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Stadt Wolfsburg „Ich übe nicht, ich geh’ einfach hin“
Wolfsburg Stadt Wolfsburg „Ich übe nicht, ich geh’ einfach hin“
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00:22 23.06.2019
Junggeblieben: Renate Knop macht jedes Jahr ihr goldenes Sportabzeichen – auch noch mit 80 Jahren. Quelle: Sebastian Bisch
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Wolfsburg / Gifhorn / Peine

Zipp, zipp, zipp – jedes Mal, wenn das Sprungseil den Rasen streift, gibt es ein zischendes Geräusch. Zipp, zipp, zipp, 18 Mal am Stück mit beiden Füßen zugleich: Renate Knop ist 80 – und hat gerade wieder ein goldenes Sportabzeichen gemacht, zum 39. Mal. „Ich übe nicht, ich geh hin und mach es“, erklärt die Wolfsburgerin leichthin. „Und wenn ich es mal nicht mehr schaffe, hör ich auf.“ Doch während Knop sich jedes Jahr mit Freude auf die Übungen stürzt, brechen ganze Generationen an Sportfreunden scheinbar weg, langfristig sieht es nicht gut aus für den traditionsreichen Fitnesstest.

Bei den Schülern lässt die Leistung nach

Keine 100 Meter hinter Renate Knop trainiert eine Schulklasse: laufen, weitspringen und – offenbar am allerliebsten – seilspringen. Die Grundschule Wendschott macht seit vielen Jahren beim Sportabzeichen mit und hat stets gute Ergebnisse erzielt. Und dennoch: „Es ist schon auffällig, dass die Kinder sich weniger draußen bewegen und auch weniger in Sportvereinen sind“, beobachtet die Sportfachlehrerin Christiane Kühn. Sie gibt den Kindern auch mal das Springseil mit nach Hause: „So lernen auch die Erstklässlerjungs in zwei Wochen das Seilspringen.“

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Doch die Kinder für Bewegung zu begeistern, das liege nicht in erster Linie bei der Schule, meint Kühn. „Die Eltern sollten schon Vorbild sein, mit den Kindern rausgehen und auch mal zu Fuß gehen.“ Sie denkt schon jetzt an den nächsten Wandertag zum Allersee, wenn sich die fehlende Ausdauer bei einigen Schülern bemerkbar machen wird.

Wie sehr die Sportlichkeit tatsächlich innerhalb der Familie weitergegeben wird, zeigt auch das Beispiel Knop: Beide Söhne der fitten Rentnerin machen leidenschaftlich gern Sport, einer hat schon 23 mal den Extrem-Triathlon „Iron Man“ geschafft.

Ob Kinder, Senioren oder Menschen mit Behinderung: Jeder kann mitmachen.

Für Familien bietet der Deutsche Olympische Sportbund deshalb auch das Familiensportabzeichen an. Drei oder mehr Familienmitglieder müssen dafür das Sportabzeichen schaffen, erklärt Werner Riedel, Sportabzeichenreferent im Kreissportbund Gifhorn: „Eine gute Gelegenheit für die sportlichen Großeltern, mit den Enkeln gemeinsam auf dem Platz zu stehen und zu schwitzen.“

„Zeit fürs Fitnesstudio ist ja da“

Doch nicht in allen Familien steht Sport an erster Stelle – und das Sportabzeichen verliere für viele Menschen den Reiz, meint Ralf Klemm, Sportreferent vom Kreissportbund Peine. „Von den Jugendlichen wird es eher belächelt“, meint er. „Wir waren damals noch froh, wenn wir zeigen konnten, dass wir gut beisammen sind.“ Dass sich die Menschen aber komplett vom Sport abwenden würden, denkt er nicht: „Zeit fürs Fitnessstudio ist ja da.“ Nur drückt so mancher heute wohl lieber mit einem Instagram-Post als mit einem Abzeichen aus, dass er „gut beisammen“ ist.

Die Anzahl der Sportabzeichen in Wolfsburg im Vergleich der vergangenen Jahre. Quelle: Sydow

In Peine und Gifhorn bleiben die Sportler eher dabei als in Wolfsburg

Dabei können sich die Gifhorner und Peiner nicht beschweren: Im Vergleich zur landesweiten Talfahrt der Sportabzeichen sind die Teilnehmerzahlen solide – wenn überhaupt, schwinden in den letzten Jahren eher die erwachsenen Teilnehmer als die Kinder und Jugendlichen, doch auch hier sind die Zahlen relativ stabil. „Seit Jahren mache ich auf vielen Veranstaltungen Werbung für das Sportabzeichen – es scheint zu fruchten“, freut sich Riedel aus Gifhorn. Wolfsburg hingegen hat sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern und Jugendlichen steile Einbrüche zu verzeichnen: Nahmen 2013 noch insgesamt 2019 Menschen teil, waren es 2018 nur noch 1446.

Unrealistische Anforderungen ärgern die Rentnerin

Eine von ihnen ist – eisern und unbeirrt – Renate Knop. Nicht nur am Springseil beweist sie jedes Jahr ihr Können, auch im Fahrradsattel und beim Kugelstoßen macht ihr niemand etwas vor. Nur einmal ärgerte sie sich bei der Prüfung: Beim Seilspringen sollte sie abwechselnd auf dem linken und dem rechten Fuß landen, 60 mal pro Fuß. „Ich habe 30 geschafft und war schon stolz!“, zürnt sie noch heute. „Das hat niemand sonst geschafft!“ Fast hätte sie das Handtuch geworfen, doch stattdessen schrieb sie dem Deutschen Olympischen Sportbund eine Beschwerde-Mail. Sechs Wochen später entschuldigte sich der Sportbund – und nahm die unrealistische Vorgabe aus dem Katalog. Ausdauer zahlt sich eben aus.

WAZ-Info: Termine und Ansprechpartner

Hier geht es zu den Sportabzeichen-Stützpunkten, Terminen und Ansprechpartnern für: Wolfsburg, Gifhorn und Peine.

Von Frederike Müller