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Volkswagen VW-Dieselskandal: Ex-Entwicklungsvorstand Neußer will von nichts gewusst haben
Wolfsburg Volkswagen VW-Dieselskandal: Ex-Entwicklungsvorstand Neußer will von nichts gewusst haben
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20:02 04.11.2019
Vor Prozessbeginn: Ex-Volkswagen-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer (links) wehrt sich vor dem Arbeitsgericht gegen seine Kündigung im Zuge des Diesel-Skandals. Quelle: Steffen Schmidt
Wolfsburg

Kein Wunder, dass in Hollywood bereits eine Verfilmung des VW-Abgasskandals in Planung ist, denn was am Montag vor dem Arbeitsgericht in Braunschweig verhandelt wurde, hatte tatsächlich viel von einem Krimi. Dabei geht es doch eigentlich „nur“ um eine Kündigungsschutzklage. Die aber hat es in sich: Denn bei dem Kläger handelt es sich um niemand geringeren als Heinz-Jakob Neußer, Ex-Markenvorstand Entwicklung von Volkswagen und damit Mitglied des Top-Managements.

Volkswagen hatte Neußer, der von den USA wegen seiner Verwicklungen in die Diesel-Affäre per internationalen Haftbefehl gesucht wird, unmittelbar nach bekannt werden Skandals zunächst beurlaubt und 2018 gekündigt. Dagegen wehrt sich Neußer. Im Gegenzug fordert Volkswagen von dem Ex-Manager Schadensersatz für die in den USA durch Dieselgate entstandenen Kosten.

Volkswagen wirft Neußer aktive Beteiligung an Dieselgate vor

Volkswagen wirft seinem ehemaligen Markenvorstand vor, schon 2012 – ein Jahr nach Antritt der Stelle als Bereichsleiter Entwicklung – von Mitarbeitern über die Manipulationssoftware in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Dies gehe aus mehreren Zeugenaussagen sowie indirekt auch aus dem E-Mail-Verkehr seiner Untergebenen hervor. Neußer habe den Betrug laufen lassen und später, als die US Umweltbehörden der Manipulation immer weiter auf die Schliche kamen, durch das Absegnen der Weiterentwicklung der Schummelsoftware mit der Lenkwinkelvorrichtung sogar noch begünstigt.

Neußer wusste angeblich von nichts

Neußer weist jede Verantwortung am Diesel-Skandal von sich, die Stelle als Entwicklungschef will er jedoch behalten. Als er 2011 seine Stelle angetreten habe, sei der Dieselmotor EA189 bereits fertig entwickelt gewesen. Verantwortlich sei deshalb die Qualitätssicherung, nicht die Entwicklung gewesen. Auch von der Fortführung der Manipulation am Nachfolgemotor EA288, dessen Entwicklung sehr wohl in seine Zeit als Abteilungschef fiel, und von der Entwicklung der Lenkwinkelvorrichtung habe er keinerlei Kenntnis gehabt.

Ex-Markensvorstand belastet Winterkorn

Von dem Betrug habe er erst erfahren, als es im Prinzip schon zu spät war: Bei einer Sitzung des Managements im Juli 2015, als die US-Behörden den Druck auf VW massiv erhöht hatten. Bei dieser Sitzung habe er zudem einen „offensiven Umgang“ mit den Umweltbehörden und damit eine völlige Offenlegung empfohlen. Die Schuld an den bis in den September dauernden Vertuschungen schiebt er hingegen dem ehemaligen Konzernchef Martin Winterkorn und dessen Nachfolger Herbert Diess zu. Diese hätten im Rahmen des sogenannten „Schadenstisches“ eine nur teilweise Offenlegung und damit weitere Verschleierungen angeordnet.

Hat Neußer Daten vernichtet?

In Erklärungsnot geriet Neußer dann, als es um den schwerwiegenden Vorwurf der Datenvernichtung ging. Ende August 2015, oder Anfang September 2015 – da streiten sich die Parteien – soll Neußer seinem Assistenten angeordnet haben, eine externe Festplatte aus seinem alten Büro, in dem nun sein Nachfolger auf dem Posten des Bereichsleiters Entwicklung residiert, zu holen und diese anschließend zu vernichten. Aufgrund eindeutiger Beweise für diesen Vorgang, leugnete auch Neußer diesen Vorgang nicht. Er habe allerdings keine Ahnung, was sich auf der Festplatte befunden habe. Er selbst habe sie nie benutzt.

Richter meldet leichte Zweifel an

„Also als ich letztens beim Keller aufräumen Speicherkarten gefunden habe, habe ich mich erst angeguckt was da drauf ist, bevor ich sie wegschmeiße“, meldete Richter Ingo Hundt leichte Zweifel an der Geschichte an. Zumal auch die Frage berechtigt sei, warum die Anordnung zur Vernichtung genau zu diesem Zeitpunkt kam – also zwei Jahre nach dem Bürowechsel und genau dann, als der Diesel-Skandal so richtig hochkochte.

Urteil schon am 25. November?

So verdächtig dies ist: Während der Güteverhandlung machte Richter Hundt bereits klar, dass die Entscheidung in diesem Fall keineswegs eindeutig sei. Es existierten offensichtlich bei vielen Beteiligten an Dieselgate teilweise höchstunterschiedliche Wahrnehmungen und Auffassungen. Auf das Urteil kann man also gespannt sein. Dieses könnte schon am 25. November verkündet werden. Einen außergerichtlichen Vergleich lehnt Volkswagen „aufgrund der schwerwiegenden Verfehlungen Neußers“ kategorisch ab.

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