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„Männer berufen eher Männer zu Nachfolgern“

Baustelle Gleichstellung: Warum gibt es so wenig Architektinnen?

Einige wenige Architektinnen wie Dorte Mandrup haben es zur internationalen Bekanntheit erlangt. Hier zu sehen: Ihr Bauwerk „The Whale“ auf der norwegischen Insel Andoya.

Berlin. Ob Lilly Reich, Zaha Hadid oder Kazuyo Sejima: Einige Architektinnen haben es im Laufe der vergangenen Jahrzehnte zu großer Bekanntheit gebracht. Mit ihnen werden stilprägende Bauwerke verbunden. Und doch stehen meist ihre männlichen Kollegen im Rampenlicht. Das ist – zumindest in heutiger Zeit – erstaunlich, denn seit Jahren schon studieren mehr Frauen Architektur als Männer.

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„Warum verschwinden viele von ihnen im Laufe ihres Berufslebens von der Bildfläche?“ Diese Frage hat sich die selbstständige Architektin Elke Duda bereits vor rund 20 Jahren gestellt. Damals war sie Mitbegründerin des Berliner Netzwerks n-ails, in dem sich Frauen aus verschiedenen Berufen rund ums Thema Bauen zusammenschlossen. Vor einem Jahr wurde in der Hauptstadt erstmals das Festival „Women in Architecture“ veranstaltet. „Da haben wir Bilanz gezogen“, berichtet Duda.

Geringere Bezahlung und schlechtere Aufstiegschancen

Die fiel nicht gut aus: Zwar steht an der Spitze der Bundesarchitektenkammer (BAK) seit Jahren eine Frau. Aber andere Leitungsfunktionen sind meist männlich besetzt. In Architektur- und Planungsbüros haben in der Regel Männer verantwortliche Positionen inne. „Nur 10 Prozent sind weiblich geführt“, sagt Duda. Ihrer Erfahrung nach erhalten Frauen zudem seltener große Aufträge.

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Die Projektgruppe „Chancengleichheit“ der BAK hat das Problem statistisch erfasst: „Wir haben ein klares Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern ermittelt – auch bei der Bezahlung“, berichtet Tina Unruh, stellvertretende Geschäftsführerin der Hamburger Architektenkammer. Frauen besitzen außerdem schlechtere Aufstiegschancen. Ein Grund dafür: „Männer berufen eher Männer zu Nachfolgern“, so Unruh.

Auf Baustellen teils ignoriert

Weil Frauen selten in Schlüsselpositionen sitzen, ändere sich an dem Missverhältnis wenig, erklärt sie: „Das weibliche Role Model fehlt.“ Das fängt schon im Studium an, denn nur jede fünfte Professur im Fach Architektur ist weiblich besetzt. Ein weiterer Grund für die geringe Präsenz von Frauen in der Branche ist das Thema Familie. Oft werde zugunsten der Kindererziehung auf die eigene Karriere verzichtet, erklärt Unruh. Das sei aber ein allgemeines gesellschaftliches Problem.

Hinzu kommen Mentalitätsunterschiede, die auf eine andere Sozialisation zurückgehen. „Frauen trauen sich verantwortungsvolle Jobs oft nicht zu“, sagt Unruh. Die Bau- und Immobilienbranche sei zudem sehr wertkonservativ. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass Architektinnen auf der Baustelle von Männern mitunter sogar ignoriert werden. „Planerinnen wird oft zu wenig zugetraut“, bestätigt Duda. Sie fordert ein Umdenken ein – auch und gerade bei den Männern. Diese sollten sich Gedanken zum Thema Gleichberechtigung machen und bereit sein, Gestaltungs- und Meinungsmacht abzugeben.

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Um mehr Gleichstellung zu erreichen, will die Architektenkammer über das Thema informieren und das Problem sichtbar machen – etwa in eigenen Publikationen oder auf Veranstaltungen. Frauen sollen zudem gestärkt werden, indem ihnen zum Beispiel spezifische Fortbildungsangebote unterbreitet werden und sie häufiger Plätze bei Podiumsdiskussionen erhalten.

Architektur im Dialog mit Landschaft

Architektinnen sind in der Vergangenheit selten sichtbar geworden: Im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt wurden in den vergangenen Jahrzehnten zwar Arbeiten von 100 Männern, aber nur von vier Frauen präsentiert. Die Ausstellung „Frau Architekt“, die 2017 und 2018 gezeigt wurde, sollte das ändern. Inzwischen hat ein Umdenken stattgefunden, zunehmend erhalten Architektinnen Aufmerksamkeit. So auch in einer Ausstellung der Berliner Galerie Aedes, die noch bis zum 17. August Einblicke in die Arbeiten der Dänin Dorte Mandrup gibt. Sie schuf fast skulpturale Gebäude, die in einen engen Dialog mit der sie umgebenden Landschaft eintreten – sei es in den Weiten Grönlands, am dänischen Wattenmeer oder an der rauen Küste der norwegischen Lofoten.

Frauen führen anders – aber nicht schlechter

Aber was würde sich beim Planen und Bauen ändern, wenn mehr Frauen in der Verantwortung wären? Im Ergebnis nicht viel, meint Stadtplanerin Annalie Schoen von der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL): „Es gibt keine weibliche oder männliche Architektur.“ Aber der Weg dorthin werde anders gestaltet, ist Unruh überzeugt: „Frauen können besser moderieren, kooperieren und Prozesse orchestrieren.“

Schoen ist der Ansicht, dass Frauen eher auf Teamarbeit setzen, durch die Beteiligung vieler mehr Belange berücksichtigen und Aspekte anders gewichten: „Dadurch wird die Fehlerquote reduziert.“ So werde bei der Stadtplanung eher darauf geachtet, dass Wegebeziehungen kurz sind und Mobilitätsketten mit verschiedenen Verkehrsmitteln möglich seien, erläutert sie. Angsträume wie dunkle Tunnel werden vermieden. „Frauen haben einen anderen Blick, eine andere Perspektive“, meint auch Duda. Diese müssten stärker eingebracht werden.

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Kampf für mehr Diversität

In Wien ist das bereits geschehen. Hier wurde gendergerechte Planung zum Prinzip erhoben. Gefördert wird die Vereinbarkeit von Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit. Außerdem liegt der Fokus auf den Themen Sicherheit, die Nutzung von Gemeinschaftsräumen, attraktive Freiflächen und nachbarschaftliches Wohnen. Inzwischen sind Modellprojekte mit mehreren Hundert Wohnungen realisiert worden. Sie wurden unter anderem so gestaltet, dass die Räume flexibel genutzt werden können – je nach Familiensituation.

Allmählich finde ein Umdenken statt, sagt Unruh. Ein Katalysator für mehr Chancengleichheit sei der Fachkräftemangel. Viele erfolgreiche Architekturbüros würden von Frauen und Männern geführt. „Einige Frauen sind mittlerweile oben angekommen, aber wir brauchen mehr“, fordert Duda. Ihr geht es aber nicht ausschließlich um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Auch die Themen Migrationshintergrund und Bildungsdurchlässigkeit spielten eine Rolle. „Am Ende kämpfen wir für mehr Diversität“, so Duda.

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