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Vorsfelde Dirk Hofmann birgt Foto-Schatz in der Kümmelgasse
Wolfsburg Vorsfelde Dirk Hofmann birgt Foto-Schatz in der Kümmelgasse
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18:44 18.09.2019
Sensationsfund: Dirk Hoffmann (l.) und WAZ-Redakteur Steffen Schmidt betrachten die alten Fotoplatten, die das Leben in Vorsfelde vor fast 100 Jahren dokumentieren Quelle: Britta Schulze
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Vorsfelde

„Ich habe geguckt wie ein Ufo“: Mit diesem anschaulichen Vergleich beschreibt Dirk Hoffmann seinen Gemütszustand, als er jetzt auf seinem neu erworbenen Grundstück einen erstaunlichen Fund machte. Viele Jahrzehnte unentdeckt, verborgen unter einer Waschbetonplatte kam beim Abriss einer alten Gartenlaube in der Kümmelgasse in Vorsfelde ein große Holzkiste zum Vorschein. Im wahrsten Sinne eine Schatzkiste, denn der zwar nicht goldene, aber dafür gläserne Inhalt hat es in sich und ist zeitgeschichtlich von großem Wert. Grob geschätzt an die 1000 Foto-Negative auf Extrarapidplatten der Firma Agfa vermitteln einen Eindruck von Vorsfelde, den Bewohnern und ihrem Leben vor rund 100 Jahren.

Eindrücke vom historischen Vorsfelde

Es sind Fotografien von Schützenfesten, Umzügen, Schulveranstaltungen oder dem Jahrmarkt. Und natürlich zahlreiche Familienfotos, von Hochzeiten, Einschulungen oder ganz einfach Aufnahmen aus dem Alltag – etwa vom Auto der Reichspost oder einem Lieferwagen der Käserei Schmiedecke Kästorf-Vorsfelde. „Vielleicht findet sich der ein oder andere, der seine Eltern oder Großeltern oder vielleicht sogar sich selbst erkennt“, hofft Dirk Hoffmann. Denn auch Babyfotos befanden sich in der Kiste.

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Eine wahre Schatz-Kiste: Versteckt unter Beton-Platten fand Dirk Hoffmann hunderte historische Aufnahmen von Vorsfelde aus den 1920er und 1930ern Jahren. Hier eine Kostprobe, inklusive Bearbeitung und Umwandlung.

Dass es sich dabei um Aufnahmen aus Vorsfelde und Umgebung handelt, ist klar ersichtlich. Das Gasthaus „Zum Goldenen Stern“ ist gleich mehrfach zu sehen, bei einem Umzug sieht man ein Schild vom Schützenverein Velpke, bei einem Schulwettkampf –vermutlich im Fußball – erkennt man eine Fahne mit der Aufschrift „Schule Wendschott 1927“. Ein weiteres Bild zeigt eine Eisenbahn, die offensichtlich beim Bau des Mittellandkanals eingesetzt wurde.

Bilder stammen vermutlich aus 20er und 30er Jahren

Mit solchen Indizien kann auch der Zeitrahmen eingegrenzt werden, in dem die Aufnahmen entstanden. Der Anfang der 30er Jahre scheint von daher für viele der Aufnahmen sehr wahrscheinlich. Zum Beispiel für ein Set von zwölf besonders brisanten Porträtaufnahmen, die in einer extra Schachtel mit der Aufschrift 1934 aufbewahrt wurden. Sie zeigen Männer in Uniform mit Hakenkreuzbinden. Die Abzeichen lassen in einigen Fällen darauf schließen, dass es sich um Männer in höheren Rängen des regionalen NSDAP-Gefüges handelt.

Wasserwellen, heiße Kisten und schicke Anzüge

Aber auch die 20er-Jahre scheinen für viele der Fotografien plausibel. Darauf deutet unter anderem die typische Wasserwellen-Frisur bei den Frauen, einige Automobile und Motorräder und ganz einfach die Mode hin. „Die Männer sind oft angezogen wie Al Capone“, lacht Dirk Hoffmann.

War Willi Vogelsang der Fotograf?

Wer der Fotograf ist, scheint hingegen ziemlich eindeutig. Es war wohl Willi Vogelsang, wie auch Schriftzüge auf einigen Bildern belegen. Vogelsang war zu jener Zeit als einziger Fotograf in der 1900 Seelen-Gemeinde Vorsfelde tätig. Legendär ist seine Leiter, die er mit seinem VW-Käfer transportierte und bei Fest-Umzügen mitten auf der Straße aufstellte.

Eine Ausstellung existiert bereits

Einige seiner Fotos wurden bereits gefunden und in einer Ausstellung im Stadtmuseum gezeigt. Die jetzt gefundenen Negative werden den „Foto-Schatz des Willi Vogelsang“ – so der Titel der damaligen Ausstellung – wohl ergänzen. Denn sie zu behalten, ist nicht Dirk Hoffmanns Absicht. „Das muss jetzt in Expertenhände, ich kann damit nichts anfangen außer staunen“, sagt er.

Fotos aus den 20er Jahren wären eine Rarität

Der Vorsitzende des Vorsfelder Heimatvereins, Dr. Meinhardt Leopold, der den Vogelsangschen Schatz verwaltet, freut sich schon auf Zuwachs. Leopold: „Das ist wirklich ein bemerkenswerter Fund, eine tolle Ergänzung der Sammlung.“ Vor allem, wenn es sich tatsächlich um Fotos aus den 20er Jahren handeln sollte. Denn die bisher wieder aufgetauchten 2200 Glasplatten und 3000 Papierabzüge stammen, so Leopold, zum Großteil aus den Jahren 1933 bis 1935 sowie den 50er Jahren – darunter ebenfalls Porträt- und Passfotos von NSDAP-Mitgliedern.

Wichtige zeitgeschichtliche Erkenntnisse

Er erhofft sich Erkenntnisse über das Erscheinungsbild des historischen Vorsfeldes und das Leben der Menschen. Um mehr über die Bilder herauszufinden, will er die Fotografien beispielsweise Zeitzeugen zeigen. „Eine mühselige Arbeit, denn die Zeitzeugen werden nicht mehr“, sagt er. Aber eine Arbeit, die sich lohnen dürfte, der Nachwelt zur Liebe.

Von Steffen Schmidt