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Velpke/Lehre Grafhorster Kita-Kids erleben Jungvögel-Beringung
Wolfsburg Velpke/Lehre Grafhorster Kita-Kids erleben Jungvögel-Beringung
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11:16 19.06.2019
Einfach süß: Die Kita-Kids aus Grafhorst schlossen die jungen Schleiereulen gleich in ihr Herz. Quelle: Sebastian Bisch
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Grafhorst

Erst leistet sie ganz schön Gegenwehr. Mehrere Male muss Hans-Otto Kröger in den großen Brutkasten greifen, doch dann kriegt ihr die ausgewachsene Muttereule doch zu fassen. Ein paar Mal weicht er routiniert den ganz schön scharfen Krallen aus, dann sitzt der Griff und für die Schleiereule geht es erstmal in den Sack.

Kurz darauf ist sie der Star auf dem Hof der Schulzes in Grafhorst: Die Kids aus der Kita Zwergenhöhle in Grafhorst können gar nicht genug bekommen von Vogel, den man sonst nie aus solcher Nähe bewundern kann. Auch streicheln ist erlaubt – und die Kindern nutzen die Gelegenheit nur zu gern. „Die ist ja weicher als mein Kopfkissen“, so der Befund.

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Hofbesitzer hatten Kindergarten eingeladen

Die Vorführung des Muttertiers ist an diesem Tag gar nicht geplant. Eigentlich geht es am Dienstagmorgen in Grafhorst um die Beringung ihres Nachwuchses. Dazu haben die Hofbesitzer Heinz Werner und Susanne Schulze den örtlichen Kindergarten eingeladen.

Seit 1993 haben die beiden auf ihrem Hof in der großen Scheune den Brutkasten. „Mal hat man ein erfolgreiche Brut, dann wieder viele Jahre nicht“, erzählt Heinz Werner Schulze. „Jetzt hat es endlich wieder geklappt.“ Zu sehen bekommt man die nachtaktiven Tiere so gut wie nie. „Man hört sie bloß und sie fangen einem alle Mäuse weg“, berichtet Schulze. Bis zu 60 Stück kann ein erwachsener Vogel in der Brutzeit am Tag jagen.

Viele Infos zur Schleiereule

Um die Beringung kümmern sich dann die Ehrenamtlichen Hans-Otto Kröger und Horst Seeler von der OHB, einer ornithologischen Arbeitsgemeinschaft, die sich um Naturschutz kümmert. Viele Informationen zur Schleiereule gibt es für die Kids natürlich obendrauf.

„Normalerweise sitzt die Mutter tagsüber nicht mit ihren Jungen im Kasten“, erläutert Kröger. Die Beringung kann diese Überraschung aber nicht verhindern. Acht Jungvögel, gerade einmal 12 bis 13 Zentimeter groß und nicht mal richtig flügge, holt Kröger schließlich aus dem Kasten bringt ihnen in aller Seelen Ruhe die Ringe an. Immer ganz nah dran: Die Kita-Kids, die alles mit großen Augen aufsaugen.

Zuletzt 420 Jungvögel gezählt

Seit fast 30 Jahren ist Seeler schon in der Arbeitsgemeinschaft tätig. Die Bilanz der ehrenamtlichen Arbeit lässt sich durchaus sehen. Etliche Brutkästen hat man in den Landkreisen Helmstedt, Gifhorn, Peine sowie in der Stadt Wolfsburg angebracht. Mit Erfolg. Im letzten Jahr wurden rund 420 Jungvögel gezählt. 2011, nach einem harten verschneiten Winter, waren es nur 63 gewesen. „Wenn man nichts für sie tut, geht es der Schleiereule wirklich schlecht, aber wir machen ja etwas für sie“, sagt Seeler.

Dennoch hat es die Schleiereule nicht leicht. Die moderne Landwirtschaft hat ihr viele Nahrungsquellen genommen, bevorzugte Brutplätze wie offene Scheunen und Bauernhöfe sind selten geworden und viele fallen dem Verkehr zum Opfer. „Die älteste unser Schleiereulen war etwa 16 Jahre alt, aber im Durchschnitt werden sie bei uns nur noch ein oder zwei Jahre alt“, erklärt Seeler.

Beringung liefert verwertbare Erkenntnisse

Sein Kollege Hans-Otto Kröger erklärt den Kindern derweil den Zweck der Beringung. Mit dem Erkennungszeichen können die Vögel, egal wo sie auftauchen, zugeordnet werden. Und das liefert im Fall von Schleiereulen durchaus interessante Erkenntnisse. Denn ausgewachsen gelten die Jungvögel bei ihren Eltern als Nahrungskonkurrenten und müssen das heimische Revier verlassen.

„Wir haben noch nie einen früheren Jungvögel in seinem Geburtsrevier gefunden“, erzählt Seeler. „Unsere weitgereistete Eule wurde in Spanien gefunden.“ Aber auch Britannien oder Osteuropa sind beliebte Ziel. Denn die Schleiereule fühlt sich in ganz Europa wohl. Das reicht soweit, dass sich die hellere westliche Rasse mit der dunkleren Balkan-Rasse vermischt. „Die nehmen die EU wörtlich“, lacht Seeler.

Brut erobert Herzen der Kids

Wo die diesjährige Brut später mal landet, wird die Zeit zeigen. Ein Platz in den Herzen der Kids, haben sie sich an diesem Tag aber sichert erobert. Spätestens, als die Kinder auch den Jungen Streicheleinheiten verpassen dürfen. „Wie süß, die sehen aus wie Zuckerwatte“, finden die Kinder einen angesichts des weißen, noch nicht ganz ausgebildeten Gefieders einen durchaus passenden Vergleich.

Von Steffen Schmidt