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Stadt Wolfsburg Seniorenheim: Therapiehunde sorgen für Selbstbewusstsein
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Seniorenheim: Therapiehunde sorgen für Selbstbewusstsein
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09:58 21.11.2019
Hedwig Ladda (97) freut sich über die Gesellschaft von Horst-Rüdiger. Quelle: Mara-Ann Meeuw
Peine/Gifhorn/Wolfsburg

Aus dem Speisesaal im Philipp-Spitta Seniorenzentrum hallt fröhliches Lachen. Hedwig Ladda hält grinsend ihren Joghurtbecher vom Nachtisch unter den Tisch, wo sich Horst-Rüdiger und Tante Martha verstecken. Sie sind nicht etwa zwei Pflegekräfte oder unbeliebte Heimbewohner. Sie sind die Hunde von Ergotherapeutin Andrea Voßwinkel und die Lieblingsbesucher der Senioren.

Während Horst-Rüdiger den Joghurtbecher ausleckt, lässt Tante Martha sich genüsslich hinter den Ohren kraulen. Über die Anwesenheit der beiden großen Hunde freut sich der ganze Raum. Horst und Martha sind sogenannte „Golden Doodle“, eine Mischung aus Golden Retriever und Pudel, und sie sind stetige Begleiter bei Voßwinkels Arbeit.

Ergotherapie für bessere Fähigkeiten

„Eigentlich bin ich für Frau Ladda hier,“ erklärt die 56-jährige Ergotherapeutin, „aber alle hier erfreuen sich an meinen Hunden, also komme ich nach dem Mittagessen immer erst in den Speisesaal.“ Nachdem die Vierbeiner sich bei allen ein Leckerli abholen durften, geht es für Voßwinkel, Ladda, Horst und Martha aufs Zimmer.

„Die Ergotherapie ist eine Beschäftigungstherapie, bei der man durch verschiedene Aktionen und Tätigkeiten ein Handicap in den Hintergrund stellt und noch vorhandene Fähigkeiten verbessert“, sagt Voßwinkel. Sie ist seit 15 Jahren selbstständig und arbeitet ausschließlich in der Geriatrie, also nur mit älteren Menschen. „Das gibt mir den Vorteil, dass ich selber entscheiden kann, was ich mache, denn rein ergotherapeutisch arbeite ich schon lange nicht mehr.“

Aufmerksam hört Tante Martha zu, während ihre Besitzerin sich mit Hedwig Ladda unterhält. Quelle: Mara-Ann Meeuw

Selbstbewusste Senioren

Stattdessen kümmert sich Voßwinkel um das, was gerade ansteht, beispielsweise auch nur als Gesprächspartnerin da zu sein oder bei Einkäufen zu helfen. „Viele meiner Patienten haben keine Lust zu basteln oder zu malen, also mache ich etwas mit ihnen, woran sie Freude haben.“ Auch das Spazierengehen mit den Hunden ist eine beliebte Tätigkeit bei den Senioren, denn Horst und Martha haben auch keine Scheu vor Rollstühlen. „Wenn die Patienten selber die Hundeleinen halten und die Tiere ihnen gehorchen, gibt es den Senioren Selbstbewusstsein“, erklärt die Therapeutin. Immer wieder sprächen Passanten die alten Leute auf die Hunde an, dadurch kämen sie mit Menschen in Kontakt und blieben in die Gesellschaft integriert.

Auch Hedwig Ladda hat diesen wohltuenden Effekt erlebt. Die 97-Jährige ist seit zwei Jahren Voßwinkels Patientin. „Am Anfang war sie unnahbar, sehr stolz, und sie war unglücklich über den Umzug ins Seniorenheim“, sagt die Ergotherapeutin. Ohne ihre Hunde wäre sie kaum zu der Seniorin druchgedrungen, meint sie. Mittlerweile sei Ladda zum Zentrum der Aufmerksamkeit ihrer Mitbewohner geworden, denn sie ist der Grund, dass Horst und Martha ins Seniorenheim kommen.

Handicaps rücken in den Hintergrund

„Wie läuft es heute, Frau Ladda?“, fragt Voßwinkel ihre Patientin auf dem Flur. „Schlecht“, antwortet die ehemalige Geschäftsfrau. Trotzdem schiebt sie energisch ihren Rollator vor sich her, um Martha und Horst zu folgen. „Sie ignoriert, dass es ihr schlecht geht, weil die Hunde sie ablenken“, freut sich die Ergotherapeutin.

In ihrem Zimmer angekommen setzt sich die alte Dame auf ihr Bett, Horst legt ganz selbstverständlich seinen Kopf auf ihre Beine. Einen konkreten Therapieplan gibt es heute nicht. Hedwig Ladda freut sich einfach über die Gesellschaft und dass sie jemandem zum Reden hat. Während die ältere Dame erzählt, krault sie den Hund nebenbei hinter den Ohren. Martha liegt zu ihren Füßen und döst. „Hunde zu streicheln fördert die Feinmotorik, zu hoher Blutdruck wird gesenkt, und das Gute-Laune-Kuschel-Hormon Oxytocin wird ausgeschüttet“, weiß Voßwinkel, „Die Tiere haben viele positive Wirkungen auf die Menschen.“ So werde auch ohne gezielte Handlungen oder Aktionen therapiert.

Und wer zahlt?

Tiergestützte Therapien sind nicht im Leistungskatalog von gesetzlichen Krankenkassen enthalten, weil ihnen kein höherer therapeutischer Erfolg eingeräumt werden kann als anerkannten konventionellen Methoden der Therapie. Die Kosten für tiergestützte Therapien müssen also meist privat übernommen werden. Da sie jedoch als Leistungen der sozialen Teilhabe an der Gesellschaft gelten, können Anträge gestellt werden, damit Träger der Sozialhilfe, gesetzliche Unfallversicherungen, öffentliche Jugendhilfen oder Träger der Eingliederungshilfe die Kosten übernehmen. Anträge werden immer individuell geprüft, Voraussetzung für eine Kostenübernahme ist, dass die tiergestützte Therapie vorrangig im Bereich der sozialen Rehabilitation anzusiedeln ist.

Hunde als Beschäftigungstherapie

Dass die vierbeinigen Therapeuten auch mit ungewöhnlichen Situationen zurecht kommen, wird klar, wenn Ladda redet. Hören kann die 97-Jährige schlecht, dadurch spricht sie lauter als gewöhnlich. Für empfindliche Hundeohren kann das irritierend sein, doch Horst und Martha sind es gewohnt. Für sie sind Streicheleinheiten und liebevolle Worte wichtiger als normale Sprech- oder Bewegungsmuster.

„Die Hunde merken ganz genau, ob man reden oder spielen möchte“, lobt die Peinerin, die als einzige im Haus sofort erkennt, welcher der beiden Wuschelköpfe mit zur Behandlung gekommen ist, denn Voßwinkel nimmt normalerweise nur einen von beiden mit. Wenn Ladda des Redens müde ist, legt sie sich auf ihr Bett. Horst legt sich dazu, „um Wärme und Nähe zu spenden, denn das beruhigt und mindert Stress“, so die Hundebesitzerin.

Beruf und Berufung

So wie im Phillipp-Spitta-Heim ist Voßwinkel auch im Seniorenzentrum Rosenblick in Telgte ein gern gesehener Gast. Kai-Uwe Hoyer, Leiter der sozialen Betreuung im Rosenblick, weiß, welche Wirkung die vierbeinigen Therapie-Begleiter auf die Bewohner haben können: „Wenn jemand schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, ist es für ihn oft einfacher, sich Tieren gegenüber zu öffnen und von da aus sozialer zu werden.“ Auch bei Demenzkranken sei zu beobachten, wie Hunde Lebensgeister wecken können. Als Allheilmittel sieht Hoyer die vierbeinigen Therapeuten aber nicht: „Es hängt immer vom jeweiligen Menschen ab, ob mit Hilfe von Hunden eine Therapie erfolgreicher werden kann.“

„Ich wollte schon immer mit Senioren arbeiten“, beteuert Voßwinkel, „denn von ihnen bekomme ich so viel Weisheit und Kraft.“ Auch die Arbeit mit Demenzkranken Leuten mache ihr Spaß, denn „man weiß nie, wo man die Leute abholt und wie sie gerade drauf sind, das ist jedes Mal aufs Neue spannend.“ Ihre Hunde möchte sie bei der Arbeit nie wieder missen: „Sie tun den Menschen so gut, weil es ihre einzige Aufgabe ist, ein Gefühl von Geborgenheit und Zuversicht zu vermitteln. Hunde urteilen nicht, sie bewerten nicht, sie spenden Trost und akzeptieren die Menschen so, wie sie sind.“ Das nimmt Voßwinkel jeden Tag aufs Neue als Inspiration, um ihren Patienten Gutes zu tun.

Die geriatrische Ergotherapeutin Andrea Voßwinkel besucht ihre Patienten mit ihren Hunden Horst-Rüdiger und Tante Martha und macht damit den Senioren eine große Freude.

Was Hunde als Therapeuten leisten

Der beste Freund des Menschen eignet sich nicht nur für die Alltagsbegleitung. Seit vielen Jahren bewährt sich der Einsatz von Hunden in gesundheitsfördernden Situationen. Infrage kommen sie beispielsweise in der Ergotherapie, Psycho- oder Physiotherapie, Sprach- und Sprechtherapie oder Heilpädagogik. Ihre Aufgabe besteht dann darin, entweder aktiv mit Menschen zu arbeiten, etwa durch Spielen, oder reaktiv zu sein und empathisch auf die Befindlichkeiten von Patienten zu reagieren.

Während Assistenzhunde bei einem Menschen mit Handicap oder Beeinträchtigung leben und im Alltag unterstützen (wie Blinden- oder Autistenhunde), sind Therapiehunde ein Medium ihrer therapeutisch tätigen Besitzer. Ziel einer tiergestützten Therapie ist es, in enger Zusammenarbeit mit dem menschlichen Therapeuten zu motivieren, zu sozialisieren, Brücken zu bauen und Kommunikation, Motorik und Bewegung zu fördern. „In verschiedenen Bereichen haben Hunde verschiedene Aufgaben“, erklärt Ergotherapeutin Andrea Voßwinkel. So habe ein Wachhund die Aufgabe, etwas zu beschützen, während ihre Hunde, die sie in ihren Behandlungen als Medium einsetzt, nur die Aufgabe haben, eine Verbindung zu den Patienten aufzubauen, das Eis zu brechen und damit der Therapeutin einen besseren Zugang zum Patienten zu geben.

Hunde, die in tiergestützten Therapien eingesetzt werden, müssen mit unterschiedlichsten Menschen, Gerüchen, Bewegungsmustern und Situationen klar kommen. Deswegen eignen sich besonders friedfertige und geduldige Hunde. Dabei kommt es nicht auf die Rasse, sondern das Wesen der Tiere an. Besonders beliebt als Therapiehunde sind dennoch typisch freundliche Hunde wie Golden Retriever, Labradore, Collies, Pudel, Beagle oder Bernhardiner.

Von Mara-Ann Meeuw

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