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Volkswagen VW gedenkt mit Ausstellung der früheren Zwangsarbeiter
Wolfsburg Volkswagen VW gedenkt mit Ausstellung der früheren Zwangsarbeiter
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15:16 13.12.2019
Grundstein des Volkswagenwerkes: 1998 wurde auf dem Werksgelände der Stein mit dem Symbol der Deutschen Arbeitsfront aus dem Jahr 1938 wiederentdeckt. Quelle: Volkswagen Heritage/Rainer Jensen
Wolfsburg

Millionen von Zwangsarbeitern schufteten im Zweiten Weltkrieg für die Kriegswirtschaft der Nationalsozialisten. Auch das Volkswagenwerk bildete keine Ausnahme. Mit der Gedenkstätte erinnert Volkswagen an die 20 000 Zwangsarbeiter der damaligen Volkswagenwerk GmbH.

Warm und stickig ist zwischen den dicken Betonwänden, die Luft steht. „Der ‚Bunker 1‘ ist ein sehr authentischer Ort mit einer beklemmenden Atmosphäre. Besucherinnen und Besucher bekommen eine Ahnung davon, was die Menschen empfunden haben müssen, die hier Schutz gesucht haben und eingesperrt wurden“, sagt Dieter Landenberger. Der Leiter von Volkswagen Heritage führt durch die Erinnerungsstätte. Der Bunker ist weitestgehend im Originalzustand erhalten. Im Flur zeugt noch heute eine zerstörte Wand von dem Absturz eines amerikanischen Bombers.

Rundgang durch die Gedenkstätte in Bildern:

Der Schutzraum liegt im ältesten Teil des Volkswagenwerkes. Am 26. Mai 1938 wurde der Grundstein gelegt für eine gigantische Fabrik, in der jährlich 1,5 Millionen „KdF-Wagen“ für die Massenmotorisierung des Dritten Reichs produziert werden sollten. Es blieb eine Utopie.

Auf dem ältesten Teil des Volkswagenwerkes ist ein Luftschutzbunker nahezu im Originalzustand erhalten geblieben. Dort erinnert eine Ausstellung an das Schicksal der Zwangsarbeiter im Dritten Reich.

Umstellung auf Rüstungsproduktion

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges verlagerte sich die Priorität auf die Fertigung von Rüstungsgütern. Doch dafür fehlten Maschinen und Arbeitskräfte. Das Werksgelände war ein einziges Provisorium. Schon für den Bau des Werks griff die Deutsche Arbeitsfront auf Wanderarbeiter aus den Niederlanden, Italien, Belgien und Dänemark zurück. Diese waren den deutschen Beschäftigten noch gleichgestellt.

Symbol des NS-Widerstands: Die Auszubildenden legen am Gedenkstein vor der Erinnerungsstätte weiße Rosen für Opfer des Nationalsozialismus nieder. Quelle: Volkswagen Heritage/Rainer Jensen

Mitte 1940 wurden die ersten unfreien Arbeitskräfte ins Werk geholt. 300 Frauen aus Polen fertigten hölzerne Abwurfbehälter für Flugzeuge. Die Arbeitsbedingungen waren katastrophal, Arbeitsunfälle an der Tagesordnung. Ab Oktober 1941 wurden sowjetische Kriegsgefangene zur Arbeit gezwungen, vom Frühjahr 1942 an Zivilisten aus besetzten Ländern, die „Ostarbeiter“. So unverzichtbar diese Arbeitskräfte für das Regime waren, so schlecht war die Versorgung der Menschen, die von den Nazis gemäß ihrer Rassenideologie als „Untermenschen“ betrachtet wurden. Ab 1942 wurden auch KZ-Häftlinge im Volkswagenwerk beschäftigt.

Zeitzeugen stifteten Ausstellungsstücke

Die Ausstellung zeigt anhand von Einzelfällen auch einen sehr persönlichen Blick auf die Geschichte. Da ist zum Beispiel der Fall des niederländischen Studenten Marinus Kop, der seiner Familie in einem Brief über die Arbeitsbedingungen im Werk berichtete und wegen Volksverrats zum Tode verurteilt wurde. Exponate wie der selbst gefertigte Ehering eines französischen Zwangsarbeiters spiegeln die Schicksale der Menschen wieder, ihre Not angesichts katastrophaler hygienischer Zustände, ihre Furcht vor der Gestapo und ihre Hoffnung auf das Kriegsende.

Zitate von Zeitzeugen verdeutlichen das Ausmaß ihrer körperlichen Ausbeutung und die Traumata, die ihr Leben nach dem Krieg prägten. Dass einige von ihnen VW Erinnerungsstücke für die Ausstellung überließen, zeige die Wertschätzung für die Erinnerungsarbeit des Konzerns, sagt Landenberger. „Die Erinnerungsstätte ist eine Facette der Erinnerungsarbeit bei Volkswagen. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Unternehmenskultur von Volkswagen – eben kein Feigenblatt.“

„Es hat mich sehr berührt“

Alexander Silbermann gehörte zu den 25 Auszubildenden, welche die Ausstellung aufbauten. „Das Thema NS-Zwangsarbeit hat mich sehr berührt. Ich komme aus einer Familie, die sich stark mit VW identifiziert. Mir war damals vor 20 Jahren sofort klar, dass ich mich freiwillig melde, um diese Erinnerungsstätte mit aufzubauen. Es ist so wichtig, die eigene Geschichte aufzuarbeiten“, betont der heute ­42-Jährige bei der anschließenden Diskussion.

20 Jahre Erinnerungsstätte Volkswagen

Die Erinnerungsstätte wird am Dienstag, 17. Dezember 2019, seit 20 Jahren bestehen. Jährlich besuchen rund 3500 Besucher die Ausstellung, sowohl Mitarbeiter von VW als auch Besucher von außerhalb. Führungen finden montags bis freitags statt. Interessenten können sich für per E-Mail an history@volkswagen.de anmelden.

„Mein Großvater war Wehrmachtssoldat. Wenn es um seine Erlebnisse im Krieg ging, war meist nur die Kriegsgefangenschaft das Thema. Man erfährt als Enkel also nur von der Opferrolle. Darum war es für mich, als ich mich das erste Mal selbst mit dem Thema befasst habe, emotional sehr bedrückend“, schildert Timo Klante, Jugendauszubildendenvertreter bei VW, seine Erfahrungen.

„Die Ausstellung hat mich sehr berührt“

Auch die Auszubildenden zeigen sich berührt von den Schicksalen der Zwangsarbeiter. „Der Besuch in der Erinnerungsstätte nimmt einen mit. Und trotzdem wird man sich nie ganz in die Lage der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter versetzen können“, beschrieb Helene Hannah Jacksch ihre Eindrücke. Und Marlon Müller ergänzte: „Die Ausstellung hat mich sehr berührt, zum Beispiel, dass ehemalige Zwangsarbeiter persönliche Exponate zur Verfügung gestellt haben.“

Dabei betonten die jungen Menschen auch, wie wichtig es sei, die Erinnerung an die NS-Vergangenheit wach zu halten. „Wir sind die letzte Generation, die noch Anknüpfungspunkte an Zeitzeugen haben. Daher sollten wir so viel wie möglich selbst in Erfahrung bringen und weitergeben“, meint Anne Mundstock. Sie finde es gut, dass Volkswagen klar gegen Rassismus und Diskriminierung Position beziehe.

Der Besuch in der Gedenkstätte endete mit der Niederlegung von weißen Rosen am Gedenkstein für die NS-Zwangsarbeiter.

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