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Stadt Wolfsburg Warum Hühner im eigenen Garten glücklich machen
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Warum Hühner im eigenen Garten glücklich machen
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08:00 28.01.2020
Kleines Paradies: Iris Dinkloh mit ihrer fröhlichen Hühnerschar, die ihr beinahe auf Schritt und Tritt folgt.
Kleines Paradies: Iris Dinkloh mit ihrer fröhlichen Hühnerschar, die ihr beinahe auf Schritt und Tritt folgt. Quelle: Boris Baschin
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Ehmen

Pucki, Schneewitchen, Helma, Gertrud, Agathe, Iris, Marianne und Wilma: Diese Damen im Rentenalter bilden zusammen eine tierische Wohngemeinschaft. In ihrem kleinen roten Häuschen mit der Hausnummer 5a und viel Auslauf genießen sie gemeinsam ihren Lebensabend in Ehmen – scharren, gackern, picken und nehmen für ihr Leben gern Sandbäder im eigens dafür errichteten „Badehaus“. Morgens legen sie auch gerne mal das ein oder andere Ei. Das kommt dann Iris Dinkloh zugute.

Die 40-jährige Ehmerin hat sich vor etwa drei Jahren dazu entschlossen, im Garten ihres Hauses eine private Hühnerhaltung einzurichten – so wie bundesweit immer mehr Menschen. Der Trend geht klar zum eigenen Federvieh: Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Tierwohl, Naturverbundenheit, diese Themen sind es wohl, die viele Menschen zur Haltung einer eigenen Hühnerschar bewegen.

Ein schöner Lebensabend für ausgediente Legehennen

Das gilt auch für Iris Dinkloh. Bei der Wahl ihres Federviehs hat sie sich deshalb bewusst für ausgediente Legehennen entschieden. „Durch die Eier hat man einen Nutzen, aber man tut auch etwas Gutes“, sagt die 40-Jährige.

Iris Dinkloh hat in Ehmen ein kleines Paradies für ausgediente Legehennen erschaffen und sich damit auch einen Kindheitstraum erfüllt.

Als Vermittler fungiert der Verein „Rettet das Huhn“, der alte Legehennen vor ihrem schlimmen Schicksal bewahrt „Nach 18 Monaten geht die Legeleistung zurück, die Tiere kommen dann einfach auf den Schlachthof“, beschreibt Iris Dinkloh. Bei ihren neuen Besitzern bekommen sie stattdessen einen artgerechten Lebensabend. Denn in ihrem vorherigen Lege-Leben wurde ihnen das nun wirklich nicht zuteil. „Bei Bodenhaltung kommen teilweise neun Hühner auf einen Quadratmeter. Manche waren noch nie außerhalb des Stalls“, erzählt Dinkloh.

Massenhaltung macht Tieren schwer zu schaffen

Wie dies den Hennen zu schaffen macht, ist in Dinklohs Garten genau zu sehen. Neun Hühner besitzt sie zurzeit. Zwei davon, Marianne und Wilma, wurden gerade erst aus einem Bodenhaltungsbetrieb gerettet. Der Unterschied zwischen ihnen und den anderen ist erschreckend. „Mein Nachbar sagt zu den neuen Hühnern aus der Rettung immer ’küchenfertig’“, berichtet Dinkloh. Und das trifft es gut: An einigen Stellen ist das Federkleid von Marianne beinahe restlos verschwunden. Deswegen hat ihr Iris Dinkloh einen Pullover gegen die Kälte angezogen – ein kurioser, aber niedlicher Anblick. Nach der nächsten Mauser ist aber auch das nicht mehr nötig.

Wilma hingegen ist nach nur kurzer Zeit in ihrem neuen Zuhause schon wieder gut in Schuss. Anfangs hätten sich die beiden Neulinge gar nicht rausgetraut – zu ungewohnt sei ihnen ein Leben in Freiheit gewesen. Jetzt picken sie fröhlich auf dem Rasen. „Da geht einem das Herz auf“, sagt Dinkloh. Bald können die beiden aus dem „Lazarett“ in einem separierten Teil der Garage dann auch zu den anderen sieben Hühnern und mit ihnen im Stall und auf den 120 Quadratmetern Auslauf herumpicken.

Ein Kindheitstraum wird wahr

Mit ihrer kleinen Hühnerschar hat sich Iris Dinkloh einen Kindheitstraum erfüllt. „Mein Bruder und ich wollten schon als Kinder Hühner haben – und einen Hahn mit Namen Rambo“, erinnert sie sich. Als sie dann vor zehn Jahren das Haus in Ehmen gekauft hatte und ein Teil des Grundstücks ungenutzt blieb, setzte sie ihren Wunsch endlich in die Tat um.

Kein Hahn ... zum Wohle der Nachbarschaft

Nur auf eines verzichtete sie: den Hahn. „Dem Nachbarschaftsfrieden zur Liebe“, sagt sie lachend. Genau zu dieser Rücksicht auf die Mitmenschen rät sie auch allen Gleichgesinnten. Sie selbst informierte vor der Anschaffung der Hühner ihre Nachbarn über ihre Pläne. Zwar ist die private Hühnerhaltung auch in Wohngebieten rechtlich gesehen unproblematisch, doch wie heißt es so schön: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Ärger gab es wegen der kleinen Hühnerschar folglich noch keinen. „Einige Nachbarn waren anfangs sicherlich skeptisch wegen möglichen Lärms oder Geruchs, aber mittlerweile haben sie die Hühner glaube ich alle lieben gelernt“, berichtet Dinkloh. Und so bringen Nachbarn immer mal wieder Essensreste an den Zaun und erfreuen sich an der freundlichen Begrüßung durch das glückliche und neugierige Federvieh. „Eine Tagesmutter aus dem Ort kam sogar regelmäßig mit den Kindern zum Hühnergucken“, erzählt die Tierhalterin.

Neugierig, fröhlich und sogar verschmust

Für sie sind die Hühner wundervolle Haustiere. „Sie sind gar nicht dumm, neugierig, und jedes hat seinen eigenen Charakter.“ Mitunter können sie sogar verschmust sein. „Esmeralda hat sich immer gerne kraulen lassen“, erinnert sich die Tierfreundin an eines der leider schon gestorbenen Hühner. Und wenn sie selbst morgens aus dem Haus geht, begrüßt sie eine fröhlich gluckernde Hühnerschar. „Das macht einfach Freude.“ Auch mit ihren Katzen verstünden sich die Hennen. „Aber die Hühner sind die Chefs.“

Günstig und pflegeleicht

Aufwand und Kosten für die Hühnerschar halten sich in Grenzen. Der Stall muss regelmäßig gereinigt werden, bei längerer Abwesenheit der Tierhalterin sorgen Futter- und Wasserautomat für die Versorgung. „Und die Eier holen dann gerne die Nachbarn“, sagt Dinkloh. Die einmalige Anschaffung des mardersicheren Stalls und des Zauns sind die größte Ausgabe. Das Futte hingegen ist günstig – zumal Hühner Allesfresser sind und damit auch hervorragend für die Verwertung von Essensresten taugen. Nudeln, Gemüsereste, Teigwaren – fast nichts, was ein Huhn nicht isst. „Meine mögen bloß keine rohen Möhren und Paprika“, erzählt Dinkloh.

Frische Eier als Bonus

Ein weiterer Bonus sind natürlich die Eier. Die legen Iris Dinklohs Legehennen brav so gut wie jeden morgen im Stall ab. Selbst die ausgedienten Legehennen sind noch immer für mehrere Eier die Woche gut. „Die Eier aus dem Stall zu holen ist schon ein Erlebnis, man kriegt eine ganz andre Wertschätzung für Lebensmittel“, schildert die 40-Jährige. Davon profitiert auch ihr Umfeld. So können Freude und Kollegen eine Patenschaft für eine der Hennen übernehmen. Sie besuchen die Tiere, sorgen ab und an für Futter und dürfen dafür den Namen des Vogels aussuchen – und sich selbstverständlich regelmäßig über frische Eier freuen.



Private Hühnerhaltung: So funktioniert’s

Grundsätzlich sind Hühner sogenannte Kleintiere – und Kleintiere dürfen, in angemessenem Rahmen, auch in allgemeinen Wohngebieten gehalten werden. Hierbei muss es sich allerdings zum einen um eine untergeordnete Freizeitbeschäftigung ohne gewerblichen Hintergrund – sprich Hobbytierhaltung – handeln, zum anderen muss mit Blick auf die Zweckbestimmung der Wohngebiete dem Rücksichtnahmegebot Rechnung getragen werden.

Kleintiere sind auch im Wohngebiet möglich

Was die Anzahl der Tiere betrifft, so gibt es dafür keine konkreten Zahlen, jedoch darf keine Störung für die Nachbarschaft auftreten. Eine Hühnerherde von 20 Hennen und einem Hahn gilt vor Gericht noch als angemessen. Für Hähne können wegen des Krähens allerdings einige Auflagen gelten: etwa die Pflicht, sie von 19 bis 8 Uhr in einem schallgeschützten Stall unterzubringen.

Ställe sind rechtlich unproblematisch

Auch der Bau von Hühnerställen ist rechtlich unproblematisch. Laut niedersächsischem Baurecht ist die Errichtung von Nebenanlagen bis 40 Kubikmeter Größe verfahrensfrei möglich. Wer auf Nummer sicher gehen will, spricht seine Pläne aber mit den zuständigen Bauaufsichtsbehörden und natürlich am besten auch mit den Nachbarn ab.

Tiermedizin

Die Haltung muss den tierschutzrechtlichen und tierseuchenrechtlichen Erfordernissen entsprechen. Jedes einzelne Huhn im eigenen Garten muss beim zuständigen Veterinäramt gemeldet werden. Außerdem muss die Haltung bei der Tierseuchenkasse gemeldet werden, und alle Hühner müssen regelmäßig gegen die Newcastle Krankheit geimpft werden.

Alten Tieren Gutes tun

Wer sich für private Hühnerhaltung interessiert, kann sich unter anderem beim Verein „Rettet das Huhn“ informieren und sich sogar gerettete Legehennen vermitteln lassen. Unter www.rettet-das-huhn.de finden sich Kontaktdaten.

Der Verein vermittelt allerdings nur gegen Auflagen: So müssen die Tiere einen raubtiersicheren Stall und mindestens 10 Quadratmeter Auslauf pro Huhn haben. Der Halter verpflichtet sich per Schutzvertrag zudem dazu, die Tiere im Bedarfsfall tierärztlich behandeln zu lassen und sie selbstverständlich nicht zu schlachten.

Von Steffen Schmidt