Passive Plattform oder aktiver Konzern? Podcast-Streit fordert Spotify heraus

Auf dem Bildschirm eines Smartphones sieht man das Logo der App Spotify.

Auf dem Bildschirm eines Smartphones sieht man das Logo der App Spotify.

New York. Während Facebook und Twitter längst genauer unter die Lupe genommen werden, gibt es in der Podcast-Branche noch immer nur wenige Regeln. Falschinformationen und Beleidigungen können über Audiodienste daher bis heute fast uneingeschränkt verbreitet werden. Die öffentliche Empörung über den in den USA beliebten Podcaster Joe Rogan hat darüber eine Debatte entfacht. Die Anbieter stehen damit plötzlich vor einer großen Herausforderung.

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Mit seinen über Spotify abrufbaren Sendungen erreicht Joe Rogan oft Millionen Menschen. Und diese Fans will der Streaming-Dienst ungern als Nutzerinnen und Nutzer verlieren. Andererseits könnten die negativen Schlagzeilen darüber, dass Rogan Impfgegnerinnen und -gegnern eine Stimme gibt und sich rassistisch äußert, andere Nutzende vergraulen.

Passive Plattform oder aktiver Konzern?

Der Streit beleuchtet die Frage, was genau Spotify eigentlich ist. Handelt es sich wirklich nur um eine technologische Plattform ohne jeden Einfluss auf das, was andere über diese verbreiten? Oder ist das einstige Start-up nicht längst ein Medien-Konzern, der mit aktiven Entscheidungen eine Art Programm anbietet? Aus Sicht vieler Expertinnen und Experten lässt sich eine gewisse Verantwortung für die Inhalte kaum leugnen. Zumal Spotify allein 100 Millionen Dollar (88 Millionen Euro) investiert haben soll, um den Podcast „The Joe Rogan Experience“ exklusiv anbieten zu dürfen.

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„Sie verhalten sich so, als müssten sie wie eine Plattform behandelt werden – während sie selbst wie ein Medien-Unternehmen agieren“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Jennifer Grygiel von der Syracuse University, die sich auf soziale Medien spezialisiert hat. „Man kann es nicht in jeder Hinsicht so haben, wie man will.“

Künstlerinnen und Künstler protestieren

Große öffentliche Aufmerksamkeit erreichte der aktuelle Streit vor allem durch den Musiker Neil Young. Ende Januar hatte dieser aus Protest gegen die Verbreitung des Rogan-Podcasts seine Songs von Spotify entfernt. Andere Künstlerinnen und Künstler folgten seinem Beispiel. Am Montag legte Young nach und forderte alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Streaming-Dienstes auf, das Unternehmen zu verlassen, „bevor es eure Seele auffrisst“.

Spotify hat durchaus reagiert. Dutzende ältere Folgen von „The Joe Rogan Experience“ sind inzwischen nicht mehr abrufbar. Unternehmenschef Daniel Ek sagte aber auch, dass es keine Lösung sei, Rogan komplett zum Schweigen zu bringen. In einem Schreiben an seine Mitarbeitenden betonte er zudem, dass Spotify nicht der Herausgeber des Podcasts sei.

Ein Marktführer außerhalb des Blickfeldes

Spotify ist beim Streamen von Musik ebenso wie beim Streamen von Podcasts Marktführer. Laut dem Branchendienst Midia Research erreicht das Unternehmen 44 Prozent aller Podcast-Nutzenden – und damit doppelt so viele wie Apple, Amazon und Google, die Vergleichbares anbieten. Und was in den verbreiteten Sendungen gesagt wird, stand bisher längst nicht im selben Maße öffentlich in der Kritik wie Äußerungen über soziale Medien wie Facebook und Twitter.

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Auch über Facebook, WhatsApp und Instagram erreichen falsche oder irreführende Informationen etwa bezüglich der Corona-Pandemie weiterhin Millionen Menschen. Der Mutterkonzern Meta tut inzwischen aber einiges, um solche Informationen und andere anstößige Inhalte aufzuspüren und gegebenenfalls zu entfernen oder zumindest zu kennzeichnen. Er setzt dabei auf Unterstützung von Journalistinnen und Journalisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Tausenden Angestellten sowie auf Künstliche Intelligenz.

Die großen Streaming-Dienste konnten sich einer genaueren Überprüfung ihrer Angebote bisher weitgehend entziehen. Meist wurden nur dann einzelne Podcasts entfernt, wenn diese negative Schlagzeilen gemacht hatten. Dabei gingen die Akteure der Branche aber selten einheitlich vor. Folglich sind umstrittene Inhalte zwar von einigen Plattformen verbannt, auf anderen aber weiterhin verfügbar.

Podcasts sind „eine unübersichtliche Welt“

Der amerikanische Verschwörungstheoretiker Alex Jones etwa kann nicht mehr über die Dienste von Apple, Spotify, YouTube und Facebook veröffentlichen – wohl aber über Google Podcasts. Steve Bannon, der einige Zeit der Chefstratege des ehemaligen Präsidenten Donald Trump war, wurde von Spotify, YouTube und Twitter blockiert, nachdem er zur Enthauptung des führenden US-Virologen Anthony Fauci aufgerufen hatte. Auf Apple Podcasts ist Bannon aber noch zu hören.

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Podcasts seien schwer zu kontrollieren, sagt die Daten-Analystin Valerie Wirtschafter vom Brookings Institute. Sie seien oft 20 Minuten oder auch mehrere Stunden lang und es gebe Millionen Folgen über alle möglichen Themen – von Massenmördern übers Kochen bis hin zur Politik. „Das ist eine unübersichtliche Welt“, sagt die Expertin, die zu Falschinformationen in einigen der Bekannteren geforscht hat.

Spotify-Richtlinien erstmals veröffentlicht

Spotify blockiert laut eigenen Angaben Podcasts, die gegen Richtlinien der Plattform oder gegen Gesetze verstoßen. Nach dem Boykott des Musikers Young machte das Unternehmen die eigenen Richtlinien erstmals öffentlich. Und es kündigte an, diese um Hinweise zu Inhalten mit Bezug zur Corona-Pandemie zu ergänzen.

Der Streit hat in jedem Fall gezeigt, welch großen Einfluss Unternehmen wie Spotify ausüben können, wenn sie anfangen, „Influencer“ wie Rogan zu bezahlen. Facebook kündigte bereits im vergangenen Sommer an, über einen Fonds eine Milliarde Dollar für Inhalte-Erstellerinnen und -Ersteller verfügbar zu machen – und ging damit einen weiteren Schritt in Richtung „Medien-Konzern“.

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Spotify in einem Dilemma

Spotify habe nun eine Entscheidung treffen müssen, mit der andere Social-Media-Unternehmen bestens vertraut seien, sagt Jared Schroeder von der Southern Methodist University.

Der Streaming-Dienst ist dabei in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite will er die Künstlerinnen und Künstler sowie Nutzende, die sich über Rogan empören, nicht verlieren. Auf der anderen Seite wäre es nicht zuletzt finanziell ein großer Verlust, sich von dem umstrittenen Podcaster zu trennen. „Letztlich geht es um die politische Polarisierung und wie „Big Tech“ in den Kulturkampf des Landes verwickelt ist“, sagt Weiai Xu, Kommunikationswissenschaftler an der University of Massachusetts.

RND/AP

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