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Stadt Wolfsburg Aller Einstieg ist schwer: So werden unsere Bushaltestellen barrierefrei
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Aller Einstieg ist schwer: So werden unsere Bushaltestellen barrierefrei
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07:00 24.09.2019
Es gibt noch nette Menschen, die dann helfen, wenn es gebraucht wird. Alleine ist die Höhe des Buseinstiegs für Rose-Marie Meeuw nicht zu bewältigen. Quelle: Mara-Ann Meeuw
Peine/Gifhorn/Wolfsburg

Mühsam bahnt sich Rose-Marie Meeuw mit ihrem Rollator den Weg zu ihrer Bushaltestelle. Auf der Falkenbergerstraße in Telgte will sie einsteigen, um in die Peiner Innenstadt zu fahren. Aber auf dem schmalen Gehweg dorthin ist wenig Platz, teilweise blockieren ihn geparkte Autos, sodass sie mit ihrem Rollator auf die Straße ausweichen muss. Das bedeutet, eine nicht abgesenkte Bordsteinkante zu überwinden – es herrscht Stolpergefahr.

Was ein gehbehinderter Mensch auf einer Busfahrt erlebt

Diese Probleme kennt die 64-Jährige zur Genüge. Sie hat kein Auto, ist also auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um zu Terminen zu fahren oder Einkäufe zu erledigen. Als der Bus dann – verspätet – ankommt, bittet die Seniorin den Fahrer, das Fahrzeug abzusenken, um ihr den Einstieg zu erleichtern. „Die Antwort ist oft frustrierend“, schildert die Rentnerin, „entweder weigern sich die Fahrer, den Bus abzusenken, weil es aus irgendeinem Grund nicht gehe, oder die Mechanik funktioniert erst gar nicht.“ Zudem parke der Bus zu weit vom Gehweg entfernt. Diese Zustände machten ein Einsteigen für Menschen mit Hilfsmitteln kaum bis gar nicht möglich. Jetzt heißt es also wie so oft: den schweren Rollator in den Bus hieven und darauf hoffen, dass irgendjemand ihr dabei hilft.

Bushaltestellen sollen barrierefrei werden.

„Immer auf Hilfe angewiesen zu sein oder den Rollator selber in den Bus heben zu müssen ist anstrengend. Auch beim Busfahren will ich unabhängig sein können“, betont Meeuw. Genau dabei soll das Personenbeförderungsgesetz (PbefG) helfen. Es trat 2013 in Kraft und schreibt vor, dass alle Kommunen bis zum 1. Januar 2022 Bushaltestellen barrierefrei gestalten müssen. Ziel ist es, Menschen mit Handicap die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs möglich zu machen.

Eine barrierefreie Bushaltestelle würde ein Absenken der Busse nicht mehr nötig machen, denn die neuen Stopps sollen so hoch sein, dass sie mit der Höhe der Buseinstiege übereinstimmen. Jede Haltestelle soll ein überdachtes Häuschen mit Sitzgelegenheiten haben sowie eine deutliche Trennung von Fuß- und Radwegen sowie Leitlinien auf dem Boden für Blinde aufweisen.

Sehbehinderte sind noch mehr benachteiligt

Besonders Letzteres würde Bettina Bodice freuen. Die 56-Jährige ist seit zehn Jahren sowohl seh- als auch gehbehindert und auf die Hilfe eines Rollators angewiesen. Sie nutzt solche Leitlinien am Boden zur besseren Orientierung. „Am schwierigsten ist es, die Bordsteine hochzukommen, weil auch abgesenkte Stellen oft nicht ganz auf Bodenhöhe sind“, sagt sie. Das sei eine Stolpergefahr, wenn man es nicht sehen könne und keine Leitlinien vorhanden seien.

Aber am schlimmsten sei es, wenn Busfahrer nicht an der Haltestelle halten, sondern zu weit davon entfernt. Eine barrierefreie Bushaltestelle wäre da hilfreich – wenn man denn Zugang zu ihr hat. In diesem Zusammenhang wirft auch das Deutsche Institut für Urbanistik (DifU) die Frage in den Raum, wie sinnvoll eine vollständig barrierefreie Haltestelle ist, wenn die Barrierefreiheit nicht auf ihr Umfeld zutrifft und Menschen mit Handicap gar nicht erst dorthin gelangen können.

Bettina Bodice hofft auf bessere Leitlinien für Sehbehinderte. Quelle: Mara-Ann Meeuw

Rose-Marie Meeuws Fahrt endet am Bahnhof in Peine. Dort wird gerade die Fahrbahn des Busbahnhofs saniert, sodass die Busse Ersatzhaltestellen ansteuern. Aber weder dort noch bei den regulären Haltestellen sei Barrierefreiheit gewährleistet, sagt Meeuw: „Erst muss man den Rollator die 20 oder 30 Zentimeter in den Bus hieven und dann wieder raus, Menschen mit Rollstühlen können hier gar nicht mit dem Bus fahren.“

Die 64-Jährige ist mit ihrer Kritik am Peiner Busbahnhof nicht allein. Auch Polizeioberkommissar Peter Bendrien, Kontaktbeamter bei der Stadtwache am Bahnhof, sagt: „Diese Haltestellen gelten bereits als barrierefrei, aber sie sind wirklich ausbaufähig.“ Die Zugänge müssten breiter sein und die Bordsteine wirklich bodengleich abgesenkt werden, sodass keine Stolperkante bleibt.

Wie technische Hilfsmittel benachteiligte Menschen unterstützen:

Peine hat einen langen, kostspieligen Weg vor sich und nur noch etwas mehr als ein Jahr Zeit.

In der 12 500 Einwohner zählenden Gemeinde Edemissen im Landkreis Peine hat man bereits begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Im kommenden Jahr soll dort mit dem Umbau der Haltestellen begonnen werden. „Zuerst müssen wir eine Bestandsaufnahme machen“, sagt Gemeindesprecher Oliver Völkening. Rund 80 Bushaltestellen gebe es insgesamt in den 14 Edemisser Ortschaften. Einige davon seien bereits jetzt barrierefrei.

Für barrierefreie Umbauten gibt es Fördermittel

„Bei manch anderen kommt allerdings ein größerer baulicher Aufwand auf uns zu“, erklärt Völkening. Demnach fallen die Baumaßnahmen von Haltestelle zu Haltestelle unterschiedlich aus. „Man muss den Einzelfall betrachten, aber pro Haltestelle können schon mehrere Tausend Euro zusammenkommen“, erklärt der Sprecher. Mit einer Gesamtinvestitionssumme im sechsstelligen Bereich sei also zu rechnen. Glücklicherweise soll die Maßnahme aber zu großen Teilen durch Fördermittel des Landes finanziert werden.

Was versteht man unter Barrierefreiheit?

Barrierefreiheit definiert sich durch Auffindbarkeit, Zugänglichkeit und Nutzbarkeit der gestalteten Lebensbereiche für alle Menschen. Zugang und Nutzung müssen für Menschen mit Behinderung in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe möglich sein. Die Nutzung persönlicher Hilfsmittel ist hierbei zulässig.

Zu den barrierefrei gestalteten Lebensbereichen gehören unter anderem bauliche und sonstige Anlagen, die Verkehrs­infra­struktur, Beförderungsmittel im Personen­nah­verkehr, technische Gebrauchs­gegenstände und Systeme der Informations­verarbeitung.

Schwierigkeiten und Lösungsvorschläge

Für Menschen mit Einschränkungen in der Mobilität oder Sensorik tauchen bei der Nutzung von Bussen und Bahnen immer wieder ähnliche Probleme auf. Es gibt diverse Leitfäden, welche Schwierigkeiten das sind und wie sie vermieden werden können.

Diese Haltetelle ist vorbildlich: Die Aufenthaltsfläche davor ist groß genug, Bodenreliefs helfen Sehbehinderten.. Quelle: Gabriele Gerner

Einige Beispiele: Kleinwüchsige haben es oft schwer, Bedienelemente, Automaten, Entwerter oder Festhaltemöglichkeiten zu erreichen.

Für Blinde oder Sehbehinderte ist das Auffinden der Haltestelle, das Erkennen von Bahnsteigkante, Tür oder Automaten schwierig. Fehlen akustische oder haptische Informationen zum Fahrplan oder zur Ausstiegshaltestelle, finden sie sich nicht zurecht. Wenn Orientierungshilfen fehlen, besteht Verletzungsgefahr zum Beispiel durch Stürze.

Menschen, die nicht gut oder gar nicht hören können, ist es nicht möglich, akustische Informationen wie Durchsagen oder auch Warnsignale wahrzunehmen.

Wer mit einem Rollstuhl oder Rollator unterwegs oder gehbehindert ist, hat oft Probleme, den Bahnsteig zu erreichen, in Fahrzeuge einzusteigen und sich dort sicher zu platzieren. Das gilt mitunter auch für Fahrgäste mit Kinderwagen oder sperrigem Gepäck.

Abhilfe geschaffen werden kann unter anderem durch einen niveaugleichen Einstieg, einen stufenfreien Haltestellenzugang und Hilfen zum Auffinden des Haltestellen- und Einstiegsbereichs und auch durch Informationen, die auf drei Wegen angeboten werden: sichtbar, hörbar und tastbar.

Von Lara-Ann Meeuw

In den Städten und Gemeinden werden seit einigen Jahren schrittweise alle Bushaltestellen barrierefrei umgebaut. Ein teurer Aufwand für die Kommunen. Ist es wirklich sinnvoll, jede einzelne Bushaltestelle barrierefrei zu gestalten? Was ist Ihre Meinung? Wer an unserer WAZ-Umfrage teilnimmt, kann einen 100-Euro-Gutschein der Konzertkasse gewinnen.

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