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Stadt Wolfsburg Was tun, wenn ein Kind stirbt?
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Was tun, wenn ein Kind stirbt?
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00:22 05.05.2019
Hilfe bei der Trauerarbeit: Dagmar Huhnholz begleitet mit der Trostinsel des Hospiz Kinder und Jugendliche. Quelle: A. Müller-Kudelka
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Wolfsburg

Der Tod des eineinhalbjährigen Jungen nach dem Unfall am Regenrückhaltebecken in Nordsteimke macht die Menschen sprachlos. Und doch sollten alle Betroffene darüber sprechen, meint Trauerbegleiterin Dagmar Huhnholz von der Trostinsel des Hospiz, die Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche. Auch schon für die Kleinsten in der DRK-Kita sei das wichtig, betonte sie im Gespräch mit der WAZ.

Kennen Sie den Fall, um den es geht?

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Wir haben persönlich keinen Kontakt zu der Familie, ich habe nur davon gelesen. Es ist furchtbar für alle. Ich hatte sofort den Satz eines unserer trauernden Kinder im Ohr, das nach dem Tod seines Bruders sagte: „Er war doch noch gar nicht dran!“ Dass sozusagen die Reihenfolge nicht eingehalten wird, macht es in diesem Fall besonders unfassbar. Für Erwachsene wie für Kinder.

Wie erklärt man dann den Kindern, was passiert ist?

Bis zum Ende des Grundschulalters können Kinder nicht begreifen, was Endlichkeit ist. Selbst Steine sind in ihren Augen lebendig. Deshalb kann man es nicht gut erklären, man könnte aber fragen: „Was denkst du, wo dein Freund jetzt ist?“ Sie haben oft eine ganz eigene Vorstellung. Wir Trauerbegleiter sind keine Freunde davon, die Kinder mit Unklarheiten oder Unwahrheiten zurückzulassen. Aber wir überlassen es ihnen selbst, den Begriff Tod zu fassen. Oft hilft dabei, sie mit toten Tieren in Kontakt zu bringen – wenn sich eine Spinne nicht mehr bewegt oder eine Maus kalt und steif wird, können sie das mit allen Sinnen begreifen. Das ist auch ein Ansatz von Kitas, den Tod begreifbar zu machen.

Thematisieren sollte man es aber in jedem Fall?

Ja! Die Kinder spüren die besondere Achtsamkeit und Behutsamkeit. Über Gefühle kann man mit ihnen in Kontakt kommen – zum Beispiel fragen, ob sie traurig sind oder wütend. Wir arbeiten viel mit Bilderbüchern. Es gibt einen großen Fundus. Das gemeinsame Erinnern ist auch eine gute Möglichkeit: Wo war sein Platz? Was war sein Lieblingsessen? Oder das Gestalten einer Abschiedskerze.

Jetzt geht es ja aber um eine Krippenkind – und man sagt, man könne sich später nicht mehr an das erinnern, was vor dem dritten Lebensjahr passiert ist...

Trotzdem merken die Kinder, dass sich etwas verändert hat. Und auch für die Erzieherinnen kann diese Aufarbeitung in der Gruppe hilfreich sein.

Und was sagt man den Eltern? 

Helfen kann, zu versuchen, die vorhandene Struktur aufrecht zu erhalten, damit nicht die komplette Familie in einen emotionalen Abgrund stürzt. Oft ist es so, dass es auch Geschwisterkinder gibt. Gerade die brauchen eine Struktur. Freunde können helfen oder der Austausch mit Gleichgesinnten, das Gespräch mit dem Partner, Therapeuten, der Familienberatung oder religiösen Seelsorgern. Manchmal braucht es einen Außenstehenden. Eltern sind erst einmal selbst nur noch Trauer. Bei der Bewältigung muss man den Blick auf alle Familienangehörigen haben: Was braucht der einzelne, was braucht das System? Und das ist ganz individuell verschieden.

Trauernde können sich für Unterstützung per Telefon unter 05361/ 6009290 melden oder per E-Mail an info@hospiz-wolfsburg.de wenden.

Von Andrea Müller-Kudelka