Armut im Alter

„Dass der Lindner sagt, für die Rentner sei genug getan worden, ist einfach nur ein Witz!“

Wenn alles teurer wird, die Renten aber auf niedrigem Niveau bleiben, wird es für viele ältere Menschen eng.

Wenn alles teurer wird, die Renten aber auf niedrigem Niveau bleiben, wird es für viele ältere Menschen eng.

Das Schicksal alter Menschen findet oft hinter verschlossenen Türen statt. Die Einsamkeit, die Armut – sie sind für die allermeisten Menschen unsichtbar. Nicht aber für Stefanie Herzog. Ihr Job ist es, die Türen zu öffnen. Die gelernte Altenpflegerin arbeitet bei einem ambulanten Pflegedienst in der Nähe von Dortmund. „Es ist so wichtig, dass dieses Thema endlich Beachtung findet“, sagt die zweifache Mutter, „denn was wir gerade erleben, ist wirklich extrem.“ Sobald sie anfängt zu erzählen, bricht es aus ihr heraus:

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„Viele Menschen reduzieren ihr Essen, buchen zum Beispiel nur noch zwei Mahlzeiten am Tag. Unsere Hauswirtschaftskräfte berichten, dass sie deutlich weniger Obst und Gemüse einkaufen, weil es für die Menschen kaum noch zu bezahlen ist. Auch Energie wird überall, wo es möglich ist, gespart.

Manchmal wird ein fleckiger Pulli eine ganze Woche getragen, weil die Waschmaschine nicht so oft laufen soll. Andere Patienten lassen sich nur noch einmal die Woche duschen und an den anderen Tagen nur das Gesicht und den Popo waschen, weil die Leistungen zu teuer sind.

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Pflegedienst zahlt Medikamente aus der Kaffeekasse

Für die alten Leute kommen mehrere Dinge zusammen: Die gestiegenen Kosten für Lebensmittel und Energie auf der einen Seite. Auf der anderen Seite müssen Pflegedienste für ihre Leistungen die Preise anheben, weil wir Pflegekräfte jetzt nach Tarif bezahlt werden. Das führt dazu, dass zusätzliche Dinge, die von den Krankenkassen nicht übernommen werden, nicht mehr selbst dazu gebucht werden können.

Patienten lassen sich nur noch einmal die Woche duschen und an den anderen Tagen nur das Gesicht und den Popo waschen, weil die Leistungen zu teuer sind.

Stefanie Herzog,

Altenpflegerin

Das alles ist natürlich mit großer Scham verbunden, vor allem, wenn die Patienten noch auf die Befreiung der Krankenkasse warten und eigentlich in Vorkasse treten müssten. Da kommt es schon mal vor, dass wir Medikamente aus der Kaffeekasse bezahlen, weil uns die Leute einfach leid tun.

Wenn ich könnte, würde ich allen gerne helfen. Nicht jeder hat eben eine Familie im Hintergrund, die so etwas übernehmen kann. Selbst ich könnte meine Eltern nicht unterstützen, weil wir selbst gerade so klarkommen.“

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Von der Politik vergessen

Hilflosigkeit – das ist es auch, was Annabell Merten* spürt. Die 71-Jährige lebt mit ihrem Mann Hubert (79) in einer Kleinstadt im Ruhrgebiet. Drei Zimmer, Küche, Bad, ein Aufzug im Treppenhaus. Eine Wohnung, die zum Luxus geworden ist. Leisten kann sie sich das Wohnen eigentlich nicht. Aber was soll sie tun? Ihr fehlen die Antworten aus der Politik.

„Ich habe das Gefühl, uns alte Leute hat die Politik doch einfach vergessen! Ich will gar nicht wissen, wie viele sich in den kommenden Monaten das Leben nehmen werden. Was ist das auch für eine Perspektive?! Viele alte Leute haben doch ihr Leben lang Wert darauf gelegt, alles bezahlen zu können. Jetzt steigen die Preise und die Energiekosten explodieren und viele wissen nicht mehr, wovon sie das bezahlen sollen.

Haben Sie Suizidgedanken?

Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern: Telefonhotline (kostenfrei, 24 Stunden lang), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste: (0800) 111 0 111 (ev.), (0800) 111 0 222 (rk.), (0800) 111 0 333 (für Kinder/Jugendliche). E-Mail unter www.telefonseelsorge.de

Dass der Lindner sagt, für die Rentner sei genug getan worden, ist einfach nur ein Witz! Durch die letzte Rentenerhöhung haben wir im Monat ganze 65 Euro mehr in der Tasche. Aber allein die Miete hat sich um 50 Euro erhöht, hinzu kommen die steigenden Lebensmittelpreise und natürlich die Energiekosten.

Die Halblösung – ein Minijob plus Rente

Ich habe mein Leben lang gearbeitet, trotzdem habe ich jetzt noch einen Minijob. Schon vor der Inflation kamen wir mit unseren kleinen Renten eigentlich nicht über die Runden. Jetzt wird es noch schlimmer. Mit unserem Geld liegen wir so knapp über der Wohngeldgrenze, dass wir keine Unterstützung bekommen – fürs Leben aber haben wir zu wenig.

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Wir sind schon von einem Haus in eine Wohnung gezogen. Und selbst eine noch kleinere Wohnung würde uns nicht weiterhelfen, denn die Mieten steigen so rasant, dass wir auch bei geringerer Quadratmeterzahl kein Geld sparen würden, zumal der Umzug selbst ja auch Geld kostet. Wo wir noch sparen sollen, ist mir ein Rätsel.

An Lebensmitteln kaufen wir nur noch das Nötigste. Das Auto lassen wir schon stehen, weil der Sprit so teuer ist. Mit dem 9-Euro-Ticket sind wir mal nach Münster gefahren. Aber wir können uns weder das Essengehen leisten, noch sonst irgendetwas kaufen. Also sind wir einmal da herumgelaufen und wieder nach Hause gefahren. Das macht doch alles keinen Spaß mehr!“

*Namen geändert

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