Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Stadt Wolfsburg „Die Wolfsburger sind stolz auf ihr Theater, das spürt man“
Wolfsburg Stadt Wolfsburg „Die Wolfsburger sind stolz auf ihr Theater, das spürt man“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 08.02.2019
„Theater macht nur Sinn, wenn es Stellung bezieht“: Intendant Rainer Steinkamp wirkt seit 2008 im Scharoun-Theater. Quelle: Gero Gerewitz
Wolfsburg

Rainer Steinkamp (65), seit August 2008 Intendant des Scharoun Theaters, kommt mit Sporttasche zum Interview mit der WAZ. Über seinem Schreibtisch in seinem Büro im Verwaltungstrakt des Theaters hängt eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Hans Albers. „Nur Lumpen sind bescheiden“ wird der legendäre Schauspieler und Sänger zitiert. Steinkamp legt die schwarze Tasche beiseite und macht sich einen Espresso – er ist bereit für das Gespräch.

Herr Steinkamp, Sie kommen wohl gerade vom Sport?

Nein, aber ich möchte später noch vor der Vorstellung heute Abend hingehen. Das Sportstudio liegt gleich nebenan, das ist total praktisch. Und tut mir gut.

Was wird heute gespielt?

A-Cappella. Die Gruppe „Vocaldente“. Als ich vor mehr als zehn Jahren nach Wolfsburg kam, gab’s im Programm noch kein A-Cappella. Das hat sich mittlerweile gut etabliert. Bis zu zehn A-Cappella-Vorstellungen gibt’s im Schnitt in einer Saison.

Gibt es ein Genre, eine Richtung oder ein Stück im Theater, das beim Wolfsburger Theaterpublikum immer gut ankommt?

Wie in allen Häusern wird auch in Wolfsburg Unterhaltungstheater gut angenommen.

Weil das Publikum nicht offen ist für zeitgenössische, ausgefallene Inszenierung?

Nein, das würde ich nicht sagen. Unsere Eigenproduktion von „Die Räuber“ im Jahr 2016, ein klassischer Stoff, war eine moderne, multimediale Inszenierung – und kam sehr gut an beim Publikum. Ich glaube, es ist wichtig, dass man die Erwartungen der Besucher erfüllt. Wer sich einen roten Golf bestellt, wird sich nicht über einen grünen Golf freuen. Im Idealfall informieren sich die Besucher über die Stücke – und besuchen nur das, was sie interessiert und was sie sehen möchten.

Negativ-Kritik von Gästen – ist das etwas, womit das Scharoun Theater auch konfrontiert wird?

Toi, toi, toi – zurzeit haben wir einen guten Lauf. Das hängt aber vermutlich auch damit zusammen, dass wir großen Wert auf die Auswahl der Aufführungen legen, dass die Pressearbeit genauso gut ist wie unsere Werbung. Und die Erwartung der Gäste eben nicht enttäuscht wird.

Inwieweit haben soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Twitter Auswirkungen aufs Theater?

Wir müssen da natürlich mitgehen. Und über diese Kanäle auch unser Haus bewerben. Junge Leute kaufen sich kein Abo mehr, die sind spontan.

Was muss Theater leisten in der heutigen Zeit?

Wenn die Besucher das Haus verlassen und über das Gesehene sprechen – ob positiv oder negativ – dann hat Theater etwas erreicht. Das Theater ist nicht mehr ausschließlich Ort einer wie auch immer zu definierenden „Hochkultur“.

Theater ist aber auch ein Ort, in dem Klassiker aufgeführt werden. Haben denn über 200 Jahre alte Stücke Bezug zu unserer modernen Welt?

Aber ja doch. Wenn wir zum Beispiel „Nathan der Weise“ ins Programm nehmen, in einer Zeit, in der sich viele Menschen schwer damit tun, andere Religionen anzunehmen, ebnet das Theater den Weg für Toleranz, zeigt es die Gleichwertigkeit verschiedener Religionen. Daran kann und darf sich der Zuschauer auch gern reiben. Theater macht eben nur Sinn, wenn es Stellung bezieht.

Hat aus Ihrer Sicht die Dieselkrise bei Volkswagen einen Einfluss auf die Kultur in Wolfsburg?

In monetärer Hinsicht natürlich. Die finanzielle Situation der Stadt stellt sich nun nicht mehr so gut dar wie noch vor vier Jahren. Es gibt hier und da Kürzungen, keine Frage. Aber das Theater wurde zum Glück nie grundsätzlich in Frage gestellt.

Und es gibt auch keine rückläufigen Besucherzahlen seit Beginn der Krise im Theater?

Nein, gar nicht. Die Wolfsburger sind stolz auf ihr Theater, das spürt man.

In Ihre Zeit fiel auch die aufwendige Sanierung des denkmalgeschützten Theaters...

Ich erinnere mich gut – das war noch vor der Dieselkrise, als Wolfsburg noch eine gut gefüllte Kasse hatte. Denn welche Stadt leistet sich schon eine 30 Millionen schwere Komplett-Sanierung?

Lief alles glatt damals?

Die Sanierung war wegen der unheimlichen Komplexität sehr anstrengend für alle Beteiligten, wir hatten 140 Gewerke hier. Es hat auch an einigen Ecken geknirscht und gescheppert, vor allem die Brandschutz-Problematik hat uns schlaflose Nächte bereitet. Und bei manchen Problemen, die sich während des Umbaus ergaben, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Aber das Haus ist jetzt für die nächsten 20 bis 30 Jahre gut gerüstet.

Am 31. August 2020 endet ihre Zeit als Theater-Intendant. Machen Sie schon Pläne für die Zeit danach? Eine Weltreise zum Beispiel?

Ich arbeite seit Jahrzehnten im Theater – da kann ich mir doch keine Weltreise leisten (lacht). Im Ernst, ich habe meiner Frau versprochen, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Sie lebt immer noch in Hameln, wo ich vor Wolfsburg das Theater geleitet habe. Vielleicht werde ich wieder als Regisseur arbeiten, Angebote gibt es schon.

Dann kehren Sie nach Hameln zurück?

Ja, aber ich werde Wolfsburg vermissen. Das weiß ich jetzt schon. Das ist eine lebens- und liebenswürdige Stadt, die sich phänomenal entwickelt hat. Ich habe als Schüler, aufgewachsen bin ich nämlich in Braunschweig, mit der Schulklasse Mitte der 60er Jahre das Volkswagenwerk besichtigt. Da hieß Wolfsburg Barackenstadt. Und jetzt? Schauen Sie sich um! Nicht zu vergessen die Kulturlandschaft, die es hier gibt. Es ist ziemlich einmalig, was eine Stadt dieser Größe zu bieten hat.

Auch ein Grund, warum Sie im Sommer 2008 nach Wolfsburg gekommen sind, um das Theater zu leiten?

Hameln identifiziert sich über die Sage vom Rattenfänger. Darauf ist alles ausgerichtet. Die junge Stadt Wolfsburg bemüht sich um eine Identität auch über Kultur und Soziales. Das finde ich sehr beeindruckend. Über 150 verschiedene Nationen leben hier – gut integriert. Ein Paradebeispiel sind doch die italienischen Mitbürger. Als sie herkamen in den 60ern lebten sie in einer eingezäunten Barackenstadt. Heute sind alle stolz auf Wolfsburgs Italiener, auf die guten italienischen Restaurants und Pizzerias. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass es nicht nur dieser Stadt, sondern auch diesem Land in Zukunft gelingen wird, auf fremde Kulturen und Religionen einzugehen.

Welchen Wunsch haben Sie fürs Wolfsburger Theater?

Es soll ein sozialer Ort bleiben. In Zeiten, in denen viele Menschen immer isolierter leben, ist das Theater ein Ort der Begegnung. Und der Emotionen.  Und über Emotionen kommt sich der Mensch als soziales Wesen näher.

Und wie stellen Sie sich Theater im Jahr 2030 vor?

Theater spielt und wird immer auch mit neuen Formen spielen. Auch in der Zukunft. Ich glaube aber nicht, dass Digitalisierung einen allzu großen Einfluss aufs Theater nehmen wird. Im Idealfall erzeugt Theater Kopfkino, setzt Fantasien in Gang. Und wenn es sich auf seine Wurzeln, seinen Ursprung verlässt, wird Theater immer weiter existieren.

Von der WAZ-Redaktion

Die WMG freut sich über insgesamt 15.000 Besucher auf der Schlittschuhfläche in Wolfsburgs City. Vielen Zuschauern gefiel besonders die Feuershow, die beim Endspurt am Samstag nochmals zu sehen ist.

08.02.2019

In ganz Deutschland grassiert die Grippe. Auch in Wolfsburg mehren sich die Krankheitsfälle und deuten auf den Anfang der Grippewelle.

11.02.2019

Ein neuer Zaun zwischen Reislingen und Windberg macht Bürger stutzig. Ortsbürgermeister Hans-Jürgen Friedrichs (SPD) erfuhr, dass der Zaun wegen austretender Gase errichtet wurde. Der Ortsrat ist irritiert: Kann ein Drahtzaun Gase aufhalten? Und wie gefährlich sind die Dämpfe?

08.02.2019