen Studie liegt allein das Risiko, dass sich ein geimpfter Krebspatient mit dem Coronavirus infiziert, bei 13,6 Prozent. Bei Geimpften ohne Krebs liegt es bei gerade einmal 4,9 Prozent. Das Risiko trotz Impfung Corona zu bekommen, ist bei Menschen mit Krebs also fast dreimal so hoch. Beinahe jeder Dritte von ihnen (31,6 Prozent) musste in ein Krankenhaus geliefert werden. Etwa jeder 15. Infizierte (6,7 Prozent) starb. Während bei geimpften Menschen ohne Krebserkrankung etwa jeder Vierte hospitalisiert wurde (25,9 Prozent) und nur jeder 37. Infizierte (2,7 Prozent) starb.

„Das ist auch die Beobachtung, die ich mache“, sagt Clemens Wendtner zu der Studie. In der onkologischen Versorgung in der München Klinik Schwabing liege der Fokus vor allem bei Leukämie-Patientinnen und -Patienten.

„Trotz des Willens, sich impfen zu lassen, und trotz vollständig durchgeführter Impfung entwickelt im Prinzip nur einer von sechs CLL-Patienten – chronische lymphatische Leukämie, die häufigste Form – überhaupt einen Impfschutz.“ Sie liefen praktisch ungeschützt herum und wüssten es zum Teil nicht einmal – und das, wo doch gerade die Corona-Maßnahmen größtenteils fallen und das Infektionsrisiko weiter hoch bleibt. „Die Aufhebung der Maskenpflicht in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens und auch die reduzierte Testung sind für diese Personengruppe jetzt besonders gefährlich“, betont der Infektiologe.

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Wie können Immungeschwächte sich jetzt schützen?

1. Antikörper nach Impfung überprüfen

Wendnter empfiehlt: Betroffene sollten die Impftiter, also die Antikörper, bei sich überprüfen lassen. Dazu wird eine Blutprobe abgenommen und untersucht. Für diese Antikörpertests können sich Immungeschwächte an ihren Hausarzt oder ihre Hausärztin wenden. Allerdings werde diese Leistung zum Teil nicht von den Krankenkassen übernommen, erklärt der Experte. Dabei sei sie gerade für immungeschwächte Menschen eine wichtige Möglichkeit.

2. Bei geringem Impfschutz fertige Antikörper spritzen lassen

„Wenn diese Antikörper dann bestimmt sind und in einem nicht nachweisbaren Bereich liegen“, wie es häufig bei immungeschwächten Menschen der Fall sei, sagt Wendtner, „dann wird auch mit aller Wahrscheinlichkeit eine Booster-Impfung nichts bringen.“ In dem Fall sollte eine sogenannte Präexpositionsprophylaxe, kurz auch PrEP, per Spritze in den Gesäßmuskel verabreicht werden.

Hierbei wird das Präparat Evusheld des Herstellers Astrazeneca eingesetzt. Dieses enthält die zwei genetisch fertigproduzierten Spike-Antikörper Tixagevimab und Cilgavimab. Der Körper muss die Antikörper also nicht mehr selbst bilden. Das Präparat schützt dann zu mehr als 80 Prozent vor schwerer Covid-19 Erkrankung und wirkt etwa sechs Monate, erklärt er.

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Allerdings ist Evusheld sehr teuer und generell nur für Menschen gedacht, bei denen die Impfung nicht wirkt. Außerdem ist das Mittel nicht in der Apotheke oder gar in jeder Praxis erhältlich. Der Arzt oder die Ärztin kann dies jedoch derzeit an sogenannten Stern- und Satellitenapotheken anfragen, wie Wendtner erklärt. Diese schicken das Präparat dann bei Bedarf heraus.

Was können Immungeschwächte bei einer Infektion tun?

Seit Ende Januar können Immungeschwächte in Deutschland den Antikörper Sotrovimab bei einer Corona-Infektion erhalten. Dabei gibt es jedoch ein Problem: Erst kürzlich habe man festgestellt, dass dieser Antikörper wegen der Omikron-Subvariante BA.2 „so gut wie nicht mehr wirkt“, sagt Wendtner.

Expertinnen und Experten schreiben in einer im Fachmagazin „Nature“ erschienenen Studie, dass BA.2 eine „ausgeprägte Resistenz gegen 17 von 19 getesteten neutralisierenden monoklonalen Antikörpern, darunter S309 (Sotrovimab)“ zeige. Somit könne „keine zugelassene monoklonale Antikörpertherapie alle Subvarianten der Omikron-Variante adäquat abdecken“, heißt es. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat daher vergangene Woche den Gebrauch von Sotrovimab ganz untersagt.

Doch eine Ausnahme gebe es laut der Studie: den Antikörper Bebtelovimab. Dieser zeige sogar eine sehr gute neutralisierende Wirksamkeit gegen BA.2. Im Gegensatz zur USA sei Bebtelovimab in Deutschland aber bislang nicht verfügbar. „Hier haben wir jetzt eine gewisse Versorgungslücke für gerade die Schwächsten“, sagt der Infektiologe. Er hofft, dass dieses Antikörperpräparat über den Bund zeitnah auch in Deutschland zur Verfügung gestellt wird.

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Eine weitere Möglichkeit ist Paxlovid, eine Tablette mit den Antikörpern Nirmatrelvir und Ritonavir. Doch auch diese habe einen Nachteil: Sie reagiere mit anderen Arzneimitteln. Gerade für viele Immunschwache, die aufgrund von Vorerkrankungen täglich Medikamente nehmen müssen, könnte die Tablette also möglicherweise eher ein Problem als eine Lösung sein.

Wie können jetzt alle anderen dabei helfen, Immungeschwächte zu schützen?

Auch wenn jetzt viele Regeln nicht mehr verpflichtend sind, es empfiehlt sich die einfachsten Maßnahmen doch noch etwas länger beizubehalten. „Immungesunde haben eine gewisse Mitverantwortung“, sagt Wendtner. „Und das heißt im Zweifel die Maske eben doch weitertragen, um die Schwächsten in der Gesellschaft zu schützen“. Zudem bleiben Abstand halten, lüften oder regelmäßiges Händewäschen und desinfizieren weiter wichtig.

Auch wer sich impfen lässt, schützt andere – gerade diejenigen, „die sich gar nicht selbst schützen können“, betont der Infektiologe. Denn geimpfte Immungesunde können Coronaviren mit einer deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit übertragen als nicht geimpfte. Jetzt die Pandemie gänzlich zu ignorieren, davon hält Wendtner nichts. „Weil wir noch immer viele Menschen in der Gesellschaft haben, die wirklich schweren Schaden nehmen, wenn wir uns so verhalten.“

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