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Kommentar zu Ditib-Rücktritt

Welche Botschaften passen nach Niedersachsen?

Fühlt sich von der Türkei gegängelt: Yilmaz Kilic ist als Ditib-Chef zurückgetreten.

Fühlt sich von der Türkei gegängelt: Yilmaz Kilic ist als Ditib-Chef zurückgetreten.

Hannover.In einer angespannten Zeit tritt der angesehene Vorsitzende eines Moscheeverbandes zurück, der sich von seiner "Zentrale" gegängelt fühlt. Yilmaz Kilic, ein Kaufmann aus Niedersachsen, hat für sich keinen anderen Weg mehr gesehen, Gesicht und Anspruch zu wahren. Kilic, 50 Jahre alt, lebt seit 45 Jahren in Niedersachsen. Er fühlt sich als Bürger des Städtchens Melle – und eben nicht als Vertreter der Türkei im niedersächsischen Westen. Das kann in angespannten Zeiten unter Präsident Erdogan ganz offenbar ein Problem werden. Kilic hat sich für den Rückzug und gegen die Anpassung entschieden.

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Es ist noch nicht ausgemacht, welche Folgen der Rückzug des Kilic’-Teams für die vielen muslimischen Ditib-Gemeinden in Niedersachsen haben wird. Die Chancen, dass es doch noch zu einem Staatsvertrag mit den Moscheevereinen kommt, der ihnen ähnliche Rechte wie den protestantischen, katholischen, jüdischen, aber auch humanistischen Vereinigungen einräumt, liegen inzwischen bei null. Denn die bisherige Befürchtung, dass die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (kurz Ditib) ein verlängerter Arm Ankaras sein könnte, ist nun Gewissheit.

Vor Erdogan galt die Ditib als verlässlicher Partner von Deutschland. Sie schickte und bezahlte die Imame, die sich um die sogenannten Gastarbeiter fern der Heimat kümmerten. Gerade Ditib galt früher als Garant für die Verkündigung eines gemäßigten Islam. Doch die fortschreitende Islamisierung der Türkei hatte auch für dieses beim deutschen Staat wohlgelittene Modell Folgen: Die hierher entsandten Imame spiegeln nun eher das Lebensgefühl der Türkei wider – und weniger das ihrer deutschen Gläubigen. Doch um eigene, ordentlich ausgebildete Imame anzustellen, fehlt den muslimischen Gemeinden in Niedersachsen das Geld. So blieb es bei den türkischen Abgesandten – und deren Botschaften aus einer in vielerlei Hinsicht anderen Welt.

Immerhin gibt es in Niedersachsen einige bundesweit beachtete Mischformen der Zusammenarbeit, etwa das Institut für Islamische Theologie in Osnabrück, an der die beiden Moscheeverbände Ditib und Schura in Beiräten mitwirken. Wichtig für die Integration der in Niedersachsen lebenden Muslime ist auch der an vielen Schulen erteilte islamische Religionsunterricht, der von Lehrkräften geleistet wird, die hier ausgebildet worden sind. Für diese und andere Aufgaben braucht unser Staat seriöse Partner, die in diesem Land und für dieses Land arbeiten. Mit einer weiteren Politisierung der Gemeinden ist den in Niedersachsen lebenden Muslimen nicht gedient. Dass auch aus dem anderen Moscheeverband, der Schura, ein Grummeln zu vernehmen ist, weil manche dort den Einfluss der türkischen Milli Görüs wachsen sehen, lässt die Sorgen indes eher größer werden.

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Von Michael B. Berger

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