Zweite Generation des Mirai

Toyota Mirai im Fünf-Tage-Praxistest: Kann man mit einem Wasserstoffauto glücklich werden?

Wasserstoff als Kraftstoff: Beim Generationswechsel des Mirai hat Toyota das Design geändert, die Reichweite erhöht und den Preis gesenkt.

Für die im vergangenen Jahr vorgestellte zweite Generation des Mirai hat Toyota bis auf das Antriebskonzept – Wasserstoff und Brennstoffzelle – so ziemlich alles über Bord geworfen, was Generation eins ausgemacht hatte. Herausgekommen ist ein beinahe schon futuristisch anmutendes Auto, das sich zum Vorgänger verhält wie der spektakuläre Entwurf eines preisgekrönten Automobildesigners zur Zeichnung eines Fünfjährigen.

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Ein Toyota als klassische Limousine

Mit dem Mirai der ersten Generation hatte Toyota 2015 die weltweit erste serienmäßige Wasserstofflimousine mit Brennstoffzelle vorgestellt. Auch Wasserstoffautos sind genau genommen Elektroautos. Allerdings erzeugen sie die für den Elektromotor notwendige Elektrizität selbst, indem getankter Wasserstoff in der Brennstoffzelle umgewandelt wird.

Technologisch betrachtet war das damals eine kleine Sensation, verkaufstechnisch sollte es ein kapitaler Fehlschlag werden. So wurden selbst im besten Jahr, 2020, in Deutschland gerade einmal 94 Fahrzeuge zugelassen. Mit einem stolzen Preis von gut 78.000 Euro und einem bemühten, fast skurril anmutenden Design, das seine „Ich bin anders“-Haltung geradezu herauszuschreien schien, war das an sich durchaus ordentliche Auto schlichtweg nicht konkurrenzfähig. Dass Deutschland damals zudem gerade einmal ein gutes Dutzend Wasserstofftankstellen zählte, legte den ersten Mirai schließlich endgültig lahm. Aber die Japaner hatten schon bei ihrem ersten Elektroauto, dem Prius, einen langen Atem gezeigt. Jetzt zeigt nun auch der Mirai, dass Toyota gerade beim Wasserstoffauto mit stetem Tropfen den Stein höhlen will.

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1. Tag: Ein schnittiges Fahrzeug für jeden, der es sportlich mag

Da steht er nun also, der imposante Mirai. Er glänzt, nein, er funkelt beinahe in edlem Metallic-Blau und erinnert im besten Sinne eher an ein Concept-Car denn an ein Serien­fahrzeug. Allzu oft erlebt man, dass hinreißende Studien bis zu Serienreife buchstäblich so abgeschliffen werden, dass von der ursprünglichen Faszination nichts bleibt. Offensichtlich ist Toyota hier einen anderen Weg gegangen und hat der einstigen Studie ihr Eigenleben gelassen. Die elegante Limousine, die mit ihrer nach hinten abfallenden Dachlinie auch als viertüriges Coupé durchgehen könnte, ist aus jedem Blickwinkel ein Fest für die Augen und könnte mit ein bisschen Fantasie auch aus einem „Batman“-Film stammen. Dafür sorgt vor allem auch die besonders eindrucksvolle Profilansicht. Die erweckt den Anschein, als kauere sich die knapp fünf Meter lange Erscheinung mit den mächtigen, anthrazitfarbenen 20-Zoll-Rädern geradezu auf den Asphalt.

Und diese Extravaganz setzt sich im Innenraum fort – wenn man erst einmal drin ist. Zwar ist das Einsteigen dank der Easy Access des Fahrersitzes gewiss keine unlösbare Aufgabe, für jemanden mit Körperlänge 1,80 m plus, aber im Vergleich zu höher bauenden Limousinen oder gar einem SUV doch etwas tricky. Das liegt an der tiefen Sitzposition, die beinahe an die eines Sportwagens erinnert, sodass man durchaus von einem auf den Leib geschneiderten Cockpit sprechen kann, trennt doch eine breite und vor allem hohe Mittelkonsole den Fahrer- vom Beifahrerbereich. Wer es etwas sportlicher mag und die entsprechende Figur hat, dem dürfte das gefallen. Lediglich die Oberschenkelauflage wünscht man sich noch etwas großzügiger. Für Menschen mit Klaustrophobie aber ist diese tief ins Fahrzeug integrierte Sitzposition wohl nichts.

2. Tag: Toyotas Flaggschiff mit hohem Komfort und vielen Extras

Der Mirai will hoch hinaus, genauer gesagt am liebsten gleich bis in die Oberklasse. Davon jedenfalls zeugen die angenehme Haptik und die hochwertige Verarbeitung des geschmack­voll gestalteten Interieurs mit Wohlfühlgarantie. Ein Wunder ist das nicht. Schließlich beweist Toyota mit der hauseigenen Nobelmarke Lexus schon seit Jahren, dass man auch Luxus kann. Zumindest in Europa ist der Mirai dann auch klipp und klar Toyotas Flaggschiff, und es mangelt ihm an nichts.

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Komfortfeatures wie Sitzheizung und -belüftung, beheizbares Lenkrad oder Head-up-Display sind ebenso an Bord wie alle möglichen sicherheitsrelevanten Helferlein, vom Spurassistenten über eine Verkehrszeichenerkennung und einen Toter-Winkel-Warner bis hin zur 360-Grad-Kamera. Allein der Blick zurück fällt zunächst unbefriedigend aus: Das sehr flach stehende Heckfenster bedingt, dass man im Rückspiegel kaum mehr sehen kann als die hinteren Kopfstützen. Allerdings verfügt die getestete Topversion („Advanced“) über einen digitalen Rückspiegel, der sich per Kippschalter auf Kamera umstellen lässt. Was sich während der Fahrt hinter dem Mirai abspielt, zeigt den Blick in den Rückspiegel nun messerscharf. Gut auch, dass eine ganze Reihe von Funktionen noch per Knopfdruck ausgeführt werden kann. Aber auch die Menüführung des riesigen Bildschirms/Touch-Displays ist kein Hexenwerk, hat man sich erst einmal daran gewöhnt.

3. Tag: Auch für den Familienurlaub geeignet - aber nur mit wenig Gepäck

Man mag im Mirai sitzen wie in einem Sportwagen, aber er ist natürlich keiner, das zeigen schon die „nur“ 182 PS des Elektromotors. Vielmehr erweist sich das Auto als exzellenter, kommoder Gleiter, den selbst heftige Straßenunebenheiten kaum erschüttern können. Erscheint die Lenkung anfangs noch etwas synthetisch, so zeigt sich schon bei den ersten langen Autobahnkurven wie charakterfest das Auto dank des tiefen Schwerpunkts auf der Straße liegt und wie penibel es die Spur hält. Das und der schon erwähnte Wohlfühlfaktor machen den Mirai zum perfekten Langstreckenfahrzeug.

Eine Einschränkung in Sachen Reisetauglichkeit gibt es allerdings, zumindest wenn man mit Kind und Kegel unterwegs sein will. Ein Kofferraum mit einem von Toyota bestätigten Fassungs­vermögen von 300 Litern erscheint wie ein schlechter Scherz, zumal er nicht erweiterbar ist. Selbst die drei unter der Rückbank verbauten Carbon-Wasserstofftanks mag man bei einem Straßenkreuzer von solchem (Über-)Gardemaß und einem Gewicht von rund zwei Tonnen nicht als Entschuldigung gelten lassen.

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4. Tag: Das Tanken will vorher gut geplant sein

Apropos Tank und tanken: Irgendwann ist immer das erste Mal, auch beim Wasserstoff. Und ähnlich wie beim Elektroauto gilt es, sich online zunächst einmal für den Tankbetrieb zu registrieren. Per Post erhält man dann eine Chipkarte, mit der sich die Zapfsäule freischalten lässt. Die Bezahlung erfolgt per Abbuchung oder Rechnung. Eine Bezahlung direkt vor Ort mit Bargeld oder Kreditkarte ist nicht möglich.

Etwas Vorbereitung verlangt angesichts der gerade einmal 100 Wasserstofftankstellen in Deutschland auch jede längere Fahrt zumindest in unbekannte Gefilde. Und es kann durchaus passieren, dass sich die eigentliche Distanz zum jeweiligen Ziel durch die Anfahrt der nächst­möglichen Tankstelle um 20, 30 oder 40 Kilometer verlängert. Das Tanken selbst aber geht fix, fast wie beim Benziner, und dauert beim Mirai je nach Füllmenge höchstens fünf Minuten, dann sind die drei Tanks im Unterboden mit 5,6 Kilogramm Wasserstoff gefüllt. Je nach Fahrweise und Fahrmodus (Eco, Normal, Sport) kommt der Toyota damit bis zu 550 Kilometer weit. Auch der aktuelle Preis für eine Tankfüllung, knapp 55 Euro, stimmt versöhnlich.

5. Tag: Ein hervorragendes Fahrzeug mit kleinen Abstrichen

Die entscheidende Frage nach einem Praxistest lautet: Könnte man mit diesem Auto dauer­haft glücklich werden? Im Fall des Mirai lässt sich das mit einem klaren Ja beantworten. Der schon in der Basisversion ab knapp 64.000 Euro gut, in der Topversion für 74.000 Euro komplett und damit hervorragend ausgestattete Mirai ist so etwas wie ein zeitgeistiger Gran Turismo im Zeichen der Energiewende. Sein Ding ist das entspannte Reisen, nicht das Rasen, auch wenn es im Sportmodus durchaus einmal etwas flotter sein darf (v/max: 175 km/h). Bloß für den Familienurlaub ist dieses Auto nicht unbedingt geschaffen. Die schiere äußere Größe täuscht darüber hinweg, dass der hochwertige Innenraum bauartbedingt deutlich weniger Platz bietet als von außen vermutet. Ein Weekender pro Person – mehr geht mit Kind und Kegel kaum.

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