Für mehr Selbstständigkeit

Smarte Unterstützung: Können Siri, Alexa und Co. Menschen mit Demenz im Alltag helfen?

Assistenten wie Siri und Alexa sind vielfältig einsetzbar und geduldig. Eignen sie sich deshalb auch als Hilfe für Menschen mit Demenz?

Als Amazon und die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz im vergangenen Herbst einen gemeinsamen Praxistest durchführten, kam vor allem die Musik gut an. Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen erhielten eine Anleitung, wie sie mit Alexa auf dem Touchscreen-Assistenten Echo Show 8 interagieren können. Unter anderem wurde erklärt, wie man sich Lieblingsmusik oder bestimmte Radiosender wünschen kann. Die Funktion war die am meisten genutzte. „Alexa sorgt für Stimmung“, sagte eine Testerin.

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Daniel Ruprecht von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hat den Praxistest begleitet. Dass eine Bedienung oft nur mit Unterstützung der pflegenden Angehörigen gelang, hatte er erwartet. Doch es gab für ihn auch überraschende Rückmeldungen. Die meisten Menschen hätten den neu installierten Echo sogar „mehrmals täglich“ genutzt. Die Nutzung sei über den Zeitraum des Versuchs „stabil geblieben oder hat zugenommen“. Einsatzgebiete gab es viele, die Anwendungen wurden auch individuell angepasst. Der Assistent half einigen Menschen beim Einhalten wichtiger Routinen wie der Einnahme von Medikamenten. Die Testfamilien erhielten neben Anleitungen bei Bedarf auch technischen Support, sagt Ruprecht. Dann seien im Wochenrhythmus neue Aufgaben zugeschickt worden. „Da ging es ums Telefonieren, die Kalendernutzung oder das Anzeigen selbst gemachter Bilder.“

Affinität für moderne Technik

Untersucht wurde aber auch Alexa selbst, genauer: ob der Assistent sich gut bedienen ließ. Die Voraussetzungen waren nicht schlecht, sagt Ruprecht. Der Großteil der Teilnehmenden habe zwar mit Sprachassistenten wie Alexa noch keine Erfahrung gehabt, aber eine „gewisse Affinität“ für moderne Technologien. Michael Wilmes und Sven Paukstadt, die den Test für Amazon Devices begleiteten, erklären in einer Stellungnahme, dass sie „nur wenige Rückfragen“ betreuen mussten. Erkenntnisse für Weiterentwicklungen gab es allerdings schon. Es sei in Arbeit, dass Alexa „künftig länger zuhört und sich an die Sprechgeschwindigkeit anpasst“.

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Die Projektbegleiter weisen darauf hin, dass der Versuch keine Studie ersetzen sollte. Es ging eher um einen ersten Praxistest: Zwölf Menschen mit einer Demenz, Angehörige und Pflegende testeten Alexa, der Zeitraum betrug einen Monat.

Mehr Selbstständigkeit und Sicherheit

Die Technologie entwickelt sich laufend weiter, während die Forschung hinterherhinkt. Beate Radzey und Ulrike Fischer beklagen die mangelhafte Studienlage. Sie haben sich für den Demenz Support Stuttgart mit technischen Hilfsmitteln für ältere Menschen beschäftigt. 2020 konstatieren sie in der Zeitschrift „Pflege“ einen „fehlenden Wissenstransfer“. Es gebe einen immer schnelleren Fortschritt, aber nur eine geringe Verbreitung der neuen Technologien. Die Liste möglicher Gründe dafür ist lang: „Technikscheu“, „fehlende Informationen“, zu wenig Geld, Angst vor Pannen und Fragen zum Datenschutz.

Das ist schade, denn die beiden sehen eine „Fülle technischer Lösungen“ für mehr Selbstständigkeit, Sicherheit, Kommunikation und geistige Anregungen. An der Schnittstelle von Pflegetechnik und Smarthome-Technologien entstehen laufend neue Lösungen. Elektrische Geräte könnten sich dezent ausschalten, Wohnungsflure das Licht einschalten oder Stürze erkennen – und Bildschirme könnten Erinnerungsfotos zeigen oder den Videocall mit Angehörigen starten.

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Technische Unterstützung bei Demenz

Der Demenz-Support Stuttgart bemüht sich um einen Überblick. Ein Produktkatalog für die technische Unterstützung bei Demenz ist online frei verfügbar. In der dritten Auflage von 2019 hat das PDF-Dokument stolze 141 Seiten mit ellenlangen Tabellen voller Angaben zu elektronischen Medikamentenspendern, Bewegungsmeldern, Fernbedienungen und Orientierungslichtern.

Fischer erklärt auf Anfrage, dass der Katalog das Ergebnis „intensiver Recherche“ sei. Sie bekräftigt, dass es „Stolpersteine“ bei der Nutzung gebe. Ein unabhängiger Überblick stößt zwangsläufig an Grenzen: „Das Angebot an technischen Hilfsmitteln ist sehr schnelllebig, und auch Produkte, die eigentlich sinnvoll erscheinen, verschwinden wieder vom Markt.“

Erst erproben, dann kaufen

Fischers Tipp für Betroffene: Hilfe suchen. Allgemein orientierte Beratungsstellen für Ältere und Wohnberatungseinrichtungen sind in vielen Städten verfügbar. In einigen gibt es Angebote zur Technikberatung. Ideal sind smarte Musterwohnungen. Hier können Lösungen erprobt werden, statt sie auf Verdacht kaufen zu müssen.

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Ältere Menschen können von Smartphone und Tablet natürlich auch profitieren, wenn sie keine Demenz haben. Wer offen für Technik sei, könne „vieles ausprobieren“: Daniel Ruprecht von der Deutschen Alzheimergesellschaft nennt Kalenderfunktionen, Erinnerungen, Wetterberichte, das Abfragen von Weltwissen, aber auch einfache Videotelefonie über die Drop-in-Funktion. Dieses Wissen veraltet nicht so schnell. Und auch wenn Produkte sich weiterentwickeln – zumindest Sprachassistenten werden wohl in einigen Jahren noch funktionieren.

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