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Stadt Wolfsburg Wie sich Wolfsburg gegen radikale Tendenzen wehrt
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Wie sich Wolfsburg gegen radikale Tendenzen wehrt
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10:45 02.06.2020
Gläubige beten aufgrund der Corona-Pandemie mit Sicherheitsabstand in der Moschee des Islamischen Kulturzentrum. Quelle: Ole Spata/dpa
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Wolfsburg

In der hellen Moschee im Wolfsburger Zentrum wird der Foto-Reporter offen und herzlich empfangen. Der Andrang für das Freitagsgebet ist an diesem Nachmittag groß - und in Zeiten von Corona verzögert sich der Beginn.

Unter den Gläubigen ist die Stimmung gelassen, gerne führen sie den Gast in der Moschee herum und beantworten trotz der Sprachbarriere Fragen. Die Gemeinschaft zeigt sich aufgeschlossen, in der Stadt soll ein echter Austausch gelebt werden.

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Als bundesweite Islamistenhochburg machte Wolfsburg vor fünf Jahren von sich reden. Ein radikaler Prediger verleitete damals reihenweise junge Männer zur Ausreise. Im Sommer 2015 begann der Prozess gegen zwei junge Wolfsburger, die desillusioniert von den Schlachtfeldern des Islamischen Staats (IS) zurückgekehrt waren.

Ein charismatischer Prediger habe die Gruppe radikalisierter Muslime in seinen Bann gezogen

Auf den ersten niedersächsischen Prozess gegen Unterstützer der Terrormiliz folgten weitere, so wie Dutzende weitere junge Leute von hier Richtung Irak und Syrien aufbrachen. Fünf Jahre später machen den Sicherheitsbehörden die Rückkehrer Sorgen, während Wolfsburg sich mit Präventionsarbeit dem Islamismus entgegenstellt.

Ein charismatischer Prediger, „der wissende Bruder“, habe die Gruppe radikalisierter Muslime, zu der er nach einer Einladung zum Gebet gestoßen sei, in seinen Bann gezogen, erzählte einer der angeklagten Deutsch-Tunesier damals.

Weil sie mit ihrem radikalen Gerede in der tunesischen Moschee rausflogen, trafen sie sich in der türkischen Moschee, wo niemand sie verstand. Sein Vater warnte ihn zwar vor dem Prediger, sprach von Terroristen, dieser aber habe ihm versichert, die alten Leute verständen nichts vom Islam.

Mehr Sensibilität für die Ängste und Nöte der Muslime

Auf Tendenzen zur Radikalisierung habe das Islamische Kulturzentrum Wolfsburg damals mit Hausverboten reagiert, erinnert sich Mourtadha Djemai aus dem Vereinsvorstand mehr als fünf Jahre später. „Auch vorher, schon seit der Gründung wurde immer deutlich gemacht, dass wir jegliche Form von Extremismus ablehnen“, berichtet der 28-Jährige am Telefon.

Der Verein zählt heute etwas mehr als 100 Mitglieder, zu den Veranstaltungen kommen laut Djemai oft deutlich mehr Gläubige. Der neue Imam, Aissa Hajlaoui, sei selbst noch sehr jung und habe daher einen guten Zugang zu den Jugendlichen, berichtet Djemai.

Die aktuelle Situation in Wolfsburg beschreibt der Islamische Verein daher als deutlich besser. Viele Partner engagierten sich, und es gebe eine gemeinsame Präventionsarbeit. Das habe in der Stadt zu mehr Sensibilität für die Ängste und Nöte der Muslime geführt, sagt Djemai. Auf der anderen Seite hätten viele Muslime auch das Gefühl, dass sie mit ihren Sorgen gehört würden.

Mitglieder des Islamischen Vereins berichten etwa von einem erfolgreich etablierten Jugendraum

Stadträtin Iris Bothe teilt diese Einschätzung: „Der enge Austausch in dem Netzwerk hat sich aus Sicht der Stadt bewährt und hat durchaus Modellcharakter für andere Regionen.“ Andere Kommunen erkundigten sich nach dem „Wolfsburger Weg“. Die Mitglieder des Islamischen Vereins berichten etwa von einem erfolgreich etablierten Jugendraum.

Als ein Beispiel erzählen sie von einer gemeinsamen Aufarbeitung des Anschlags im hessischen Hanau, bei dem ein 43 Jahre alter Deutscher im Februar dieses Jahres neun Menschen mit ausländischen Wurzeln getötet und weitere Menschen verletzt hatte.

Zwar war das Phänomen der Ausreisen vor fünf Jahren noch recht neu. Dennoch musste sich das Landeskriminalamt im Prozess am Oberlandesgericht Celle den Vorwurf der Untätigkeit gefallen lassen. Obwohl Angehörige den Ermittlern den Namen des IS-Anwerbers genannt hätten, der in Wolfsburg Dutzende junge Leute radikalisierte, sei die Polizei lange untätig geblieben, monierte die Verteidigung.

2013 in der Moschee des später verbotenen Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim (DIK) aktiv

Die Bundesanwaltschaft fragte ebenfalls, warum die Angeklagten nicht gestoppt wurden. Das LKA räumte den Hinweis der Familie ein, man habe den jungen Männern aber den Pass zur Verhinderung der Ausreise nicht entziehen können.

Dabei hatten die Fahnder bereits 2011 von einer Moscheegemeinde erste Hinweise auf den zentralen Wolfsburger Anwerber Yassin O., der zunächst eine Al Kaida nahe Terrorgruppe unterstützte und sich später dem IS anschloss. Der Mann habe aber in den folgenden Jahren zunächst keine wesentliche Rolle mehr gespielt, meinte der LKA-Fahndungsleiter vor Gericht.

2013 war er dann in der Moschee des später verbotenen Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim (DIK) aktiv. Nach dem Anwerber fahnden deutsche Behörden weiterhin aktiv, zwischenzeitlich hieß es, er halte sich in Syrien auf.

Inzwischen seien Ausreisen radikalisierter junger Leute Richtung Syrien und Irak vollkommen zum Erliegen gekommen

Rückblickend spricht die zuständige Celler Generalstaatsanwaltschaft vom Raum Wolfsburg als eine Art Hotspot für Ausreisewillige - zumindest in den Jahren 2013 bis 2015. Wegen der militärischen Niederlage des IS im Irak und Syrien seien indes seit Monaten keine Ausreisen mehr bekannt geworden, sagt Behördensprecher Bernd Kolkmeier. Die Attraktivität eines Lebens im „Kalifat“ scheint ihm zufolge nicht mehr vorhanden zu sein.

Ob Ermittlungen oder Verurteilungen von Rückkehrern eine abschreckende Wirkung entfalten, lässt sich dem Oberstaatsanwalt zufolge aber nur schwer beurteilen. Die beiden verurteilten Syrien-Heimkehrer aus Wolfsburg haben ihre Haftstrafen von drei beziehungsweise vier Jahren und drei Monaten abgesessen. Der damals 27-Jährige war als Krankenwagenfahrer bei Kämpfen im Irak dabei. Der ein Jahr Jüngere machte sich als Selbstmordattentäter auf den Weg nach Bagdad, zu einem Anschlag durch ihn kam es dann aber nicht.

Inzwischen seien die Ausreisen radikalisierter junger Leute Richtung Syrien und Irak vollkommen zum Erliegen gekommen, teilt der Verfassungsschutz mit. Sorge bereiten stattdessen die Rückkehrer, die teils mit Kampferfahrung wieder in Niedersachsen eintreffen.

Islamismusprävention enorm ausgebaut worden

Von den 85 aus Niedersachsen in die Krisengebiete Ausgereisten sind bisher 40 zurückgekehrt, weitere Betroffene im niedrigen zweistelligen Bereich könnten noch zurückkommen. Wie Verfassungsschutzchef Bernhard Witthaut sagt, wird von den Behörden für jeden einzelnen Rückkehrer ein individuelles Maßnahmenpaket vorbereitet. Dabei geht es um die Sicherheit der Bevölkerung und eine mögliche Wiedereingliederung der Betroffenen.

Das LKA verweist darauf, dass nach wie vor ein Netzwerk dschihadistisch-salafistischer Personen aus Wolfsburg existiere, das Verfassungsschutz und Polizei aufmerksam im Blick hätten. Angesichts der Entwicklung in Syrien und dem Irak erscheine eine erneute Ausreisewelle eher unwahrscheinlich. Die Euphorie und die Dynamik, die noch während der IS-Erfolge in der salafistischen Szene vorgeherrscht hätten, seien derzeit grundsätzlich nicht mehr festzustellen.

Niedersachsenweit ist die Islamismusprävention seit den Ausreisewellen aus Wolfsburg und auch Hildesheim enorm ausgebaut worden. Ein Kompetenzforum unter Beteiligung von Verfassungsschutz und Polizei organisiert Maßnahmen zur Prävention des Islamismus sowie der Deradikalisierung. Dabei geht es auch um das Entwickeln konkreter Maßnahmen für einzelne Radikalisierungsfälle - Konzepte die vor über fünf Jahren für die Betroffenen in Wolfsburg noch nicht zur Verfügung standen.

Von RND/dpa

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