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Stadt Wolfsburg Tagesmütter fürchten um Existenz: Eltern springen ab
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Tagesmütter fürchten um Existenz: Eltern springen ab
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23:59 17.08.2018
Brachte den Stein ins Rollen: Judith Artale mit Marlon (1) und Davide (6). Sie hatte mir ihrer Tagesmutter einen Vertrag abgeschlossen, den die Stadt Wolfsburg so nicht fördern wollte.
Brachte den Stein ins Rollen: Judith Artale mit Marlon (1) und Davide (6). Sie hatte mir ihrer Tagesmutter einen Vertrag abgeschlossen, den die Stadt Wolfsburg so nicht fördern wollte. Quelle: Roland Hermstein
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Wolfsburg

Nach der Kritik einer jungen Mutter aus Nordsteimke, die über Kürzung von Betreuungsstunden bei ihrer Tagesmutter klagt (WAZ berichtete), meldeten sich weitere Betroffene. Am Donnerstagabend diskutierte ein Dutzend von 100 Wolfsburger Tagesmüttern. Sie fürchten um ihre Existenz: Fast alle gaben an, dass frustrierte Mütter abgesprungen seien.

Mehr Stress als in den letzten zehn Jahren

„So lande ich bei Hartz IV“, sagt Lilli Schmal, den Tränen nahe. Die Stadtverwaltung hatte von Kommunikationsproblemen und Einzelfällen gesprochen. Die Regelung gelte bereits seit 2013. „Aber so viel Stress wie in den letzten drei Wochen hatte ich noch nie!“, meint Tagesmutter Melek Fahr, zehn Jahre dabei. Kolleginnen bestätigen: Ein Nachweis der Arbeitszeiten von Eltern sei nie gefordert worden. Und selbst bei Änderungen (zum Beispiel ungeplante Arbeitslosigkeit der Kindsmutter) sei die Betreuungszeit nicht wie jetzt auf vier Stunden gekürzt worden, versicherte eine weitere.

Flexibilität Fehlanzeige

Das harte Vorgehen der Behörde bedrohe das komplette System, das Flexibilität voraussetzt. So berichtete eine Kindsmutter, die im Dreischicht-System tätig ist, von mehreren Diskussionen mit ihrer Sachbearbeiterin, weil sie nach der Nachtschicht erst ein paar Stunden schläft, bevor sie ihr Kind abholt.

Argument Kindeswohl

Grundsätzlich gilt: Bei vier Stunden Betreuung am Vormittag fallen die meisten Kinder in den Schlaf, bevor Eltern sie abholen können. Deshalb wurden Verträge bisher selbst bei einer Halbtagsbeschäftigung auf meist sechs Stunden abgeschlossen. In Krippen gelten reguläre Abholzeiten der Kitas, da wird nicht auf Minuten gerechnet. Gleichbehandlung gehe anders. Und es erschwere die Arbeit von Tagespflegepersonen, die meist sowieso schon sehr flexibel sein müssen, zusätzlich.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Mitarbeiterinnen des Familienservice raten Betroffenen, formlose Anträge zu stellen, die auf Kindeswohl-Aspekte wie zum Beispiel das Schlafbedürfnis hinweisen. Landtagsabgeordnete und Ratsfrau Immacolata Glosemeyer, Mitbegründerin des Tagesmüttervereins, hörte kopfschüttelnd zu. „Das hat mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht mehr viel zu tun“, sagte sie und fordert, dass beim nächsten Gespräch des Familienservices die Geschäftsbereichsleitung oder Dezernentin Iris Bothe anwesend sind.

In der kommenden Woche soll es ein Treffen geben. Glosemeyer hat auch den Jugendhilfeausschuss-Vorsitzenden Falko Mohrs und Oberbürgermeister Klaus Mohrs bereits informiert. „Falls es wirklich ein Kommunikationsproblem ist, sollte sich das schnell lösen lassen. Um Einzelfälle handelt es sich aber offensichtlich nicht“, sagte sie.

Von Andrea Müller-Kudelka