Automobile Klassiker: Das ist der NSU RO 80 von Erwin Tegtmeyer
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Volkswagen Tragisch schön: Das ist der NSU RO 80 von Erwin Tegtmeyer
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Automobile Klassiker: Das ist der NSU RO 80 von Erwin Tegtmeyer

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18:00 22.10.2021
Bahnbrechendes Design: Erwin und Gudrun Tegtmeyer mit ihrem RO 80.
Bahnbrechendes Design: Erwin und Gudrun Tegtmeyer mit ihrem RO 80. Quelle: Boris Baschin
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Gamsen

Stolz steht Erwin Tegtmeyer vor der geöffneten Motorhaube seines RO 80, sein Daumen geht hoch. Top, das Fahrzeug. Doch unter RO 80-Fahrern hat diese Geste daneben noch eine weitere Bedeutung. „Mit den ausgestreckten Fingern hat man sich damals gegenseitig signalisiert, mit dem wievielten Austauschmotor man unterwegs ist“, erklärt Tegtmeyer mit einem Schmunzeln.

Gerade für Modelle der frühen Jahrgänge ist das Daumen-Signal dabei keineswegs selbstverständlich. Denn der RO 80 aus den Neckarsulmer Motorenwerken (NSU) kommt damals als eines der ganz wenigen Serienfahrzeuge mit dem neuartigen Wankelmotor auf den Markt. Die revolutionäre Technik, die besonders bei hohen Drehzahlen mehr Fahrkomfort und Laufruhe verspricht, ist allerdings noch nicht ausgereift. Immer wieder kommt es zu Schäden an den Motoren und damit zum Austausch.

Heute sind nur noch etwa 1000 Modelle zugelassen

Das ist wohl auch der Grund dafür, dass das bei der Fachpresse hoch gefeierte Auto bei den Kunden nur schleppend ankommt. Gerade einmal etwas mehr als 37 000 Modelle werden in den rund zehn Jahren Produktionsjahren zwischen 1967 und 1977 gefertigt. Das wiederum macht die elegante Limousine heute zu einer echten Rarität. „Um die 1000 Modelle sind weltweit noch zugelassen, die meisten in Süddeutschland“, weiß Tegtmeyer. Besonders in unseren Gefilden bekommt dann den Ro 80 deswegen nur noch selten zu Gesicht.

Von der Fachpresse gelobt, wurde der RO 80 von NSU nie wirklich zum Verkaufsschlager. Nur noch etwa 1000 Modelle sind heute zugelassen. Einer davon ist der von Erwin Tegtmeyer aus Gamsen.

Es sei denn man ist Krimi-Fan, dort nämlich scheint der RO 80 sehr beliebt zu sein. In der Serie „Der Kommissar“ fahren die Schauspieler Erik Ode und Günther Schramm das Modell. Zudem gehört auch Tatort-Kommissar Murot, gespielt von Ulrich Tukur, zu den prominentem RO 80-Fahrern. In der Folge „Angriff auf Wache 08“ ereilt diesen RO 80 allerdings ein schlimmes Ende: Er wird komplett zusammengeschossen. „Da hat mir schon ein wenig das Herz geblutet“, lacht Tegtmeyer.

Denn die Liebe des gelernten Bautechnikers zum RO 80 geht tief. Kaum etwas, dass er über die Geschichte des Modells nicht kennt. Der Wunsch einmal selbst eines dieser Autos zu fahren, reicht dabei weit zurück. „In meiner Jugend fuhr ein Bekannter einen RO 80. Das Fahrzeug hat mich schon damals fasziniert und anscheinend nicht mehr losgelassen“, erzählt Tegtmeyer.

Ein Blick ins Innere des NSU RO 80. Quelle: Boris Baschin

Bahnbrechendes Design

Was ihm besonders gefällt. „Es ist die Form“, muss Tegtmeyer nicht lange überlegen. „Da war er seiner Zeit weit voraus.“ Mit seinen eleganten Linien, der abgerundeten Karosse nimmt der RO 80 tatsächlich die Formensprache der 80er Jahre schon vorweg. Der cw-Wert von 0,38 war für damalige Verhältnisse eine Sensation. Da wundert es nicht, dass das Modell 1968 – trotz aller erwähnter technischer Schwierigkeiten – zum Automobil des Jahres gekürt wird.

Bis sich Tegtmeyer den Kaufwunsch erfüllt, vergehen schließlich noch viele Jahre. Nachdem ihm ein Modell noch vor der Nase weggeschnappt wird, macht er 2017 schließlich Nägel mit Köpfen. Da hört er von einem 76er-Modell, dass seit gut 20 Jahren eingemottet in Malaga steht. „Ich habe eigentlich nur Bilder gesehen und blind gekauft“, erinnert sich Tegtmeyer. Die Karosserie hält, was die Bilder versprechen. Noch heute strahlt sie in nahezu perfektem Zustand.

Automobile Klassiker aus der Region

Das Wolfsburger Automuseum plant von Mitte November bis Mitte März 2022 die Ausstellung „Automobile Klassiker aus der Region“. 15 Young- oder Oldtimer werden dann gezeigt. Zuvor konnten sich Besitzer solcher Schmuckstücke beim Automuseum bewerben. WAZ/AZ stellen schon vorab einige Klassiker in ihrer Serie vor – darunter auch einige Modelle, die es nicht in die Ausstellung geschafft haben.

Doch an Motor und anderen Teilen müssen nicht nur die typischen Standschäden beseitigt werden. Mit dem Autohaus Kühl findet Tegtmeyer eine kompetente Werkstatt. „Ich bin zwar ein Bastler, aber habe meine Grenzen. Im Autohaus haben sie qualifizierte Leute, die können dann doch nicht nur austauschen, sondern auch reparieren“, lacht er. So ist an seinem silbernen RO 80 noch heute alles original.

Audi oder NSU?

Obwohl mit Saisonkennzeichen zugelassen, halten sich die Ausfahrten der Tegtmeyers in ihrem Schmuckstück aber in Grenzen. Dem Spaß an ihrem Oldie tut das allerdings keinen Abbruch. „Schon das Anlassen – da spürt man einfach einen Hauch der alten Zeit“, findet Ehefrau Gudrun. Obgleich sie auch zugibt, dass der RO 80 – Stichwort Klimawandel – dann doch nicht mehr so ganz in die heutige Zeit passt.

Denn der Wankelmotor sorgt für einen auch für damalige Verhältnisse enormen Verbrauch. „14 bis 15 Liter schluckt er schon“, sagt Erwin Tegtmeyer. Übrigens ein Faktor, der schließlich das Schicksal des Modells zumindest mitbesiegelt. Als der VW-Konzern nach Audi in den Siebzigern auch NSU aufkauft, ist wenig später Schluss für den RO 80. „Man hatte mit dem Audi 100 ein Modell im gleichen Segment“, erklärt Tegtmeyer. Die Entscheidung fällt schließlich auf das Modell mit den vier Ringen – auch weil in der Ölkrise „Spritschleudern“ wie der RO 80 beim Käufer an Beliebtheit verlieren.

Trotz aller technischer Innovationen, Bestnoten der Fachpresse und des bahnbrechenden Designs, wird aus dem RO 80 so dann doch nie eine wirkliche Erfolgsgeschichte. Für Tegtmeyer ist es aber eben auch diese Tragik, die ihn an seinem Oldie so fasziniert und den Daumen nach oben strecken lässt.

Von Steffen Schmidt